2. . Bretonisches Tagebuch – Teil 7 – St. Quay de Portrieux, Étables sur Mer und nach Hause 26.08.2010

St. Quay de Portrieux

St. Quay de Portrieux

Darf man Wettervorhersagen trauen? Ist es klug, sich darauf zu verlassen? Nach der unfreiwilligen Morgendusche am gestrigen Mittwoch habe ich es mir nicht nehmen lassen, im Internet meteorologischen Beistand anzufordern.

Der sagt für die Bretagne wie für die Normandie und für heute erhebliche, himmlische Wasserfälle voraus.

Gegen 7.30 Uhr scheint sich das schon zu bewahrheiten. Die Regentropfen pochen erneut auf die Außenhaut des Zeltes.

Ok, dann war es das eben. Und bevor ich mir hier den berühmten Tag zuviel antue, werde ich in den Tag hinein bummeln, mir noch etwas die Gegend anschauen, letzte Einkäufe tätigen und gemütlich nach Nordosten Richtung Heimat schaukeln. Denkbar ist auch einfach in die Nacht hineinzugondeln und dann auf deren anderen Seite am heimischen Zielhafen einzulaufen.

Der morgendliche Regengruß ist zum Glück nur von kurzer Dauer, und dennoch werde ich das Oberzelt wieder nicht trocken verstauen können.

Gegen 10 Uhr ist alles gepackt, der Müll brav, so wie es sich gehört, entsorgt. Auf dem Platz selbst herrscht schon so etwas wie Nachsaisonsstimmung.

Vermutlich wird es nach dem Wochenende, an dem in ganz Frankreich, Belgien und in Nordrheinwestfalen die Ferien zu Ende gehen noch um einiges ruhiger.

Ich rolle gemächlich vom Platz, die Rechnung habe ich schon bei der Anmeldung beglichen. Bis zum ersten Stopp ist es gar nicht weit: Gleich rechts vom Strand in St. Quay de Portrieux ist eine Bäckerei mit hervorragenden Teigwaren.

So erstehe ich ein „pain aux raisin“, bei uns landläufig bekannt als Rollkuchen oder Rosinenschnecke und ein „pain au chocolat“, hier Sckocroissant genannt. Beides gereicht zu einem morgendlichen Frühstückshochgenuss,

Zum Verzehr setze ich mich auf eine Bank oberhalb des Strandes, der aufgrund der aktuellen Flut weitaus kleiner ist, als er es vor einer Woche war, als ich an gleicher Stelle saß und aß.

Der Strand ist wenig belebt, es ist ja auch noch relativ früh, immerhin regnet es nicht und die Temperaturen liegen ein angenehmes und gutes Stück über 20 Grad Celsius.

Plage des Godelins

Plage des Godelins

Dann geht’s weiter. In Étables sur Mer biege ich ab und erreiche die Plage du Moulin. Auch dieser Strand ist beinahe menschenleer. Wo vorige Woche sicher noch fast wegen Überfüllung geschlossen werden musste, herrscht jetzt wieder beinah idyllische Ruhe.

Ein paar Fotos und dann weiter zur Plage des Godelins. Hier das selbe Bild wie vorher. Einige Jogger, ein breiter Mann mit einem breiten Hund. La saison morte, die tote Saison, hat bereits begonnen.

 In mir spüre ich etwas wie Wehmut aufkeimen, ja, es ist klar: Der Urlaub, die ganze Saison, der Sommer und die Vorfreude auf all das, sie sind passé. Vorbei und aus.

 Doch der Blick richtet sich wieder nach vorn auf all die Vorhaben, die Dinge und Begegnungen, die jetzt kommen werden, geplant oder auch eben nicht.

 Ich sitze auf der Bank, atme die frische Seeluft ein, schließe die Augen für einen kurzen Moment nur und einen langen, tiefen Gedanken, bei dem mein Herz vor Freude hüpft und ein Lächeln huscht über meine Lippen.

 Also: Auf ! Auf!

 Der Supermarkt in St. Brieuc bietet mir wieder feinste Crevettes, Käse, Brot und noch ein paar Dinge, von denen ich mir gerne noch etwas mitnehmen möchte.

Systemgastronomie

Systemgastronomie

Gegenüber beim großen M checke ich noch mal meine Mails und schreibe noch eine, in der ich mein heutiges Vorhaben erkläre.

 Die Aufnahme mit Superkraftstoff muss ich leider auf eine andere Tankstelle verlegen, weil sich die hiesige nur mittels einer bestimmten Kreditkarte bedienen lässt. Der Kassierer frönt indes seiner sicherlich verdienten Mittagsruhe.

Je weiter ich nach Osten gelange, umso dunkler wird es. Mit dem Überschreiten der Grenze zum Departement „Basse Normandie“ beginnt ein Dauerregen, der mir die nächsten 600 Kilometer das Gefühl geben wird, in einer schier unendlich erscheinenden Autowaschstrasse unterwegs zu sein.

Pluie, Regen, Rain

Pluie, Regen, Rain

Und wohl gemerkt, was da so aus den Wolken fällt ist kein Nieselregen, es ist die volle Breitseite. Manchmal kann man keine 20 Meter weit sehen. Hinzu kommt das aufspritzende Wasser der vorausfahrenden Autos oder noch schlimmer das der LKW.

 In Villers Boccage, kurz vor Caen, muss ich an die Box zum Tanken. Ich entschließe mich, die Autobahn zu verlassen und nach einem Supermarkt nebst angeschlossener Tanke Ausschau zu halten.

 Ich werde sogar relativ schnell fündig. Etwas verwundert bin ich schon, das allerdings weniger über den Literpreis für den Sprit von 1,279 €, sondern eher darüber, dass es hier regenmäßig nur noch tröpfelt.

 Vielleicht war es ja das jetzt mit diesem Dauerwasserfall.

 Schon auf der Beschleunigungsspur beim Einfädeln in den fließenden Verkehr wieder auf die E401 werde ich eines Besseren belehrt: Der nasse Wahnsinn hat kein Ende, sondern einen herzlich brutalen Wiederanfang.

Von den 12 Kilometern um Caen herum, erlebe ich die letzten vier im Stau und somit  im Schritttempo, was auch gut so ist, denn aufgrund des nochmals gesteigerten Wasseraufkommens oder besser – niederkommens pro Quadratmeter, wäre eine schnellere Fahrweise wohl weniger angebracht.

Pont de Normandie

Pont de Normandie

Selbst auf dem Pont de Normandie. der Brücke über ddie Seine Mündung bei Le Havre macht die Wasserschlacht keine weitere Pause.

Es hält sich so dran bis ich dann nach Stunden endlich nördlich von Paris auf die A1 komme, hier hört der Regen gänzlich auf.

In ein paar Stunden, so ziemlich genau um 22.55 Uhr werde ich dann zu Hause sein, durchatmen nach diesem Horrortrip, den Telefonhörer schnappen und genau davon erzählen und davon, dass ich wohl behalten wieder angekommen bin.

Spuren

Spuren

2. Bretonisches Tagebuch – Teil 6 – Roscoff und St. Quay de Portrieux 25.08.2010

Wednesday Morning

Wednesday Morning

Blues ist für mich, wenn es trotzdem irgendwie immer weiter geht. Es ist weiter gegangen. Trotz Regen und heftigem Wind, die mich gestern an den Rand der Verzweiflung trieben.

Eine Vorahnung lässt mich gegen 5:15 Uhr wach werden. Ich schreibe eine SMS und legte sie auf „Halde“ in den Speicher. Um 6:30 Uhr fängt der Regen an, auf das Zeltdach zu trommeln und der Wind beginnt sein Zerren an meinem dünnhäutigen Schneckenhaus. Der erste Tropfen fällt mir in den Rücken, noch kaum wahr genommen und beachtet. Den Zweiten und den Dritten und erst recht die Folgenden nehme ich schon ernster und sehr persönlich und quittiere sie mit einer Zeltflucht ins dichte Auto.

Da sitze ich nun, ich nasser Tropf und grübele über den Fortgang nach. Das Zelt bei dem Wetter abzubauen, ohne eine dicke Erkältung zu riskieren, scheint mir glatt unmöglich.

Kurz nach Elf stockt der ergiebige Regenguss und ich sehe meine Stunde gekommen: Innerhalb von 15 Minuten habe ich das Zelt abgebaut und leider viel zu nass ins Auto verladen müssen.

Noch schnell zum Empfang und bezahlen, den Müll artgerecht entsorgen. Das war’s dann für mich und den Camping „Les Pins“ in Crozon.

In dem Ort selbst ist ein groß angelegter Markt, deshalb sind gleich sämtliche Durchfahrtsstraßen gesperrt. Die Umleitung (Deviation) ist großzügig ausgeschildert.

Mein Ziel ist Roscoff, die alte Korsarenstadt. Wieder in den Norden der Bretagne. Nicht viel Zeit bleibt, aber es wird reichen für eine Stippvisite. Das Wetter bleibt trüb die ganze Fahrt über. Über Roscoff lässt sich dann ab und an wenigstens ein blauer Hoffnungsflecken am Himmel erkennen.

Meine etwas im Keller ruhende Laune, klettert sogleich wieder einige Stufen in Richtung Parterre. Vorbei fahre ich an dem für Touristen ausgewiesenen Parkplatz. Ich habe das Gefühl, dass das Glück mir heute noch etwas schuldig ist und bekomme Recht, das sich zunächst in einem Parkplatz direkt am alten Hafen manifestiert.

Gegenüber befindet sich eine Friterie, an der ich gleich eine mittlere Portion Kartoffelstäbchen ordere, Senf, Mayonnaise und weitere Zutaten sind als Dreingabe im Preis von 2,50€ inbegriffen.

Friterie

Friterie

Die Nahrungsaufnahme steigert meine Laune um einige weitere Stufen, Parterre ist zumindest wieder erreicht, ich greife mir die Kameratasche und begebe mich auf Erkundungstour.

Möwe

Möwe

Es ist Ebbe und so liegen viele Boote im Hafenschlick auf dem Trockenen. Bei meinem Spaziergang mache ich die Bekanntschaft mit einer Möwe, die weder menschen- noch kamerascheu ist. Vielleicht war sie im früheren Leben mal Fotomodel, denn der Vogel wirft sich sichtlich zuvorkommend in Pose. Das Ganze passiert nur eine halbe Armlänge von mir entfernt.

Roscoff Hafen

Roscoff Hafen

Der Abstecher nach Roscoff erweist sich als wahrer Glücksgriff, in einem Laden finde ich den lang gesuchten Lederhut mit breiter Krempe, der auch noch auf meine „grosse tête“, meinen großen Kopf passt.

So schließt dieser anfänglich eingetrübte Tag mit einer Menge farbenfroher Ereignisse, ich beschließe die Nacht wieder in St. Quay de Portrieux zu verbringen. Mein treues Gefährt bringt mich sicher die etwa 100 Kilometer entfernte Strecke weiter und erneut zum Campingplatz „Bellevue“, den ich exakt vor einer Woche verlassen habe, um nach La Chèze aufzubrechen.

Der Platz wirkt im Vergleich zur letzten Woche bereits sehr ausgestorben, und das, obwohl in Frankreich die Sommerferien erst am kommenden Wochenende zu Ende gehen.

Mond

Mond

Außerdem wird es schon spürbar  früher dunkel und der Vollmond schiebt sich durch die treibenden Wolken. Noch ein kleines Telefonat und die Welt ist wieder rund und alles im ruhigen Fluss.

2. Bretonisches Tagebuch Teil 3 – 17.08.2010 bis 18.08.2010 St. Quay de Portrieux

Bucht bei Paimpol

Bucht bei Paimpol

St. Brieuc hat auf die Schnelle keinen freien Parkplatz für mich und da mir im Moment überhaupt nicht nach Stadtgetümmel ist, begebe ich mich gleich wieder weiter nach Norden Richtung Binic und St. Quay de Portrieux.

In Binic werde ich zunächst einmal in einen ausgiebigen Stau gebunden, Geduld ist gefragt, denn die Ortsteingangsampel lässt nur jeweils ein paar wenige Fahrzeuge passieren.

In St. Quay ist die touristische Hölle los, achtsames Fahren ist gefragt, da weniger achtsame Fußgängermassen bisweilen ohne sich umzuschauen auf die Straße treten.

Ein Belgier hält bei grüner Ampel mitten auf dem Zebrastreifen an, um Madame nebst Pummeltochter in Hotel- oder Boutiquenähe aus dem Wagen zu lassen. Ein wenig Abschiedsgewinke, dann geht’s auch schon weiter, zumindest für ihn und bei Rot, was die Grün habenden mit einem unharmonischen Hupkonzert quittieren.

Ein Grinsen kann ich mir nicht ersparen.

Das Schild mit der Aufschrift „Camping Bellevue“ ist sehr niedrig angebracht, ich entdecke es relativ spät im Kreisverkehr, also drehe ich eine Ehrenrunde und nehme die entsprechende Ausfahrt.

Die Straße zieht sich noch etwas hin, dann geht es im 90 Gradwinkel in die Einfahrt zum Gelände.

Der Mensch an der Rezeption lässt auf sich warten, warum das so ist, begreife ich, als er das junge Pärchen vor mir abgefertigt hat: Er schwingt sich aufs Fahrrad und zeigt ihm wie jedem Neuankömmling seinen Stellplatz.

Service auf der einen Wartezeit auf der anderen Seite.

Mein Platz liegt auf der terrassenförmig angelegten und dem Meer zugeneigten Seite. Von hier hat man einen wunderbaren Ausblick auf die Felsnasen und Buchten Richtung Norden. Hier kann man’s aushalten.

Camping Bellevue

Als Abendmahl bereite ich mir in der Pfanne die Crevettes zu mit ordentlich Knoblauch und in Olivenöl, dazu gibt es einen herrlich mundenden und dank meiner Kühlbox wohl temperierten Gris und Weißbrot.

Der Wind weht mit leichter Wucht, so ist das Kochen auf der Gasflamme ein Kunststück. Ich baue mir aus dem Tisch, den ich schräg auf eine der beiden Bänke kippe, einen Windschutz. Den Gaskocher stelle ich dahinter auf die andere Bank. Somit ist der Wind weitestgehend ausgetrickst.

Gegen 3 Uhr bin ich wach, krabbele aus dem Zelt und finde mich unter einer riesigen Sternenkuppel wieder, kein Wölkchen am Himmel, atemberaubendes Panorama.

Da ich putzmunter bin, schreibe ich meinen Blogeintrag. Tagsüber zu schreiben, ist im Freien schwierig, da ich au dem Laptopmonitor kaum etwas erkennen kann. So sitze ich wie auch jetzt in meinem „Caroffice“ und tippsele munter vor mich hin.

Die Tastatur spinnt hin und wieder mal, da werden Textpassagen urplötzlich wie von selbst markiert und verschwinden gänzlich oder der Cursor springt willkürlich an eine andere Stelle im Text und wenn man nicht aufpasst, schreibt man eben dort weiter.

An diesem Mittwoch, der das Datum 17. August 2010 trägt, mache ich einen Ausflug an alt vertraute Plätze, von denen ich nicht mehr allzu viel wiedererkenne. Alles auf frisch getrimmt, so viele Neubauten. Nicht meine Welt, jedenfalls nicht die von damals.

Strand in Perros- Guirec

Aber heute ist heute und ich bin froh, wieder in der Region zu sein. Sie ist recht abwechslungsreich.

Paimpol, Perros- Guirec, Ploumanach, Tregastel liegen auf meiner Route. Hin und wieder halte ich an, um Fotos zu machen wider das Vergessen und für die Erinnerung.

Einen krzen Stopp mache ich noch in Runan. Die alte Kirche der Tempelritter ist ein zu schönes Fotomotiv.

Kirche in Runan

Gegen 18Uhr bin ich zurück auf dem Campingplatz. Meinem Hunger begegne ich mit Merguez und Spaghetti, eine etwas ungewöhnliche Kombination, aber durchaus sättigend.

Morgen ist der 19. August, dann fängt in La Chèze das Festival „Blues au Château“ an und ich werde dort sein, um alte Freunde zu treffen und neue Freundschaften zu schließen.