3. Bretonisches Tagebuch – Anreise 12-15. August 2011

Bon appetit :-)

3. Bretonisches Tagebuch – Anreise

„Lasst uns eine Wagenburg bauen!“ … So allmählich beginne ich die Vorteile eines Wohnmobiltouristen in ihrer Gänze zu erkennen.

Kein lästiges allabendliches Suchen nach einer geeigneten Unterkunft, sei es Pension, Hotel oder Campingplatz. Wo ich bin, kann ich bleiben. So simpel ist das. Die Betonung liegt auf „kann“. Ich habe die freie Auswahl.

Die erste regengepeitschte Nacht habe ich auf dem Marktplatz eines netten Örtchens zwischen Tôtes und Yvetot in der Haute Normandie zugebracht, die zweite bis soeben auf einem Wohnmobilparkplatz mit etwa 40-50 Gleichgesinnten an der Baie du Mont . Michel ein paar Kilometer vor Cancale, meinem eigentlichen Ziel.

Ein sonntäglicher Stau und eine gewisse Fahrmüdigkeit haben mich gestern schnell überzeugt, hier Station zu machen.

Und wenn ich mich hier so umschaue, stehen hier mobile Werte in Höhe von einigen hunderttausend Euro herum. Mein doch eher bescheidenes Gefährt fällt somit etwas aus der Reihe, was mich schmunzeln lässt.

Eine typische Ver- und Entsorgungsstation für Wohnmobilistas, eigentlich wie ein Campingplatz, nur ohne Toilettenhäuschen und Zelte.

Feststellen konnte ich gestern, dass die meisten Supermärkte sogar sonntags geöffnet haben. So konnte ich mich mit dem „Nötigsten“, sprich Mineralwasser, Käse, und einer Flasche „Graves“ versorgen.

Ein Vollkornbaguette gebacken auf nach eigenen Angaben auf traditionelle Weise und zudem der schmackhaftesten Art allerdings habe ich in einer äußerstes Vertrauen erweckenden Boulangerie erstanden.

Genaue Pläne, wie es nun weiter geht, habe ich gerade nicht. Nach all der Kilometerfresserei bin ich froh, dass jetzt erst mal, wenn überhaupt, nur kleinere Strecken warten.

Außerdem tut mir der linke Arm weh. Das kommt vom ewigen Grüßen der auf der Fahrt entgegenkommenden Wohnmobilkollegen. Denn es ist wohl (schöne) Sitte, sich kurz zuzuwinken.

Das habe ich gestern gelernt. Mautträchtige Autobahnen habe ich gemieden. Schneller als 110 Stundenkilometer macht mein Schlachtschiff so wie so nicht und die kann ich auch auf den meisten Landstraßen fahren, bis mich dann ein „Rond Point“, ein Kreisverkehr wieder aus dem Geschwindigkeitsrausch nimmt.

Nach 11 Stunden Schlaf, fühle ich mich heute Morgen frisch nach der Vollmondnacht, die auch als solche erkennbar war, denn je weiter ich auf die Bretagne zukam, haben sich die Wolken verzogen.

Heute Morgen scheint die Sonne, einige bauschige Wolken tupfen den blauen Himmel. Bilderbuchwetter.

Jetzt besorge ich mir erst einmal ein Baguette, koche Kaffee und frühstücke. Draußen!

Going Mobile

 

Going Mobile (zur Musik aufs Foto klicken)
Going Mobile (zur Musik aufs Foto klicken)

Die Börsenwerte und die Temperaturen sind im Keller, das Sommermärchen der Sommermädchen war ein Flop, die Regenvögel haben Hochsaison und der August fährt als wechselhafter April verkleidet dahin. Anscheinend haben die Beiden ja für dieses Jahr nur ihre wesentlichen Charaktere getauscht. Für Börsenwertrutschbahn und Sommermädchenpleite lassen sich ja noch Verantwortliche ausmachen. Versucht man das mit dem Wetter, fällt einem zu guter Letzt nur Petrus ein. Doch um diesen Herrn wird jetzt keine Personaldebatte vom maroden Lattenzaun gebrochen. Der kommt weiter ungeschoren davon, es sei denn, er hat sich mittlerweile bewusst eine Glatze schneiden lassen, wobei  die „Glatze schneiden, sicher eine schmerzhafte Geschichte ist, fehlt ihr per definitionem allein schon die Haarpracht. Beinahe ängstlich schaue ich bisweilen hinauf zum Himmel, an dem ich stündlich die erste Versammlung der Zugvögel erwarte, die ihr Ticket für den Süden sicher schon im Schnabel tragen. Nein, es macht nicht wirklich viel Spaß in dieser Jahreszeit. Gebratene Tauben mit Zielflugrichtung auf die reichlich gedeckte Tafel des Herren erwarte ich nun auch nicht gerade, aber so eine kleine Wachtel wäre vielleicht gar nicht schlecht. Nun denn, bevor ich nun völlig in vorherbstliche Depression abdrifte, wird allmählich  mir gewahr, dass schon ich in ein paar Tagen mir das westeuropäische Straßennetz nutzbar mache, um mich für einige Zeit dem täglichen Trott zu entziehen. So sei es denn: Mein erster Urlaub im frisch erstandenen Schneckenhaus steht bevor. So wird der Highway dann zum „Snail Trail“, Entschleunigung vom ersten Meter der Reise an, keine Hetzerei, die Ruhe wird mich in den Fahrersessel drücken, der Dieselmotor wird gemütlich tuckern. Es wird anders sein als je zuvor. Ja richtig: Ein kleines Abenteuer. Ein Wunsch, ein Traum geht in Erfüllung. Ein Reiseziel steht fest, der Rest zur freien Disposition. Ich werde es gemächlich angehen lassen. Kein Termin-, kein Zeitdruck. Ein paar lieb gewonnene Freunde wieder treffen, vielleicht einige andere dazu gewinnen. Aufs Meer schauen, die salzige Luft genießen. Musik machen und Musik hören. Essen und trinken. Schreiben und lesen. Denken und vergessen. Heute hier, morgen da. „I’m an air- conditioned gypsy, going mobile.” Und tschüss, ich bin dann erst mal weg. Aber ihr werdet von mir lesen.

2. Bretonisches Tagebuch Teil 1 – 15.08. und 16.08.2010

Deutscher Regen auf deutscher Bundesstraße

Deutscher Regen auf deutscher Bundesstraße

Es ist Sonntag kurz nach 12 Uhr. Der Tank ist gefüllt, die Tagesmarschzahl ist gesetzt, das Navi mit dem groben Ziel Caen in der Normandie versehen und der Option: „Dann schauen wir weiter…“ Ich beantworte noch eine liebe und wichtige SMS und starte den Motor.

 Regen hat eingesetzt, er wird mich quer durch Belgien begleiten, zum Glück wird das nicht auch der Mähdrescher, der mir gleich auf den ersten Kilometern den Schnitt verhagelt.

 600 Kilometer bis Caen, voraussichtliche Ankunftszeit, 17:15 Uhr, wenn ich ohne Pause durch fahren würde.

Es lässt sich gut fahren an diesem Sonntag. Die LKW haben generell Fahrverbot und an PKW ist nicht allzu viel unterwegs.

Gedanken und Bilder der vergangenen Tage schwirren durch den Kopf. On The Road Again. Ja, ich bin wieder unterwegs. Unterwegs in das immer wieder von mir gelobte Land. In dem ich jung war und so manches vom Leben lernte.

Erinnerungen kommen auf, ein Lächeln huscht über meine Lippen. Wie lange ist das jetzt her, dass ich das erste Mal in die Bretagne gefahren bin? 40 Jahre? Ich kann rechnen, wie ich will, es sind tatsächlich 40 Jahre! Seufz! Dabei habe ich nicht einmal den leisesten Wunsch, wieder der zu sein, der ich damals war. Denn im Großen und Ganzen bin ich zufrieden mit dem, was aus dem von damals geworden ist. Ohne dabei in Selbstzufriedenheit zu versinken.

Etwa 60 Kilometer vor Caen mache ich Tankpause. Ein junger Typ spricht mich auf Deutsch an, ob ich ihn ein Stück mitnehmen könne. Er wolle in die Bretagne. Dabei siezt er mich. Hm, ich bin wohl doch schon so ziemlich in die Jahre gekommen.

Irgendwie ist er mir sympathisch. Meine Bedenken sind nur von kurzer Dauer, sein Rucksack liegt im Kofferraum und Marvin aus Hamburg sitzt neben mir auf dem Beifahrersitz und erzählt mir von seinen Abenteuern in Calais und seiner Arbeit in der Landwirtschaft in der Provence.

Er will in St. Malo jemanden treffen. Somit ist mein Tagesziel dann auch entschieden. Mit dem Gedanken, direkt bis in die Bretagne zu fahren, hatte ich auch schon geliebäugelt.

 Die letzten 200 Kilometer werden recht kurzweilig. Wir Beide schwärmen von diesem Land, schimpfen auf verständnislose Obrigkeiten, die es leider hier wie überall gibt.

Es ist kurz nach 20 Uhr, als wir durch St. Malo kurven, auf der Suche nach dem Hauptbahnhof, dort wird mein Begleiter seine Leute treffen.

Der Abschied ist kurz und herzlich, jetzt wird es Zeit, einen Schlafplatz zu finden. Ich entscheide mich für Cancale und seinen Campingplatz.

Dort aber scheint sich niemand mehr um Spätankömmlinge zu kümmern, das Office ist seit 20 Uhr geschlossen.

An der Küste entlang geht es wieder zurück Richtung St. Malo. Die Tankuhr zeigt mittlerweile auch wieder Reserve, ich hatte nicht voll getankt, da die Preise an Autobahntankstellen immer erheblich und empfindlich höher sind als sonstwo.

Die 24/24 Stunden Tanke eines Supermarkts hilft mir auch nicht weiter, da ich über keine entsprechende Kreditkarte verfüge. Dafür werde ich in Rothéneuf, einem Vorort von St. Malo, Camping technisch fündig. Der Platz nennt sich „Le Nicet“. Ein freundlicher Herr zeigt mir, wo ich mich niederlassen kann. Er verlangt noch nicht einmal, wie sonst üblich, einen Personalausweis. Alles Weitere könne ich ja mit seinem Kollegen am nächsten Morgen klären. Aha. Gut, also. 

Camping Le Nicet, Rothéneuf bei St. Malo

Camping Le Nicet, Rothéneuf bei St. Malo

Der Platz liegt oberhalb einer Bucht, man hat einen schönen Blick aufs Meer und auf den Sonnenuntergang.

Dass mich die Fahrt hierher doch geschafft hat, spüre ich, als ich mir einige Minuten konzentrierter Ruhe angedeihen lasse.

 Das Zelt werde ich hier und heute nicht aufbauen. Etwas zu essen bekomme ich bei den freundlichen jungen Leuten, die mit ihrem Imbisswagen angerückt sind. Zwei Galettes, eine mit Käse, die andere mit Schinken werden begleitet von einem Rosé, soweit  mein Abendessen.

Rsoé & Galette au fromage

Rsoé & Galette au fromage

Ich höre noch etwas Radio, RFM. Hier ist die Musik in der Hauptsache erträglich. Irgendwann schließt mich der Schlaf in seine Arme.  Einige Male werde ich wach in dieser Nacht, schaffe aber immer wieder den Wiedereinstieg in Schlaf und Träume.

Gegen halb Acht bin ich dann putzmunter.13, 20€ kostet mich die Übernachtung.

Wie von selbst bringt mich mein Auto wieder in die Innenstadt von St. Malo. Da es noch relativ früh ist, finde ich schnell einen Parkplatz direkt an der Uferpromenade.Am Strand und im Hafen mache ich einige Fotos. Dann beschließe ich Richtung Dinard zu fahren. Hier weiß ich einen Hot Spot, um meine Mails abzurufen und einige andere abzusetzen.

Was ich dann auch tue, während ich einen Espresso aus einem Pappbecherchen „genieße“.Direkt gegenüber ist ein Supermarkt deutscher Provenienz, natürlich auch besetzt mit Waren aus hiesiger Produktion.Eine kleine Honigmelone, ein paar Flaschen Gris, Käse, Spaghetti, Oliven, Olivenöl ind meine Beute.Dabei fällt mir ein und auf, dass ich während des Packens zu Hause vergessen habe, eine Pfanne und einen Kessel mitzunehmen. Diese bekomme ich im Riesensupermarché gegenüber.

In beiden Läden wälzen sich wahre Karawanen von Kaufwilligen durch die Gänge.Weiter geht’s Richtung St. Brieuc. Nach ein paar Kilometern biege ich einer spontanen Eingebung folgend rechts ab und lande in dem Örtchen St. Jucat de la Mer.

Der Camping Municipal bietet mir seitdem Unterschlupf. Er liegt direkt an einer Meeresbucht mit einem gut aufgeräumten Sandstrand. Das Witzige an diesem Platz ist, dass sich Wohnwagen und Zelte um ein ausgewachsenes Fußballfeld gruppieren.Camping Municipal St. Jucat de la Mer.

Camping Municipal St. Jucat de la Mer

Hier üben sich in Ronaldo-, Schweinsteiger-, Zidanetrikots gewandete Kids in ihren Ballkünsten, wobei die Lederkugel etliche Male in mein sich im Aufbau befindlichen Zelt einschlägt.

On The Road Again

Der Wind weht und es wird allmählich Zeit, ihn wieder um einiges freier und frischer um die Nase wehen zu lassen, als dies im schnöden Alltag möglich ist. Aufbruchsstimmung kribbelt nach und nach durch die Blutbahnen. Doch in Wirklichkeit ist der Alltag längst nicht mehr so schnöde, es gibt auch hier immer wieder neue Kringel im internen Lebenskalender, die noch lange und hell nachleuchten und magische Momente markieren. Diese sind geprägt von baumelnden Seelen, den unterschiedlichsten Genüssen, wunderbaren Gesprächen, alles schwebt für sich zeit- und schwerelos im Raum, wird enger und vertrauter, klarer und dankbarer. Wichtigkeiten verschieben sich und konzentrieren sich aufs Neue. Ein Netz spinnt sich weiter und gibt neuen Halt, wenn man bereit ist, los zu lassen von alten Ängsten und Bedrohlichkeiten, um sich endlich frei und vertrauensvoll fallen zu lassen. Ein Lachen holt mich aus dem Schlaf und in den Tag. Gegen das Licht sehe ich nur eine Silhouette, die leise zu mir spricht. Und ich weiß, ich bin am Leben, mittendrin im Leben an diesem Morgen und längst dort angekommen, wo ich gerne und möglichst lange bleiben möchte. Dabei ist es mir egal, ob der Regen gegen das Fenster klatscht oder die Sonne meine Haut rötet. Wichtig und heilig ist mir, all diese Momente zu teilen mit jemandem, der sie zu schätzen weiß. Rohe Diamanten würde man gegebenenfalls achtlos wegwerfen, wenn man sie als solche nicht erkennt. Nehmen wir uns die Zeit zur Erkenntnis und die innere Ruhe, sie zu schleifen, damit sie funkeln und blitzen, und so ihre ganze Pracht offenbaren. Dann werde ich mich wieder auf die Straße begeben und reisen mit leichtem Gepäck, alleine, aber niemals einsam. So werde ich mich freuen und einlassen können auf all die Begegnungen, die auf mich warten, um mit neuen Eindrücken und noch größerer Freude wieder dahin zurückzukehren, wo ich zu Hause bin: Dort, wo mein Herz schlägt.

Bretonisches Tagebuch Teil 2: Dinard, Côte d’Émeraude

 In loser Reihenfolge werde ich den Bericht zu meiner Reise in die Bretagne im August 2009 fortführen. Heute also Teil 2: Dinard, Côte d’Émeraude
Strand von Dinard

Strand von Dinard

Mittwoch, 19.08.2009

Heute geht es weiter nach La Chèze  zum dortigen Bluesfestival, dem Hauptgrund meiner Reise in die Bretagne. Ich habe wenig bis keine Ahnung, was mich dort erwartet, aber die Vorfreude sendet positive Signale.

Da ich mich erst für den späten Nachmittag angekündigt habe, kann ich mir Zeit lassen und werde deshalb noch etwas an der nördlichen Küste verweilen. Den Campingplatz in Cancale verlasse ich so gegen 9 Uhr, das Minizelt war schnell abgebaut und verstaut.

Jetzt geht es entlang der Küste Richtung St. Malo. Immer wieder geht mein Blick aufs Meer, hier und da halte ich an, um einige Fotos zu machen.

Côte d'Émeraude

Côte d'Émeraude

Ich beschließe, nicht nach St. Malo hineinzufahren und entscheide mich für einen Kurztrip nach Dinard. Erinnerungen werden wach als ich am Gezeitenkraftwerk an der Mündung der Rance ankomme: 1970 war ich das erste Mal in der Bretagne, in St. Brieuc, der Partnerstadt meiner Heimatstadt Alsdorf. Ein Tagesausflug bescherte uns eine Bootsfahrt auf eben diesem Fluss von Dinan bis hierher. Ich beginne zu rechnen. Ist das wirklich schon 39 Jahre her? Manche Gesichter tauchen im Geiste auf, Namen fallen mir ein. Ich weiß noch ganz genau, dass wir als Proviant hart gekochte Eier dabei hatten, die gar nicht appetitlich rochen. Daran sie zu essen, war nicht zu denken. So haben wir sie als Wurfgeschosse umfunktioniert, auf vorbei treibende Holzstücke gezielt und dies zu treffen versucht. Ehrlich, so etwas fanden wir damals lustig…

Rance- Das Gezeitenkraftwerk

Rance- Das Gezeitenkraftwerk

Bevor ich Einzug halte in den alten Badeort, der übrigens sehr von Briten bevorzuget wird und den man Nizza des Nordens nennt, mache ich noch einen Stopp in einer Niederlassung einer amerikanischen Systemgastronomiekette. Es ist eins der Häuser mit dem großen, gelben M, das schon von weitem nicht zu übersehen ist.

Der Grund meines Stoppens ist nicht der eher fragliche kulinarische Aspekt, sondern der, dass es in diesen Etablissements in ganz Frankreich wohl freie Hotspots gibt, WiFi oder Wlan, ermöglichen ein Anzapfen des Internets. Hier ist das Ganze zudem kostenlos. Also nehme ich mein elektronisches Notizbuch, setze mich an einen Tisch und bin gespannt, ob und wie das Ganze funktioniert.

Es ist ganz einfach, das Notebook findet ohne Umschweife das Netz, man wählt sich auf die hauseigene Seite des großen M’s ein, bestätigt die Nutzungsbedingungen und schon geht es los.

Ich bin neugierig auf meine Emails. Es warten über 20 auf mich. Die meisten wandern gleich in den elektronischen Mülleimer, über zwei, drei freue ich mich sehr, was mich gleich zu antworten motiviert. Dann schnell noch ein paar Blicke auf meine Lieblingsseiten im WWW und schon meldet das System Akkuschwäche.

Dieser kurze und beruhigende Abstecher in heimatliche Gefilde, der Kontakt mit den lieben Menschen daheim, das tut gut für den Moment. Immerhin habe ich außer mit der etwas mürrischen Dame an der Rezeption des Campingplatzes von Cancale, bei der ich meine Rechnung für den Aufenthalt zahlte, noch mit niemanden gesprochen an diesem Tag.

Ich fühle mich sauwohl. Das Nomadenleben macht mir wieder so richtig Spaß. Die Sonne scheint, der Himmel ist sowas von blau, jetzt gilt es nur noch einen Parkplatz in der Stadt zu ergattern. Nach einigem Kurven findet sich auch eine Parklücke mitten in der City.

Da ich während der Suche schon eine unfreiwillige Stadtrundfahrt gemacht habe, fällt mir die Orientierung jetzt leicht. Ich begebe mich hinunter zum Strand.

Strand von Dinard

Strand von Dinard

Wir haben immer noch Ferien in Frankreich, Dinard ist voller Menschen. So auch der Strand. Ich stehe an der Promenade und tauche ein in die lebende Kulisse zu Eric Rohmers Film «Conte de l’été» aus dem Jahr 1996. Auf Deutsch trägt er den Titel «Sommer». Der Film ist aus seinem Vierjahreszeitenzyklus und erzählt die Geschichte eines Sommers, in dem der Student Gaspard Entscheidungen in puncto Leben und Liebe treffen muss. Drei äußerst unterschiedliche Frauen, die er in Dinard trifft, machen ihm diese Entscheidung nicht gerade leicht. Ein Film voller interessanter Dialoge, schönen Bildern und mit sympathischen Darstellern.

Gaspard et Margot

Conte d' été von Eric Rohmer (Gaspard & Margot)

Die Idee schießt mir in den Kopf, das Café zu suchen, in dem Margot, eine der Hauptfiguren im Film als Ferienaushilfe arbeitet. Während ich so die Uferpromenade entlang schlendere, kommt mir der Song «Santiano» in den Sinn. Ich fange an, ihn vor mich her zu summen. Er spielt in dem Rohmer Film eine Rolle, aber auch in meinem Leben, hier in der Bretagne habe ich ihn damals zum ersten Mal gehörtdamals eben vor 39 Jahren, und die Version des französischen Sängers Hugues Aufray, der mittlerweile auch schon 70 Jahre zählt (töstlich!!), war da  ein Hit und reifte zum Wurm in meinen Ohren. Es gibt Situationen, die man auf ewig mit bestimmten Musiken verbindet, dies ist so eine, die unweigerlich mit dem Jahr 1970 verbunden ist. Zumindest für mich. Später als ich anfing, selbst Musik zu machen mit bretonischen, irischen und deutschen Folksongs, war dieses Lied auch im Repertoire.

Die Leuchtfeuer von Saint Malo, der Stadt Dinard gegenüber auf der anderen Seite der Rance- Mündung,  finden in diesem Seemannslied Erwähnung und eben auch eine Frau mit Namen Margot.

Ich beginne in Erinnerungen zu schwelgen, die durchsetzt werden mit Szenen aus dem Film von Eric Rohmer. Hätte ich mir doch nur den Film kurz vor der Abreise noch einmal angesehen, ich tue mich schwer, irgendeinen Platz auch nur annähernd wieder zu erkennen. Schließlich stehe ich vor einer Art Trockendock, auf dem zwei reparaturbedürftige Schiffe liegen. Ich mache ein, zwei Fotos, gehe weiter bis zur Kaimauer. Die Worte „Warum auch nicht?“ im Kopf fotografiere ich eine Häuserfront an der Place Jules Boutin.

Das Filmcafé

Das Filmcafé (oben rechts)

Erst zu Hause, weil mich die Neugier nicht ruhen ließ, und ich mir den Film dann doch noch einmal zu Gemüte geführt hatte, stellte ich dann jubelnd fest, dass dieses Café, genau das Filmcafé just auf diesem Foto mit der Häuserfront zu sehen ist. Nur ist es „im richtigen Leben“ gar kein Café, sondern wohl eher eine Wohnung.

Bedingt durch das milde Klima des Golfstroms gedeihen hier in Dinard Palmen. Das gibt dem Ganzen ein mediterranes Flair. Nizza eben. Unter einer dieser Palmen nehme ich auf einer Bank Platz, schaue versonnen auf die Bucht, die Tour Solidor, einen Turm, der Bestandteil der Festungsanlage um St. Malo ist, sehe eine Gruppe von Menschen, die geduldig auf die Ankunft der Fähre wartet. Hier stieg auch im Film Gaspard aus und später wieder ein.

Tour Solidor in St. Malo

Tour Solidor in St. Malo

Es ist Mittagszeit, während am Hauptstrand Hochbetrieb herrscht frönt die Geschäftswelt der Stadt der Siesta. Die meisten Läden sind geschlossen.

Das nächste Ziel, das ich anvisiere, ist Erquy. Der Strand hier ist mir noch aus frühen Jugendtagen vertraut, Nostalgie ist angesagt. Diese vergeht aber alsbald im Stau kurz vor dem Badeort und spätestens bei der der vergeblichen Parkplatzsuche und den Massen Sonnenschirm, Kühlboxen und Klappstühlen bewaffneter Menschen, die sich karawanenartig Richtung Strand bewegen, ändere ich meinen Plan und beschließe, der Küste vorerst den Rücken zu kehren und nach direkt La Chèze zu fahren. „Dann bin ich eben etwas früher da…“, denke ich und stelle das Navi auf seinen neuen Zielort ein.

Bretonisches Tagebuch: Teil 1: Erste Urlaubstage – Normandie bis Cancale

Boote in FécampCancale 17.08.2009

Gelandet. Gott bin ich nicht, aber zumindest wieder in Frankreich, das heißt, nicht ganz, ich bin in der Bretagne. Es lebe der kleine Unterschied. Der Tacho zeigt 847 km Wegs. Alles ist glatt gelaufen. Kleinere Staus an den Péage- Stationen sind verzeihlich, immerhin haben wir in Frankreich noch Hauptferienzeit.

 Dementsprechend voll sind die Campingplätze, in St. Valréry en Caux musste ich dann auch gleich eben wegen „überfüllt“ passen. Sei’s drum ich habe tollen Ersatz gefunden, ein paar Kilometer weiter, auf den Klippen von St. Pierre….

 Die Kameratasche nebst Inhalt gepackt und bis zum Rand der Klippen. Tolle Aussicht auf das Meer. Meer, endlich wieder Meer! Der Geruch archaisch vertraut, erwünscht und herbeigesehnt.

 Warum nicht den steilen Weg hinunter bis zum Strand? Weil der Weg hinauf mindestens genau so steil ist. Ach, was soll’s…

Hier ein Foto, da ein Foto. Drei junge Menschen, die sich in die Fluten stürzen. Warm wird das Wasser nun gerade auch nicht sein. Respekt!

 Der Weg hinauf verführt zur Schnappatmung, der ich dann munter fröne. Meine Waden werden härter, der morgige Muskelkater ist mir gewiss.

 Ermattet sinke ich auf die Matratze im Auto. Hier will ich sein, hier geht’s mir gut. Ich schließe die Augen, ein paar Gesichter huschen vorbei. Eins immer wieder und immer wieder ganz deutlich.

 Werde ich träumen? Wovon? Ein Traum wird doch gerade wahr. Einer. Ja der, mahne mich und der andere? Ich mahne mich weiter und zwar zur Geduld.

 Irgendwann, so kurz nach 22Uhr döse ich über meinen Träumen sanft ein. Irgendwann, so kurz nach vier Uhr dreißig werde ich wach. Durst. Ich suche nach der Wasserflasche. Der Sichelmond scheint mir durchs linke Fenster. Tausende Sterne funkeln. Ein paar kleinere Wolken ziehen vorbei.

 Mir geht’s gut.

 Irgendwann werde ich wieder wach und es ist schon hell. Der gesamte Himmel ist ein wolkiges Grau getaucht. Von aufgehender Sonne keine Spur. Hm.

 Die Uhr zeigt kurz nach sieben. Ich drehe mich noch einmal herum. Normalerweise wäre es Zeit zum Aufstehen. Der Kölner Nachbar ist auch schon munter. Drei-, viermal schließt er sein Auto auf, Türen knallen, er schließt wieder ab. Die Blinker tun das, was sie am besten können: Sie blinken und das jedes Mal.

 Irgendwann ist es acht Uhr. Ich denke an die, die gerade zur Arbeit rollen, krabbele aus dem Auto, strecke und recke mich vorschriftsmäßig und spüre meine Waden. Oha. Nichts mehr bin ich gewohnt. Vielleicht lässt sich ja in den nächsten Tagen daran etwas ändern.

 Ein Blick auf die Karte. Cancale wird das Tagesziel. Vor 13 Jahren entdeckt. Mit Blick auf den zwischen Normannen und Bretonen jeweils für sich reklamierten Mont St. Michel.

Pont d'Avale001_resize

Falaise d'Aval

 Hier sitze ich nun, ei einem Glas Cinsault, Rosé, fast Gris. Nach einigen Irrungen und Wirrungen rund um Caen, aber mit erfolgreichem Besuch eines Carrefour, der mir neben diesem äußerst schmackhaften Cinsault auch noch das dringend benötigte Campinggas, einen Camembert, Moutarde de Dijon, eine Baguette, ein paar Tomätchen, ein 10- Pack Kronenbourg bescherte.

 Zuvor habe ich noch in Étretat Halt gemacht, Fotos vom Falaise d’Aval , der Strandpromenade, den Standpromenierenden, den Beschäftigten des Strandcafés, die emsig Tische und Stühle aufstellen, die Softeismaschine auf Trab bringen.

Pont de Normandie

Pont de Normandie

 Toll auch wieder der Ritt über den Pont de Normandie, dieser atemberaubenden Brückenkonstruktion bei Le Havre, kurz bevor die Seine ihr wohl verdientes Ende im Meer findet. Die fünf Euro Wegezoll ist dies an Achterbahnfahren erinnernde Erlebnis allemal wert.

 Um meinem Muskelkater zu trotzen, bin ich eben einige 1000 Meter an der bretonischen Seilküste entlang balanciert. Habe Fotos gemacht.

 Zurück auf dem Campingplatz, wo in der gegenüber liegenden Nachbarschaft das Patriarchat freudige Urständ feiert: Er: „Zwei Dinge, die ich jetzt unbedingt benötige: Das französische Wörterbuch und ein Glas von dem Rotwein!“

 Und sie bringt ihm brav beides und er doziert im Weiteren über den Unterschied zwischen „sale“ (schmutzig) und „salé“ (gesalzen), zwei Wörter, die sie bei ihrem nächsten Einkauf besser nicht vergessen haben sollte.

Sonnenaufgang

 Cancale. 18.08.2009 Um 7:14 war ich pünktlich zum Sonnenaufgang über der Normandie wach. Der rote Ballon hob sich relativ schnell und zog eine Spieglespur in der Bucht von Mont St. Michel.

 Ich war heute im Ort und habe den einzigen dortigen Internetverbindungspunkt gefunden. Dem Office de Tourisme und dessen netten Angestellten  sei Dank. Das Café heißt „Carpe Diem“, was in französischer Aussprache erst einmal verstanden sein will. Nach einer beherzten Nachfrage habe ich verstanden und nicht nur den Tag ergriffen, sondern auch die Datenleitung. 27 Emails lauerten auf mich, keine eigentlich wichtig. Nun denn.

 Dann bin ich noch zum Port de Briac, der weniger ein Hafen als vielmehr eine kleine schnuckelige Badebucht ist. Wie häufig hier im Nordteil der Bretagne findet man von den Gezeiten abgeschroffte Felsen, dazwischen grauen, rauen Sand und eher weniger die gülden gefärbten Strände, dazu müsste man sich in den Süden bewegen. Das Wasser ist klar, ein paar Motor- und Segelboote haben in der Bucht festgemacht, Kinder, Frauen, Männer auf großen Badetüchern frönen dem Sonnenbad. Andere planschen in seichter Ufernähe.

 Gegen drei bin ich zurück auf dem Campingplatz, fühle mich irgendwie hundemüde, breite die Picknickdecke aus, zwischen Zelt und Auto, lege mich darauf und bin sogleich im Pays des Rêves, im Land der Träume.

 Es ist angenehm warm, zirka 24 Grad Celsius. Eine sanfte Brise weht vom Meer herüber. Der Magen meldet sich mit der Wehklage: Hunger. Ok. Ok. Ich mach ja schon.

 Die Cipollata brutzeln munter in der Pfanne, ich suche den Senf. Irgendwo wird, ja muss er doch sein. Ich finde ihn dort, wo ich ihn nicht vermutet hatte: In der Kiste mit denn Nahrungsmitteln.

 Der Wein des Abends ist ein „Chemin des Olivettes“, er ist eher schwarz denn rot und stammt aus dem Languedoc. Ich habe ihn gestern im Carrefour erstanden, dem alten Trick folgend: Schaue, welchen Wein die ansässige Bevölkerung kauft, vertraue und kaufe desgleichen. Gesagt, getan und Treffer. Treffer in der Mitte des guten, aber bezahlbaren Weingeschmacks.

Immerhin habe ich es geschafft, die Picknickdecke zu zähmen und wieder sach- und fachgerecht aufzurollen, das, was letzthin noch ein Problem schien, ist somit keins mehr.

 Morgen geht es dann nach La Chèze, dem eigentlichen Ziel und Grund der ganzen Reise. Das Festival beginnt dort am frühen Abend.

 Vorher habe ich noch eine kleine Reise zu den Plätzen, den Wohlbekannten, meiner Jugend geplant: St. Malo, Dinant, Dinard, Cap Fréhel, Erquy, St. Brieuc. Alles werde ich wohl nicht schaffen. On verra. Mal sehen.

 21:39. Allmählich dunkelt es ein. Die diversen Kochgerüche verflüchtigen sich mit der immer noch recht milden Sommerbrise und machen dem Meergeruch wieder Platz.

 Ich bin nicht Gott, aber wieder in Frankreich. Auch er würde sich hier wohl kaum besser fühlen. Alles ist gut. Doch Wünsche hat man, habe ich immer. Beim nächsten Mal dann vielleicht.