Umbrisches Tagebuch – Teil 8 – 06.02.2010 – Von Gubbio nach Pineto

Mark DuFresne & Sugar Ray Norcia

Mark DuFresne & Sugar Ray Norcia

Es muss so gegen drei Uhr sein, als die Karawane dann endlich aus Gubbio aufbricht.

Kurze Regenschauer begleiten uns. Wir fahren dieselbe Strecke durch die Apennin- Ausläufer zurück, die mich in diesen schönen Ort geführt hat. Jetzt wird mir Maurizios Anspielung auf die Geschwindigkeit klar: Er heizt ganz schön durch die bergige Landschaft, aber mein kleiner Miet- Panda hält tapfer mit. Kurz vor Ancona geht es dann südwärts auf die Autobahn A14, die sich an der Adria entlang schlängelt.

Unterwegs nach Pineto

Unterwegs nach Pineto

Unterwegs ist ein Treffpunkt an einer Raststätte ausgemacht. Kaffee, Süßgebäck. Gio kauft noch eine 3-fach CD von Duke Ellington für 7,95 € für einen seiner Schüler, der wissen wollte, was Swing ist. „Hier hat er alles, was er für den Anfang wissen muss.“, pflichtet Ray ihm bei, als er auf die Titelliste geschaut hat.

 Als wir in Pineto ankommen, ist es bereits dunkel. Eine kleine Irrfahrt durch den Ort, dann haben wir es gefunden, das Teatro Polifunzionale.

Plakat Pineto

Plakat Pineto

Erwartet werden wir schon von Vincenzo, dem Initiator der Konzertreihe «Green Hills In Blues – Winter Editiom 2010».

 Irgendwer muss ihn über meine Anwesenheit informiert haben, er kommt freudestrahlend auf mich zu und sagt in Deutsch zu mir: „Guten Abend Tony, ich freue mich, dich kennen zu lernen.“ Ich bin ein wenig verdutzt, aber Vincenzo erklärt mir, dass er in den 60-ger Jahren in Süddeutschland gelebt hat und dort als Musiker getingelt ist.

Wir räumen Instrumente, Zubehör und Verstärker in den Saalbau. Dazu müssen wir in den ersten Stock. Es gibt einen Aufzug. In diesem ergibt sich folgende Situation: Mark, Alberto und ich, alle drei nicht gerade Leichtgewichte, dazu noch die Orgel, ein Flightcase und Ray. Ray drückt den Knopf zur ersten Etage.

 Der Lift ruckelt ein wenig beim Anfahren und macht seltsame Geräusche. Ray schaut uns an und zieht die Augenbrauen hoch: „Wieviele Kilo schafft der?“ Alle müssen laut lachen. Nur der Aufzug nicht. Der ächzt und zieht uns brav in die Höhe.

 Aufbau, kurzer Soundcheck, Ray spielt «Feeling Blue» an, Alberto hat sich entschlossen nur die Bassbegleitung zu spielen. Und so aufs Wesentliche minimiert, passt es, es klingt einfach toll.

 Es ist noch Zeit, so fahren wir zum Einchecken ins Hotel. Dort wartet auch schon das Abendessen. Verschiedene Speisen stehen zur Auswahl: Spinat, Prinzessbohnen im Speckmantel, Salate, Fleischklöpse in Tomatensoße, Spaghetti a la Carbonara, Weißbrot, dazu Wein in Karaffen und Wasser.

 Und wieder plärrt von irgendwoher im Hintergrund der Fernseher. Aber dem messen wir keine Bedeutung bei. Unsere Unterhaltungen liegen im Lautstärkepegel leicht darüber und werden wie immer hier und da durch Lachsalven durchbrochen.

 Mark fährt mit mir und in meinem Panda durch die abendlichen Straßen zurück zum Theater. Der Saal ist bedauerlicherweise nicht einmal zur Hälfte gefüllt.

Lorenzo Piccioni

Lorenzo Piccioni

 Als Opener fungiert Lorenzo Piccioni, ein junger Gitarrist, der auf seiner Akustikgitarre Blues und Artverwandtes präsentiert.

Vincenzo

Es ist schön und tut gut, immer wieder auf Menschen zu treffen, die sich jeder auf seine Weise dem Blues verschrieben haben. Vincenzo kündigt das Maurizio Pugno Trio mit einem Enthusiasmus an, dem sich wohl keiner der Zuhörer entziehen kann. Mir geht dies genauso, obwohl ich nicht jedes Wort im Detail verstehe, bekomme ich doch mit, was mit welchem Elan er sich hier vor Ort einsetzt, um Spektakel wie dieses in diese Gegend zu bringen. Der Blues sei ihm wichtig und Veranstaltungen wie diese ebenfalls und sein Stolz sei groß, einige der besten italienischen Protagonisten dieser Musikrichtung hier präsentieren zu können. Dass zusätzlich noch zwei Blueskoryphäen der US- amerikanischen Szene mit auftreten, erfülle ihn mit einer riesigen Portion Freude. Toll sei auch, dass eigens aus Deutschland jemand angereist sei, um das Ganze zu dokumentieren, jemand von einem Bluesradio, dem es genauso wie Vincenzo selbst darum ginge, dem Blues eine Plattform zu bieten. Ich höre dies und bin wohl zu sehr mit dem Verstehen seiner Worte beschäftigt als mit ihrem Inhalt. So stehe ich plötzlich im Schweinwerferkegel und gleichzeitig auch etwas neben mir, höre Applaus, bin ebenso überrascht wie gerührt und verneige mich winkend vor dem werten Publikum.

 Genug der Worte. Nun wird es allmählich Zeit für die Musik: Maurizio, Gio und Alberto eröffnen instrumental, Mark kommt dazu winkt wieder mit seinem Aluflachmann, täuscht einen tiefen Schluck daraus vor greift sich das Mikro und los geht’s.

Alberto Marsico

Alberto Marsico

 Im Prinzip ist es die gleiche Show wie am Vorabend, im Sound ein wenig abgespeckt zwar, da der Bläsersatz und Bass fehlen. Letzteren kompensiert Alfredo quasi „mit Links“. Die Setlist wurde in wenigen Punkten geändert. „Feeling Blue“ beispielsweise kommt mit minimaler Instrumentierung so richtig groovy vin der Bühne.

 Kurzum dem Publikum gefällt’s. Dementsprechend laut ist auch der Beifall.

Gio Rossi

Gio Rossi

 Gio Rossi bietet während seines Schlagzeugsolos wieder einmal eine gelungene clowneske Einlage, die dieses Mal ganz anders ist als am Vorabend.

 „Niemals denselben Gag zweimal, das Publikum merkt das zwar nicht, ich mache das aber auch für die Band.”, erzählt er mir später. Ja, die Band hatte ihren Spaß und das Publikum ebenfalls.

 Einige CDs können nach dem Konzert verkauft werden, ich verteile noch einige JJBR- Karten an Leute, die mich interessiert darauf ansprechen.

 Dann kommt schon der erste große Abschied. Vincenzo hat einen Fahrer organisiert, der Mark nach Rom zum Airport bringen wird. So bleibt Maurizio noch etwas Ruhe und Zeit, um  Ray dann um sechs Uhr in der Früh ebenfalls nach Rom zu bringen.

 Auf dem Parkplatz verabschieden wir Mark. Wir fahren zurück ins Hotel. Ein Grappa als Absacker noch, dann der nächste Abschied: Maurizio und Ray sagen „Ciao und Goodbye“. Gio, Alberto und ich verabreden uns für 10 Uhr zum Frühstück.

 Dann verschwinden alle ermattet auf ihren Zimmern.

 Beim Frühstück erzählt Alberto, dass die meisten Hotels hier in der Gegend nur deswegen geöffnet sind, weil noch viele der Erdbebenopfer aus den Abruzzen seit April 2009 hier immer noch in Hotels untergebracht sind.

 Dann wird es auch Zeit für die Beiden aufzubrechen. Ein weiterer herzlicher Abschied folgt.

 Mir bleibt auch nur, das Gepäck aus dem Zimmer zu holen und zu zahlen.

 Von nun an bin ich wieder alleine unterwegs. Es ist Sonntagmorgen in Pineto. Die Stadt ist wie ausgestorben. Es nieselt leicht. Am Mittwoch geht mein Flieger. Also noch genügend Zeit, etwas von dem Land, in dem (irgendwann später) die Zitronen blühen, kennen zu lernen.

Strand bei Pineto

Strand bei Pineto

 Ausgefeilte Pläne habe ich nicht. Ich werde einfach die Adria- Küste gen Norden hinauf tingeln. Bis ich dann wieder in Ancona bin. Am Mittwoch. Spätestens.

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Umbrisches Tagebuch – Teil 6 – 05.02.2010 – Der Konzerttag

 

Gubbio, 05.02.2010 gegen 11Uhr.  

Als ich am Freitagmorgen dann gegen elf Uhr ins Theater komme, ist man gerade damit beschäftigt, Zusatzmaterial für die DVD zu filmen. Die Dramaturgie will, dass Maurizio mit seinem Gretsch- Gitarrenkoffer das Theater betritt und zur Bühne schreitet, das Ganze wird mehrfach wiederholt, bis es dann endgültig im Kasten ist. Interviews mit den Musikern werden vor laufender Kamera geführt. „I hope you didn’t trash us too much.“, meint Mark DuFresne lachend zu Gio Rossi, als der gerade aus dem Interview entlassen wird. Dabei winkt Mark scherzhaft drohend mit seiner Krücke, die er bei Bedarf auf der Bühne auch schon mal als Luftgitarre oder als Maschinengewehrimitat nutzt. 

 Trotz all des Stresses mag niemand der Beteiligten die gute Laune zu verlieren. Alles scheint luftig leicht. Ein aufmunterndes Wort, eine Anspielung, ein Lächeln, ja auch ein Lachen, derartiges ist immer möglich, auch wenn man manchmal an seine Grenzen stößt.

Maurizio Pugno

Maurizio Pugno

  „Ich bin froh, wenn das hier vorbei ist, dann werde ich nur noch schlafen, schlafen, schlafen.“, seufzt ein ermatteter Maurizio, als er mir das Ticket für den heutigen Abend überreicht. Ich habe Sitz 13, den Eckplatz rechts in der ersten Reihe des Parketts. Von hier aus kann ich sehr gut fotografieren. 

 So gegen 16:30Uhr verabschiede ich mich, verlasse ich das Theater und fahre zurück in mein Hotel. Ganz in der Vorfreude auf ein tolles Event. 

 Zum Konzert selbst kann ich im Prinzip das wiederholen, was ich schon zum Konzert in Uden geschrieben habe. Es ist einfach grandios. Alle sind in bester Spiellaune und die all die Mühen haben sich gelohnt. Durch den Bläsersatz kommt in das eine oder andere Stück auch eine Portion mehr an Pfeffer hinein. 

Mark DuFresne & Marizio Pugno

Mark DuFresne & Marizio Pugno

 Erstklassige Musiker liefern eine erstklassige Performance ab. Was will man mehr? 

 Und dennoch: Als aufmerksamer Beobachter und durch all die Stunden der Proben eingeweihter Mitwissender fallen einem natürlich auch die kleinsten Patzer auf, aber das ist eben menschlich und „Life is live“, da helfen auch die intensivsten Proben nicht. 

 Egal, was da passiert, leicht verschleppte Einsätze, das unfreiwillige unplugged Spiel Maurizio’s, als Sugar Ray ihm aufs Kabel tritt und es damit ausstöpselt, die auf der Bühne Agierenden sind mit einer Riesenportion Humor und Spaß dabei und genau das ist es, was sich auf das Publikum überträgt. 

Sugar Ray Norcia

Sugar Ray Norcia

 Das Beste bringt Sugar Ray, als er sich vom Mikrofon entfernt, sich an den Bühnenrand stellt und von dort aus weiter singt. Dem Tontechniker werden im dem Moment sicher einige graue Haare gewachsen sein, obwohl die Band auf Sugar Ray’s Alleingang sofort reagiert: Alle drehen ohne Zögern einen Tacken leiser. Ein wirklich erhebender und magischer Moment, im Publikum ist es mucksmäuschen still. 

 Später erzählt mir Ray, er habe so handeln müssen. Man sei schließlich in einem Haus, in dem auch Opern gespielt würden. „Ich wollte es einfach wissen, wie das so ist und wie das so klingt so ganz ohne Mikro. Für mich war das ein wunderbarer Moment. Ich hatte den Soundmenschen aber vorher gefragt.“ – „ Und was hat der gesagt?“ – „Mach das bloß nicht!“ Das verschmitzte Grinsen von Ray habe ich jetzt noch vor Augen. 

Publikum

Publikum

 Eine insgesamt tolle Bandleistung mit hervorragenden Solisten. Und das Ganze vor übervollem Haus. Rund 200 Leute musste die Feuerwehr abweisen. Das Theater war eh schon mehr las überfüllt. 

 Und nach der Vorstellung? Klar, dass das noch nicht alles war. Ein Restaurant ist reserviert und alle, von der Gardarobenfrau bis zu den Kameraleuten, Musiker und Freunde feiern bei Bier, Wein und Köstlichkeiten der italienischen Küche einen mehr als gelungenen Abend.

 Für den folgenden Mittag verabreden wir uns im Theater, um die Instrumente und die Anlage einzupacken, denn am Samstagabend spielt das Maurizio Pugno Organ Trio feat. Mark DuFresne & Sugar Ray Norcia in Pineto an der Adria- Küste, etwa 200 Kiulometer von Gubbio. 

 Aber das ist eine andere Geschichte.

Umbrisches Tagebuch – Teil 4 – 04.02.2010 – Von Ancona nach Gubbio

Unterwegs nach Gubbio

Die Nacht verläuft ruhig, ich schlafe tief und fest. Wach werde ich gegen 8Uhr am anderen Morgen. Gut gelaunt begebe ich mich nach unten, wo das Frühstück schon wartet.

 Die nette Signora vom Vortag ist auch schon aktiv und fragt sogleich, ob ich Kaffee oder Tee haben möchte. Ich will Kaffee. Die Dame verschwindet hinter der Theke und macht sich an der Kaffeemaschine zu schaffen. Das Ergebnis ihrer morgendlichen Anstrengung stellt sie mir in einem Plastikbecher auf die Theke.

 Dann verweist sie auf einen Plastikbehälter, in dem sich vier in Plastik verpackte Croissants befinden. Vergeblich halte ich Ausschau nach Alternativen.

 Das Croissant schmeckt wie seine Verpackung schon ahnen lässt. Scheußlich. Der Kaffee ist ein tiefschwarzes bitteres Etwas, das man nur mit viel Zucker genießbar machen kann.

 Ein Biss, ein Schluck und schon will ich nicht mehr.

 Mich schüttelt es noch, als ich die Treppe hinauf gehe zu meinem Zimmer, um mein Gepäck abzuholen und danach gen Gubbio aufzubrechen.

 Ich freue mich auf das Wiedersehen mit Maurizio Pugno, dessen Einladung ich es zu verdanken habe, dass ich überhaupt nach Italien gekommen bin.

 Von ihm habe ich eine SMS mit der Hoteladresse bekommen. Es ist das Park Hotel in Gubbio. Die gebe ich in mein Navi und los geht es.

 Es sind etwas mehr als hundert Kilometer, sie führen mich durch einen Teil des Apennins. In Italien fährt man selten über Berge, nein man fährt meist durch sie durch. Tunnel nach Tunnel.

 Gegen 11:30 bin ich am Ziel.

 Einchecken im Hotel. Ich bringe mein Gepäck aufs Zimmer. Dann mache ich mich auf Richtung City. Einen Parkplatz finde ich am antiken Teatro Romano. Von hier bis in die Innenstadt sind es nur wenige Schritte.

Gubbio

 Enge Gassen, malerische Plätze, mittelalterliche Fassaden, kleine Läden. Wie von fremder Hand gesteuert stehe plötzlich vor dem Stadttheater-