2. . Bretonisches Tagebuch – Teil 7 – St. Quay de Portrieux, Étables sur Mer und nach Hause 26.08.2010

St. Quay de Portrieux

St. Quay de Portrieux

Darf man Wettervorhersagen trauen? Ist es klug, sich darauf zu verlassen? Nach der unfreiwilligen Morgendusche am gestrigen Mittwoch habe ich es mir nicht nehmen lassen, im Internet meteorologischen Beistand anzufordern.

Der sagt für die Bretagne wie für die Normandie und für heute erhebliche, himmlische Wasserfälle voraus.

Gegen 7.30 Uhr scheint sich das schon zu bewahrheiten. Die Regentropfen pochen erneut auf die Außenhaut des Zeltes.

Ok, dann war es das eben. Und bevor ich mir hier den berühmten Tag zuviel antue, werde ich in den Tag hinein bummeln, mir noch etwas die Gegend anschauen, letzte Einkäufe tätigen und gemütlich nach Nordosten Richtung Heimat schaukeln. Denkbar ist auch einfach in die Nacht hineinzugondeln und dann auf deren anderen Seite am heimischen Zielhafen einzulaufen.

Der morgendliche Regengruß ist zum Glück nur von kurzer Dauer, und dennoch werde ich das Oberzelt wieder nicht trocken verstauen können.

Gegen 10 Uhr ist alles gepackt, der Müll brav, so wie es sich gehört, entsorgt. Auf dem Platz selbst herrscht schon so etwas wie Nachsaisonsstimmung.

Vermutlich wird es nach dem Wochenende, an dem in ganz Frankreich, Belgien und in Nordrheinwestfalen die Ferien zu Ende gehen noch um einiges ruhiger.

Ich rolle gemächlich vom Platz, die Rechnung habe ich schon bei der Anmeldung beglichen. Bis zum ersten Stopp ist es gar nicht weit: Gleich rechts vom Strand in St. Quay de Portrieux ist eine Bäckerei mit hervorragenden Teigwaren.

So erstehe ich ein „pain aux raisin“, bei uns landläufig bekannt als Rollkuchen oder Rosinenschnecke und ein „pain au chocolat“, hier Sckocroissant genannt. Beides gereicht zu einem morgendlichen Frühstückshochgenuss,

Zum Verzehr setze ich mich auf eine Bank oberhalb des Strandes, der aufgrund der aktuellen Flut weitaus kleiner ist, als er es vor einer Woche war, als ich an gleicher Stelle saß und aß.

Der Strand ist wenig belebt, es ist ja auch noch relativ früh, immerhin regnet es nicht und die Temperaturen liegen ein angenehmes und gutes Stück über 20 Grad Celsius.

Plage des Godelins

Plage des Godelins

Dann geht’s weiter. In Étables sur Mer biege ich ab und erreiche die Plage du Moulin. Auch dieser Strand ist beinahe menschenleer. Wo vorige Woche sicher noch fast wegen Überfüllung geschlossen werden musste, herrscht jetzt wieder beinah idyllische Ruhe.

Ein paar Fotos und dann weiter zur Plage des Godelins. Hier das selbe Bild wie vorher. Einige Jogger, ein breiter Mann mit einem breiten Hund. La saison morte, die tote Saison, hat bereits begonnen.

 In mir spüre ich etwas wie Wehmut aufkeimen, ja, es ist klar: Der Urlaub, die ganze Saison, der Sommer und die Vorfreude auf all das, sie sind passé. Vorbei und aus.

 Doch der Blick richtet sich wieder nach vorn auf all die Vorhaben, die Dinge und Begegnungen, die jetzt kommen werden, geplant oder auch eben nicht.

 Ich sitze auf der Bank, atme die frische Seeluft ein, schließe die Augen für einen kurzen Moment nur und einen langen, tiefen Gedanken, bei dem mein Herz vor Freude hüpft und ein Lächeln huscht über meine Lippen.

 Also: Auf ! Auf!

 Der Supermarkt in St. Brieuc bietet mir wieder feinste Crevettes, Käse, Brot und noch ein paar Dinge, von denen ich mir gerne noch etwas mitnehmen möchte.

Systemgastronomie

Systemgastronomie

Gegenüber beim großen M checke ich noch mal meine Mails und schreibe noch eine, in der ich mein heutiges Vorhaben erkläre.

 Die Aufnahme mit Superkraftstoff muss ich leider auf eine andere Tankstelle verlegen, weil sich die hiesige nur mittels einer bestimmten Kreditkarte bedienen lässt. Der Kassierer frönt indes seiner sicherlich verdienten Mittagsruhe.

Je weiter ich nach Osten gelange, umso dunkler wird es. Mit dem Überschreiten der Grenze zum Departement „Basse Normandie“ beginnt ein Dauerregen, der mir die nächsten 600 Kilometer das Gefühl geben wird, in einer schier unendlich erscheinenden Autowaschstrasse unterwegs zu sein.

Pluie, Regen, Rain

Pluie, Regen, Rain

Und wohl gemerkt, was da so aus den Wolken fällt ist kein Nieselregen, es ist die volle Breitseite. Manchmal kann man keine 20 Meter weit sehen. Hinzu kommt das aufspritzende Wasser der vorausfahrenden Autos oder noch schlimmer das der LKW.

 In Villers Boccage, kurz vor Caen, muss ich an die Box zum Tanken. Ich entschließe mich, die Autobahn zu verlassen und nach einem Supermarkt nebst angeschlossener Tanke Ausschau zu halten.

 Ich werde sogar relativ schnell fündig. Etwas verwundert bin ich schon, das allerdings weniger über den Literpreis für den Sprit von 1,279 €, sondern eher darüber, dass es hier regenmäßig nur noch tröpfelt.

 Vielleicht war es ja das jetzt mit diesem Dauerwasserfall.

 Schon auf der Beschleunigungsspur beim Einfädeln in den fließenden Verkehr wieder auf die E401 werde ich eines Besseren belehrt: Der nasse Wahnsinn hat kein Ende, sondern einen herzlich brutalen Wiederanfang.

Von den 12 Kilometern um Caen herum, erlebe ich die letzten vier im Stau und somit  im Schritttempo, was auch gut so ist, denn aufgrund des nochmals gesteigerten Wasseraufkommens oder besser – niederkommens pro Quadratmeter, wäre eine schnellere Fahrweise wohl weniger angebracht.

Pont de Normandie

Pont de Normandie

Selbst auf dem Pont de Normandie. der Brücke über ddie Seine Mündung bei Le Havre macht die Wasserschlacht keine weitere Pause.

Es hält sich so dran bis ich dann nach Stunden endlich nördlich von Paris auf die A1 komme, hier hört der Regen gänzlich auf.

In ein paar Stunden, so ziemlich genau um 22.55 Uhr werde ich dann zu Hause sein, durchatmen nach diesem Horrortrip, den Telefonhörer schnappen und genau davon erzählen und davon, dass ich wohl behalten wieder angekommen bin.

Spuren

Spuren

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2. Bretonisches Tagebuch – Teil 6 – Roscoff und St. Quay de Portrieux 25.08.2010

Wednesday Morning

Wednesday Morning

Blues ist für mich, wenn es trotzdem irgendwie immer weiter geht. Es ist weiter gegangen. Trotz Regen und heftigem Wind, die mich gestern an den Rand der Verzweiflung trieben.

Eine Vorahnung lässt mich gegen 5:15 Uhr wach werden. Ich schreibe eine SMS und legte sie auf „Halde“ in den Speicher. Um 6:30 Uhr fängt der Regen an, auf das Zeltdach zu trommeln und der Wind beginnt sein Zerren an meinem dünnhäutigen Schneckenhaus. Der erste Tropfen fällt mir in den Rücken, noch kaum wahr genommen und beachtet. Den Zweiten und den Dritten und erst recht die Folgenden nehme ich schon ernster und sehr persönlich und quittiere sie mit einer Zeltflucht ins dichte Auto.

Da sitze ich nun, ich nasser Tropf und grübele über den Fortgang nach. Das Zelt bei dem Wetter abzubauen, ohne eine dicke Erkältung zu riskieren, scheint mir glatt unmöglich.

Kurz nach Elf stockt der ergiebige Regenguss und ich sehe meine Stunde gekommen: Innerhalb von 15 Minuten habe ich das Zelt abgebaut und leider viel zu nass ins Auto verladen müssen.

Noch schnell zum Empfang und bezahlen, den Müll artgerecht entsorgen. Das war’s dann für mich und den Camping „Les Pins“ in Crozon.

In dem Ort selbst ist ein groß angelegter Markt, deshalb sind gleich sämtliche Durchfahrtsstraßen gesperrt. Die Umleitung (Deviation) ist großzügig ausgeschildert.

Mein Ziel ist Roscoff, die alte Korsarenstadt. Wieder in den Norden der Bretagne. Nicht viel Zeit bleibt, aber es wird reichen für eine Stippvisite. Das Wetter bleibt trüb die ganze Fahrt über. Über Roscoff lässt sich dann ab und an wenigstens ein blauer Hoffnungsflecken am Himmel erkennen.

Meine etwas im Keller ruhende Laune, klettert sogleich wieder einige Stufen in Richtung Parterre. Vorbei fahre ich an dem für Touristen ausgewiesenen Parkplatz. Ich habe das Gefühl, dass das Glück mir heute noch etwas schuldig ist und bekomme Recht, das sich zunächst in einem Parkplatz direkt am alten Hafen manifestiert.

Gegenüber befindet sich eine Friterie, an der ich gleich eine mittlere Portion Kartoffelstäbchen ordere, Senf, Mayonnaise und weitere Zutaten sind als Dreingabe im Preis von 2,50€ inbegriffen.

Friterie

Friterie

Die Nahrungsaufnahme steigert meine Laune um einige weitere Stufen, Parterre ist zumindest wieder erreicht, ich greife mir die Kameratasche und begebe mich auf Erkundungstour.

Möwe

Möwe

Es ist Ebbe und so liegen viele Boote im Hafenschlick auf dem Trockenen. Bei meinem Spaziergang mache ich die Bekanntschaft mit einer Möwe, die weder menschen- noch kamerascheu ist. Vielleicht war sie im früheren Leben mal Fotomodel, denn der Vogel wirft sich sichtlich zuvorkommend in Pose. Das Ganze passiert nur eine halbe Armlänge von mir entfernt.

Roscoff Hafen

Roscoff Hafen

Der Abstecher nach Roscoff erweist sich als wahrer Glücksgriff, in einem Laden finde ich den lang gesuchten Lederhut mit breiter Krempe, der auch noch auf meine „grosse tête“, meinen großen Kopf passt.

So schließt dieser anfänglich eingetrübte Tag mit einer Menge farbenfroher Ereignisse, ich beschließe die Nacht wieder in St. Quay de Portrieux zu verbringen. Mein treues Gefährt bringt mich sicher die etwa 100 Kilometer entfernte Strecke weiter und erneut zum Campingplatz „Bellevue“, den ich exakt vor einer Woche verlassen habe, um nach La Chèze aufzubrechen.

Der Platz wirkt im Vergleich zur letzten Woche bereits sehr ausgestorben, und das, obwohl in Frankreich die Sommerferien erst am kommenden Wochenende zu Ende gehen.

Mond

Mond

Außerdem wird es schon spürbar  früher dunkel und der Vollmond schiebt sich durch die treibenden Wolken. Noch ein kleines Telefonat und die Welt ist wieder rund und alles im ruhigen Fluss.

2. Bretonisches Tagebuch – Teil 5 – Crozon 25.08.2010

Café (grande tasse)

Café (grande tasse)

Camping. Für mich immer noch die beste Option auf Reisen Unterschlupf zu finden. Das eigene Schneckenhaus da aufzuschlagen, wo es passt. Und wenn es nicht (mehr) passt, wieder abzubauen. Und weiter geht’s.

Auf manchen Campingplätzen habe ich bisweilen kuriose Dinge erlebt. Es gibt Menschen, die sich vom eigentlichen Zuhause fortbewegen, um genau wieder die Dinge zu tun, die sie dort ebenfalls verrichten würden. Rasenmähen beispielsweise. Oder Trimmen dieses Grüngewächses. Mit dem Zweitrasenmäher bzw. –trimmer. Immer hübsch im Slalom zwischen die aufgestellten Gartenzwerge hindurch.

Letztens wurde mein beschauliches Nomadendasein einen ganzen Nachmittag von intensivem Hämmern begleitet. Da bastelte wohl ein Zeitgenosse im Blaumann an der Perfektionierung des Regenablaufs seines Wohnwagens mit Ziel in die bereitstehende Tonne.

Morgens am Tag darauf, als ich gerade vom Duschen zurückkam, sah ich ihn im Morgenmantel auf einer Trittleiter wieder den Hammer schwingen.

„Du Harry, in welcher Welt leben wir eigentlich?“, höre ich die Stimme von Stefan Derrick sagen. Und fasse mir innerlich an den sich schüttelnden Kopf.

Zehn Tage bin ich jetzt schon wieder unterwegs. Langsam wird es Zeit, den Rückzug zu planen. Immer häufiger greife ich nach der Karte und überlege, wie ich es am besten einrichte, noch etwas Neues zu entdecken in diesem wundervollen Landstrich und mich gleichzeitig wieder einem Punkt zu nähern, von dem ich dann bequem in einer Tour den Heimweg antreten kann.

Crêperie in Crozon

Crêperie in Crozon

Immer noch auf der Halbinsel von Crozon im äußersten Westen der Bretagne. Die „Hauptstadt“ Crozon ist ein hübscher Ort mit zahlreichen kleinen Geschäften und Cafés im Zentrum. Etwas außerhalb findet sich ein riesiger Supermarkt mit allem, was das Konsumentenherz höher schlagen lässt.

Bis zum Badestrand von Morgat sind es schlappe 4 Kilometer. Der Abstecher lohnt auf jeden Fall. Ein breiter Sandstrand erwartet den Sonnenanbeter. Wenn die Sonne dann scheint, am Montag tat sie dies. Heute ist es zunächst einmal regnerisch und grau.

Morgat (Strandcafé)

Morgat (Strandcafé)

Aber das Wetter in der Bretagne ändert sich bekanntlich schnell. Es noch früh, warten wir’s ab.

2. Bretonisches Tagebuch – Teil 4 – Crozon 23.08.2010

Pointe de Dinan

Am Ende der Welt. Finisterre. Der Himmel ist blau. Kein Wölkchen mehr. Und das nach dieser Nacht. Gegen vier Uhr rappelte der Wind erbarmungslos an meinem Zelt und Regen trommelte unerbittlich auf die Außenhaut desselben.

Das Festival von La Chèze ist nun schon wieder Geschichte, Geschichte der brandaktuellen Jetztzeit zwar, aber immerhin schon wieder Geschichte.

 Und alles war neu und alt, aktuell und mit Vergangenheit. Alte Bekannt- und Freundschaften wurden aufgefrischt und vertieft,Neue geschlossen.

 Natürlich stehe ich noch unter den Eindrücken der letzten vier Tage, sehe noch die Gesichter, höre noch die Stimmen, drehe am Rädchen meiner Kamera und lasse durch die Fotos Revue passieren, was war.

Und das war eine ganze Menge. Musik. Lachen. Worte. Einsichten. Verstehen. Wiedertreffen. Alte Sprachen, neue Sprachen. Musik. Musik. Und nochmals Musik.

Francesco Píu, der Bluesmann aus Sardinien, ein klasse Musiker und Entertainer, dem es Spaß macht Musik zu machen, den Blues zu spielen und der wie kaum ein anderer in der Lage ist, diesen Spaß auch an das Publikum weiter zu geben. Er wartet mit einer Performance auf, dass einem das Herz überläuft vor Freude. Das Ganze geschieht mit einer Leichtigkeit, er weiß seine eigentliche Perfektion gekonnt zu überspielen.

Fancesco Píu in La Chèze

Fancesco Píu in La Chèze

Egal, ob er un Freddie King’s „Tore Up“ oder Sonny Boy Williamson’s  „Don’t Start Me Talking“ zum Besten gibt, er gibt den Titeln eine ganz persönliche Note.

Für mich der Oberknaller: Francesco’s Vesion von Dylan’s „All Along The Watchtower“. Zu hören ist dieser neben anderen wunderbaren Interpretationen auf Fancesco’s empfehlenswerter  gerade erschienenen CD „Live At Amigdalia Theate“, die er mit seinen Begleitmusikern Davide Esperanza (Harmonikas) und Pablo Leoni (Dums & Perkussion) eingespielt hat.

Francesco ist ein Unikum, ein lieber Mensch, der einem sofort ans Herz wächst. Ach so, ganz vergessen: Er spielt seinen eigenen Stil auf der Gitarre, ob Martin oder Dobro, er hat sie beide im Griff. Mundharmonika spielt er auch und Waschbrett, das aber zum Megaphon, durch das er dann Muddy Water’ s „Got My Mojo Workin’“beim Gang durch die Zuhörerreihen intoniert.

Für mich gab es noch weitere neue Highlights an diesem Bluesfestivalwochenende. Doch davon in den weiteren Blogeinträgen.

Jetzt wird der Tag allmählich zum Abend, es dunkelt, ich sitze mit Francesco’s Musik im Ohr auf dem Campingplatz „Les Pins“, schreibe dieses unter freiem Himmel und habe vor ein paar Stunden ein Stück vom Ende der Welt gesehen.

Pointe de Dinan

Pointe de Dinan

Ich bin auf der Halbinsel von Crozon und war eben an der Pointe de Dinan, um mich im Anblick dieser schroffen Naturschönheit in Demut zu üben, was mir, glaube ich, ganz gut gelungen ist.

2. Bretonisches Tagebuch Teil 3 – 17.08.2010 bis 18.08.2010 St. Quay de Portrieux

Bucht bei Paimpol

Bucht bei Paimpol

St. Brieuc hat auf die Schnelle keinen freien Parkplatz für mich und da mir im Moment überhaupt nicht nach Stadtgetümmel ist, begebe ich mich gleich wieder weiter nach Norden Richtung Binic und St. Quay de Portrieux.

In Binic werde ich zunächst einmal in einen ausgiebigen Stau gebunden, Geduld ist gefragt, denn die Ortsteingangsampel lässt nur jeweils ein paar wenige Fahrzeuge passieren.

In St. Quay ist die touristische Hölle los, achtsames Fahren ist gefragt, da weniger achtsame Fußgängermassen bisweilen ohne sich umzuschauen auf die Straße treten.

Ein Belgier hält bei grüner Ampel mitten auf dem Zebrastreifen an, um Madame nebst Pummeltochter in Hotel- oder Boutiquenähe aus dem Wagen zu lassen. Ein wenig Abschiedsgewinke, dann geht’s auch schon weiter, zumindest für ihn und bei Rot, was die Grün habenden mit einem unharmonischen Hupkonzert quittieren.

Ein Grinsen kann ich mir nicht ersparen.

Das Schild mit der Aufschrift „Camping Bellevue“ ist sehr niedrig angebracht, ich entdecke es relativ spät im Kreisverkehr, also drehe ich eine Ehrenrunde und nehme die entsprechende Ausfahrt.

Die Straße zieht sich noch etwas hin, dann geht es im 90 Gradwinkel in die Einfahrt zum Gelände.

Der Mensch an der Rezeption lässt auf sich warten, warum das so ist, begreife ich, als er das junge Pärchen vor mir abgefertigt hat: Er schwingt sich aufs Fahrrad und zeigt ihm wie jedem Neuankömmling seinen Stellplatz.

Service auf der einen Wartezeit auf der anderen Seite.

Mein Platz liegt auf der terrassenförmig angelegten und dem Meer zugeneigten Seite. Von hier hat man einen wunderbaren Ausblick auf die Felsnasen und Buchten Richtung Norden. Hier kann man’s aushalten.

Camping Bellevue

Als Abendmahl bereite ich mir in der Pfanne die Crevettes zu mit ordentlich Knoblauch und in Olivenöl, dazu gibt es einen herrlich mundenden und dank meiner Kühlbox wohl temperierten Gris und Weißbrot.

Der Wind weht mit leichter Wucht, so ist das Kochen auf der Gasflamme ein Kunststück. Ich baue mir aus dem Tisch, den ich schräg auf eine der beiden Bänke kippe, einen Windschutz. Den Gaskocher stelle ich dahinter auf die andere Bank. Somit ist der Wind weitestgehend ausgetrickst.

Gegen 3 Uhr bin ich wach, krabbele aus dem Zelt und finde mich unter einer riesigen Sternenkuppel wieder, kein Wölkchen am Himmel, atemberaubendes Panorama.

Da ich putzmunter bin, schreibe ich meinen Blogeintrag. Tagsüber zu schreiben, ist im Freien schwierig, da ich au dem Laptopmonitor kaum etwas erkennen kann. So sitze ich wie auch jetzt in meinem „Caroffice“ und tippsele munter vor mich hin.

Die Tastatur spinnt hin und wieder mal, da werden Textpassagen urplötzlich wie von selbst markiert und verschwinden gänzlich oder der Cursor springt willkürlich an eine andere Stelle im Text und wenn man nicht aufpasst, schreibt man eben dort weiter.

An diesem Mittwoch, der das Datum 17. August 2010 trägt, mache ich einen Ausflug an alt vertraute Plätze, von denen ich nicht mehr allzu viel wiedererkenne. Alles auf frisch getrimmt, so viele Neubauten. Nicht meine Welt, jedenfalls nicht die von damals.

Strand in Perros- Guirec

Aber heute ist heute und ich bin froh, wieder in der Region zu sein. Sie ist recht abwechslungsreich.

Paimpol, Perros- Guirec, Ploumanach, Tregastel liegen auf meiner Route. Hin und wieder halte ich an, um Fotos zu machen wider das Vergessen und für die Erinnerung.

Einen krzen Stopp mache ich noch in Runan. Die alte Kirche der Tempelritter ist ein zu schönes Fotomotiv.

Kirche in Runan

Gegen 18Uhr bin ich zurück auf dem Campingplatz. Meinem Hunger begegne ich mit Merguez und Spaghetti, eine etwas ungewöhnliche Kombination, aber durchaus sättigend.

Morgen ist der 19. August, dann fängt in La Chèze das Festival „Blues au Château“ an und ich werde dort sein, um alte Freunde zu treffen und neue Freundschaften zu schließen.

2. Bretonisches Tagebuch Teil 2 – 17.08.2010 St. Jacut de la Mer – St. Brieuc

Die bretonische Küste

 Geratzt habe ich bis gegen drei Uhr, da wurde ich wach, habe mich rumgedreht und weiter geschlafen. Irgendeine Magie weckt mich um 5:15 Uhr. Auch hier kann ich irgendwann weiter schlafen. Das geschieht nicht ohne ein wohliges Erinnerungsgrinsen.

 Das Radio in meinem Kopf spielt „Wish you were here“. Pi nk Floyd waren mit ihrem Song niemals näher als jetzt.

 Ich beschließe, heute noch weiter Richtung St. Brieuc zu fahren.

 Einen Schlenker genehmige ich mir jedoch: Den nach Le Cap Ferret. Ich weiß um die Beutelschneiderei der Touristenpiraten. Sie lauern dir an der nach ihrer und deren Vorgesetzten Meinung besten Stelle auf. Dann sollst du für einen so was von außer der Reihe liegenden Blick von der Klippe des Kaps auch noch löhnen.

 Ich verweigere mich dem, biege vor der Kasse kurzerhand nach links ab. Der Seitenstreifen ist befestigt, so kann man anhalten und ein Stück Trampelpfad gehen, bis hinan an die Klippen und fotografieren, was die Kamera möchte.

 Mich beeindruckt sie immer wieder: Diese schroffe und herbe Schönheit der bretonischen Küste. Die Wellen klatschen schäumend an die Felsen, hier und da ein fast weißer Sandstreifen.

 Heute sind die Strände leer, kein Wunder, die Temperaturen liegen bei geschätzten 16 bis 17 Grad, der Himmel ist gräulich zugezogen. Dazu kommt noch ab und dann der Nieselregen. Aber auch solche Tage gehören zu einem Urlaub, zum Leben und gewiss auch zu dieser Landschaft. Eben eine Facette mehr.

 Als ich das erste Mal in St. Brieuc war, 1970, gab es dort etwas außerhalb einen für mein damaliges Empfinden riesigen Supermarkt. Der trug darüber hinaus auch noch den Namen „Mamouth“.

 Die Zeiten haben sich geändert, die Mammuts sind ausgestorben, dafür heißen die großen Märkte jetzt „Carrefour“, „Intermarché“, „Super U“ etc.

 Es sind wahre Konsumtempel mit einer schier erschlagenden Produktpalette. Allein die farbenfrohe Auswahl in der Obst- und Gemüseabteilung fesselt meinen Blick und irritiert mich gleichermaßen.

 Die Waagen sind mittlerweile in der Lage, die auf sie gelegte Ware selbständig zu erkennen. Man muss einfach die Vorgabe auf einem Touchscreen bestätigen, schon wird das Etikett gedruckt, das man beispielsweise auf den Beutel mit den Tomaten klebt. Tolle und verrückte neue Welt.

Patates

Ich kämpfe mich durch die ewig langen Regalgänge der einzelnen Abteilungen. Die Vielfalt macht die Auswahl auch nicht eben einfacher. Ich möchte eine Flasche Rosé kaufen, sehe mich mit etwa dreißig verschiedenen Sorten konfrontiert. Die Preise liegen auch dicht bei einander, so dass man nicht unbedingt höhere Preise mit höherer Qualität gleich setzen muss. Ich mach’s wie immer in solchen Situationen: Ich vertraue auf das Wissen und den Geschmack der Einheimischen, beobachte, welche „Marke“ von einem älteren Herrn und einer jüngeren Dame in den Einkaufswagen gestellt wird, und schließe mich ihnen im Kauf eines Côte de Provence an.

Rosé

2. Bretonisches Tagebuch Teil 1 – 15.08. und 16.08.2010

Deutscher Regen auf deutscher Bundesstraße

Deutscher Regen auf deutscher Bundesstraße

Es ist Sonntag kurz nach 12 Uhr. Der Tank ist gefüllt, die Tagesmarschzahl ist gesetzt, das Navi mit dem groben Ziel Caen in der Normandie versehen und der Option: „Dann schauen wir weiter…“ Ich beantworte noch eine liebe und wichtige SMS und starte den Motor.

 Regen hat eingesetzt, er wird mich quer durch Belgien begleiten, zum Glück wird das nicht auch der Mähdrescher, der mir gleich auf den ersten Kilometern den Schnitt verhagelt.

 600 Kilometer bis Caen, voraussichtliche Ankunftszeit, 17:15 Uhr, wenn ich ohne Pause durch fahren würde.

Es lässt sich gut fahren an diesem Sonntag. Die LKW haben generell Fahrverbot und an PKW ist nicht allzu viel unterwegs.

Gedanken und Bilder der vergangenen Tage schwirren durch den Kopf. On The Road Again. Ja, ich bin wieder unterwegs. Unterwegs in das immer wieder von mir gelobte Land. In dem ich jung war und so manches vom Leben lernte.

Erinnerungen kommen auf, ein Lächeln huscht über meine Lippen. Wie lange ist das jetzt her, dass ich das erste Mal in die Bretagne gefahren bin? 40 Jahre? Ich kann rechnen, wie ich will, es sind tatsächlich 40 Jahre! Seufz! Dabei habe ich nicht einmal den leisesten Wunsch, wieder der zu sein, der ich damals war. Denn im Großen und Ganzen bin ich zufrieden mit dem, was aus dem von damals geworden ist. Ohne dabei in Selbstzufriedenheit zu versinken.

Etwa 60 Kilometer vor Caen mache ich Tankpause. Ein junger Typ spricht mich auf Deutsch an, ob ich ihn ein Stück mitnehmen könne. Er wolle in die Bretagne. Dabei siezt er mich. Hm, ich bin wohl doch schon so ziemlich in die Jahre gekommen.

Irgendwie ist er mir sympathisch. Meine Bedenken sind nur von kurzer Dauer, sein Rucksack liegt im Kofferraum und Marvin aus Hamburg sitzt neben mir auf dem Beifahrersitz und erzählt mir von seinen Abenteuern in Calais und seiner Arbeit in der Landwirtschaft in der Provence.

Er will in St. Malo jemanden treffen. Somit ist mein Tagesziel dann auch entschieden. Mit dem Gedanken, direkt bis in die Bretagne zu fahren, hatte ich auch schon geliebäugelt.

 Die letzten 200 Kilometer werden recht kurzweilig. Wir Beide schwärmen von diesem Land, schimpfen auf verständnislose Obrigkeiten, die es leider hier wie überall gibt.

Es ist kurz nach 20 Uhr, als wir durch St. Malo kurven, auf der Suche nach dem Hauptbahnhof, dort wird mein Begleiter seine Leute treffen.

Der Abschied ist kurz und herzlich, jetzt wird es Zeit, einen Schlafplatz zu finden. Ich entscheide mich für Cancale und seinen Campingplatz.

Dort aber scheint sich niemand mehr um Spätankömmlinge zu kümmern, das Office ist seit 20 Uhr geschlossen.

An der Küste entlang geht es wieder zurück Richtung St. Malo. Die Tankuhr zeigt mittlerweile auch wieder Reserve, ich hatte nicht voll getankt, da die Preise an Autobahntankstellen immer erheblich und empfindlich höher sind als sonstwo.

Die 24/24 Stunden Tanke eines Supermarkts hilft mir auch nicht weiter, da ich über keine entsprechende Kreditkarte verfüge. Dafür werde ich in Rothéneuf, einem Vorort von St. Malo, Camping technisch fündig. Der Platz nennt sich „Le Nicet“. Ein freundlicher Herr zeigt mir, wo ich mich niederlassen kann. Er verlangt noch nicht einmal, wie sonst üblich, einen Personalausweis. Alles Weitere könne ich ja mit seinem Kollegen am nächsten Morgen klären. Aha. Gut, also. 

Camping Le Nicet, Rothéneuf bei St. Malo

Camping Le Nicet, Rothéneuf bei St. Malo

Der Platz liegt oberhalb einer Bucht, man hat einen schönen Blick aufs Meer und auf den Sonnenuntergang.

Dass mich die Fahrt hierher doch geschafft hat, spüre ich, als ich mir einige Minuten konzentrierter Ruhe angedeihen lasse.

 Das Zelt werde ich hier und heute nicht aufbauen. Etwas zu essen bekomme ich bei den freundlichen jungen Leuten, die mit ihrem Imbisswagen angerückt sind. Zwei Galettes, eine mit Käse, die andere mit Schinken werden begleitet von einem Rosé, soweit  mein Abendessen.

Rsoé & Galette au fromage

Rsoé & Galette au fromage

Ich höre noch etwas Radio, RFM. Hier ist die Musik in der Hauptsache erträglich. Irgendwann schließt mich der Schlaf in seine Arme.  Einige Male werde ich wach in dieser Nacht, schaffe aber immer wieder den Wiedereinstieg in Schlaf und Träume.

Gegen halb Acht bin ich dann putzmunter.13, 20€ kostet mich die Übernachtung.

Wie von selbst bringt mich mein Auto wieder in die Innenstadt von St. Malo. Da es noch relativ früh ist, finde ich schnell einen Parkplatz direkt an der Uferpromenade.Am Strand und im Hafen mache ich einige Fotos. Dann beschließe ich Richtung Dinard zu fahren. Hier weiß ich einen Hot Spot, um meine Mails abzurufen und einige andere abzusetzen.

Was ich dann auch tue, während ich einen Espresso aus einem Pappbecherchen „genieße“.Direkt gegenüber ist ein Supermarkt deutscher Provenienz, natürlich auch besetzt mit Waren aus hiesiger Produktion.Eine kleine Honigmelone, ein paar Flaschen Gris, Käse, Spaghetti, Oliven, Olivenöl ind meine Beute.Dabei fällt mir ein und auf, dass ich während des Packens zu Hause vergessen habe, eine Pfanne und einen Kessel mitzunehmen. Diese bekomme ich im Riesensupermarché gegenüber.

In beiden Läden wälzen sich wahre Karawanen von Kaufwilligen durch die Gänge.Weiter geht’s Richtung St. Brieuc. Nach ein paar Kilometern biege ich einer spontanen Eingebung folgend rechts ab und lande in dem Örtchen St. Jucat de la Mer.

Der Camping Municipal bietet mir seitdem Unterschlupf. Er liegt direkt an einer Meeresbucht mit einem gut aufgeräumten Sandstrand. Das Witzige an diesem Platz ist, dass sich Wohnwagen und Zelte um ein ausgewachsenes Fußballfeld gruppieren.Camping Municipal St. Jucat de la Mer.

Camping Municipal St. Jucat de la Mer

Hier üben sich in Ronaldo-, Schweinsteiger-, Zidanetrikots gewandete Kids in ihren Ballkünsten, wobei die Lederkugel etliche Male in mein sich im Aufbau befindlichen Zelt einschlägt.