On The Road Again

Der Wind weht und es wird allmählich Zeit, ihn wieder um einiges freier und frischer um die Nase wehen zu lassen, als dies im schnöden Alltag möglich ist. Aufbruchsstimmung kribbelt nach und nach durch die Blutbahnen. Doch in Wirklichkeit ist der Alltag längst nicht mehr so schnöde, es gibt auch hier immer wieder neue Kringel im internen Lebenskalender, die noch lange und hell nachleuchten und magische Momente markieren. Diese sind geprägt von baumelnden Seelen, den unterschiedlichsten Genüssen, wunderbaren Gesprächen, alles schwebt für sich zeit- und schwerelos im Raum, wird enger und vertrauter, klarer und dankbarer. Wichtigkeiten verschieben sich und konzentrieren sich aufs Neue. Ein Netz spinnt sich weiter und gibt neuen Halt, wenn man bereit ist, los zu lassen von alten Ängsten und Bedrohlichkeiten, um sich endlich frei und vertrauensvoll fallen zu lassen. Ein Lachen holt mich aus dem Schlaf und in den Tag. Gegen das Licht sehe ich nur eine Silhouette, die leise zu mir spricht. Und ich weiß, ich bin am Leben, mittendrin im Leben an diesem Morgen und längst dort angekommen, wo ich gerne und möglichst lange bleiben möchte. Dabei ist es mir egal, ob der Regen gegen das Fenster klatscht oder die Sonne meine Haut rötet. Wichtig und heilig ist mir, all diese Momente zu teilen mit jemandem, der sie zu schätzen weiß. Rohe Diamanten würde man gegebenenfalls achtlos wegwerfen, wenn man sie als solche nicht erkennt. Nehmen wir uns die Zeit zur Erkenntnis und die innere Ruhe, sie zu schleifen, damit sie funkeln und blitzen, und so ihre ganze Pracht offenbaren. Dann werde ich mich wieder auf die Straße begeben und reisen mit leichtem Gepäck, alleine, aber niemals einsam. So werde ich mich freuen und einlassen können auf all die Begegnungen, die auf mich warten, um mit neuen Eindrücken und noch größerer Freude wieder dahin zurückzukehren, wo ich zu Hause bin: Dort, wo mein Herz schlägt.

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Bretonisches Tagebuch Teil 2: Dinard, Côte d’Émeraude

 In loser Reihenfolge werde ich den Bericht zu meiner Reise in die Bretagne im August 2009 fortführen. Heute also Teil 2: Dinard, Côte d’Émeraude
Strand von Dinard

Strand von Dinard

Mittwoch, 19.08.2009

Heute geht es weiter nach La Chèze  zum dortigen Bluesfestival, dem Hauptgrund meiner Reise in die Bretagne. Ich habe wenig bis keine Ahnung, was mich dort erwartet, aber die Vorfreude sendet positive Signale.

Da ich mich erst für den späten Nachmittag angekündigt habe, kann ich mir Zeit lassen und werde deshalb noch etwas an der nördlichen Küste verweilen. Den Campingplatz in Cancale verlasse ich so gegen 9 Uhr, das Minizelt war schnell abgebaut und verstaut.

Jetzt geht es entlang der Küste Richtung St. Malo. Immer wieder geht mein Blick aufs Meer, hier und da halte ich an, um einige Fotos zu machen.

Côte d'Émeraude

Côte d'Émeraude

Ich beschließe, nicht nach St. Malo hineinzufahren und entscheide mich für einen Kurztrip nach Dinard. Erinnerungen werden wach als ich am Gezeitenkraftwerk an der Mündung der Rance ankomme: 1970 war ich das erste Mal in der Bretagne, in St. Brieuc, der Partnerstadt meiner Heimatstadt Alsdorf. Ein Tagesausflug bescherte uns eine Bootsfahrt auf eben diesem Fluss von Dinan bis hierher. Ich beginne zu rechnen. Ist das wirklich schon 39 Jahre her? Manche Gesichter tauchen im Geiste auf, Namen fallen mir ein. Ich weiß noch ganz genau, dass wir als Proviant hart gekochte Eier dabei hatten, die gar nicht appetitlich rochen. Daran sie zu essen, war nicht zu denken. So haben wir sie als Wurfgeschosse umfunktioniert, auf vorbei treibende Holzstücke gezielt und dies zu treffen versucht. Ehrlich, so etwas fanden wir damals lustig…

Rance- Das Gezeitenkraftwerk

Rance- Das Gezeitenkraftwerk

Bevor ich Einzug halte in den alten Badeort, der übrigens sehr von Briten bevorzuget wird und den man Nizza des Nordens nennt, mache ich noch einen Stopp in einer Niederlassung einer amerikanischen Systemgastronomiekette. Es ist eins der Häuser mit dem großen, gelben M, das schon von weitem nicht zu übersehen ist.

Der Grund meines Stoppens ist nicht der eher fragliche kulinarische Aspekt, sondern der, dass es in diesen Etablissements in ganz Frankreich wohl freie Hotspots gibt, WiFi oder Wlan, ermöglichen ein Anzapfen des Internets. Hier ist das Ganze zudem kostenlos. Also nehme ich mein elektronisches Notizbuch, setze mich an einen Tisch und bin gespannt, ob und wie das Ganze funktioniert.

Es ist ganz einfach, das Notebook findet ohne Umschweife das Netz, man wählt sich auf die hauseigene Seite des großen M’s ein, bestätigt die Nutzungsbedingungen und schon geht es los.

Ich bin neugierig auf meine Emails. Es warten über 20 auf mich. Die meisten wandern gleich in den elektronischen Mülleimer, über zwei, drei freue ich mich sehr, was mich gleich zu antworten motiviert. Dann schnell noch ein paar Blicke auf meine Lieblingsseiten im WWW und schon meldet das System Akkuschwäche.

Dieser kurze und beruhigende Abstecher in heimatliche Gefilde, der Kontakt mit den lieben Menschen daheim, das tut gut für den Moment. Immerhin habe ich außer mit der etwas mürrischen Dame an der Rezeption des Campingplatzes von Cancale, bei der ich meine Rechnung für den Aufenthalt zahlte, noch mit niemanden gesprochen an diesem Tag.

Ich fühle mich sauwohl. Das Nomadenleben macht mir wieder so richtig Spaß. Die Sonne scheint, der Himmel ist sowas von blau, jetzt gilt es nur noch einen Parkplatz in der Stadt zu ergattern. Nach einigem Kurven findet sich auch eine Parklücke mitten in der City.

Da ich während der Suche schon eine unfreiwillige Stadtrundfahrt gemacht habe, fällt mir die Orientierung jetzt leicht. Ich begebe mich hinunter zum Strand.

Strand von Dinard

Strand von Dinard

Wir haben immer noch Ferien in Frankreich, Dinard ist voller Menschen. So auch der Strand. Ich stehe an der Promenade und tauche ein in die lebende Kulisse zu Eric Rohmers Film «Conte de l’été» aus dem Jahr 1996. Auf Deutsch trägt er den Titel «Sommer». Der Film ist aus seinem Vierjahreszeitenzyklus und erzählt die Geschichte eines Sommers, in dem der Student Gaspard Entscheidungen in puncto Leben und Liebe treffen muss. Drei äußerst unterschiedliche Frauen, die er in Dinard trifft, machen ihm diese Entscheidung nicht gerade leicht. Ein Film voller interessanter Dialoge, schönen Bildern und mit sympathischen Darstellern.

Gaspard et Margot

Conte d' été von Eric Rohmer (Gaspard & Margot)

Die Idee schießt mir in den Kopf, das Café zu suchen, in dem Margot, eine der Hauptfiguren im Film als Ferienaushilfe arbeitet. Während ich so die Uferpromenade entlang schlendere, kommt mir der Song «Santiano» in den Sinn. Ich fange an, ihn vor mich her zu summen. Er spielt in dem Rohmer Film eine Rolle, aber auch in meinem Leben, hier in der Bretagne habe ich ihn damals zum ersten Mal gehörtdamals eben vor 39 Jahren, und die Version des französischen Sängers Hugues Aufray, der mittlerweile auch schon 70 Jahre zählt (töstlich!!), war da  ein Hit und reifte zum Wurm in meinen Ohren. Es gibt Situationen, die man auf ewig mit bestimmten Musiken verbindet, dies ist so eine, die unweigerlich mit dem Jahr 1970 verbunden ist. Zumindest für mich. Später als ich anfing, selbst Musik zu machen mit bretonischen, irischen und deutschen Folksongs, war dieses Lied auch im Repertoire.

Die Leuchtfeuer von Saint Malo, der Stadt Dinard gegenüber auf der anderen Seite der Rance- Mündung,  finden in diesem Seemannslied Erwähnung und eben auch eine Frau mit Namen Margot.

Ich beginne in Erinnerungen zu schwelgen, die durchsetzt werden mit Szenen aus dem Film von Eric Rohmer. Hätte ich mir doch nur den Film kurz vor der Abreise noch einmal angesehen, ich tue mich schwer, irgendeinen Platz auch nur annähernd wieder zu erkennen. Schließlich stehe ich vor einer Art Trockendock, auf dem zwei reparaturbedürftige Schiffe liegen. Ich mache ein, zwei Fotos, gehe weiter bis zur Kaimauer. Die Worte „Warum auch nicht?“ im Kopf fotografiere ich eine Häuserfront an der Place Jules Boutin.

Das Filmcafé

Das Filmcafé (oben rechts)

Erst zu Hause, weil mich die Neugier nicht ruhen ließ, und ich mir den Film dann doch noch einmal zu Gemüte geführt hatte, stellte ich dann jubelnd fest, dass dieses Café, genau das Filmcafé just auf diesem Foto mit der Häuserfront zu sehen ist. Nur ist es „im richtigen Leben“ gar kein Café, sondern wohl eher eine Wohnung.

Bedingt durch das milde Klima des Golfstroms gedeihen hier in Dinard Palmen. Das gibt dem Ganzen ein mediterranes Flair. Nizza eben. Unter einer dieser Palmen nehme ich auf einer Bank Platz, schaue versonnen auf die Bucht, die Tour Solidor, einen Turm, der Bestandteil der Festungsanlage um St. Malo ist, sehe eine Gruppe von Menschen, die geduldig auf die Ankunft der Fähre wartet. Hier stieg auch im Film Gaspard aus und später wieder ein.

Tour Solidor in St. Malo

Tour Solidor in St. Malo

Es ist Mittagszeit, während am Hauptstrand Hochbetrieb herrscht frönt die Geschäftswelt der Stadt der Siesta. Die meisten Läden sind geschlossen.

Das nächste Ziel, das ich anvisiere, ist Erquy. Der Strand hier ist mir noch aus frühen Jugendtagen vertraut, Nostalgie ist angesagt. Diese vergeht aber alsbald im Stau kurz vor dem Badeort und spätestens bei der der vergeblichen Parkplatzsuche und den Massen Sonnenschirm, Kühlboxen und Klappstühlen bewaffneter Menschen, die sich karawanenartig Richtung Strand bewegen, ändere ich meinen Plan und beschließe, der Küste vorerst den Rücken zu kehren und nach direkt La Chèze zu fahren. „Dann bin ich eben etwas früher da…“, denke ich und stelle das Navi auf seinen neuen Zielort ein.