Komm zur Ru(h)r

Rur

Die Rur bei Monschau (tief im Westen)

Seit Neuestem gehören diese endwattierten Ohrreinigungsstäbchen zur stetigen und auf der Mittelkonsole immer griffbereiten Grundausstattung in meinem PKW. Auf dem Weg zu meiner Arbeitsstelle und auf dem Weg von ihr zurück versuche ich meist, mich über das jeweils aktuelle Tagesgeschehen auf dem Laufenden zu halten. Da ich in NRW lebe, ist der für mich prädestinierte Radiosender WDR2. Der Informationsgehalt ist hier wirklich auf bestem Niveau. Hier wird kritisch hinterfragt und ebenso kommentiert. Das allerdings, was zwischen den journalistischen gut aufbereiteten Blöcken liegt, leider nicht. Zumindest nicht immer. Und manchmal kräuseln sich bei mir schier die Nackenhaare und die Fußnägel im einmütigen Duett ob der dargebotenen grausig- gruseligen, mainstreamigen Musikauswahl. Wie muss da ein Musikredakteur wohl drauf sein. Das Ganze hat sicher Methode und er muss wohl alles in der gewünschten fahlen, gut verdaulichen Programmfarbe streichen. Ganz schlimm der Hispanopop. Aufgedunsene Luftblasen aus dem letzten Mallorca- Urlaub? Ganz schlimm auch diese piepsigen Top Twenty Mädels, denen von ihren Produzenten suggeriert wird, die hätten eine wahnsinnig tolle Stimme. Und sie sängen jetzt R&B. Letztendlich glauben die das und halten sich für die Größten. Nun denn, sollen sie. Irgendwie schaffe ich es mittlerweile, in den durchschnittlich drei ein halb Minuten die Ohren weitgehend unverletzt zu halten, in dem ich sie auf Durchzug stelle. Aber bei einem pathetisch- bombastischen Ohrpfropfen will mir das einfach nicht gelingen: Hierbei handelt es sich um die oft und gerne gespielte Ruhrpotthymne von Herbert Grönemeyer. Das Ruhrgebiet ist Kulturhauptstadt Europas. Herzlichen Glückwunsch. Aber der Titel  «Komm zur Ruhr» kommt so klebrig daher, dass sie sich schmerzhaft zwischen meinen beiden Hörantennen festsetzt. Bombast hoch dreizehn und das über fast sechs Komma fünf Minuten. Auf den Text will ich gar nicht erst groß eingehen. Aber sorry, was da musikalisch transportiert wird, ist schlimm, nein, schlimmer als schlimm. Ein ganzes Orchester nebst Chor, eine Drummachine, Herberts Band und Herberts Stimme schmalzen meine gut ausgebildeten Lauscher zu. Und dann kommen sie zum Einsatz, diese endwattierten Ohrreinigungsstäbchen. Als Räumkommando. Zwar nicht „vom Schaum erschlagen“, so doch vom Schmalz gequält. „Schnörkellos“ ist bei diesem Song rein gar nichts. Herbert, oh Herbert ich möchte dir zurufen: „Komm zur Ruh“. Und dazu „Komm zur Rur“, denn die fließt tatsächlich tief im Westen, wo Bochum nun mal nicht wirklich liegt. Das sagt dir einer, der genau das weiß, well er genau dort lebt und arbeitet…an der Rur.
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PS
Ein Doppelkick auf das Foto und ihr könnt euch selbst ein Ohr- und Augenbild machen von Herberts epochalem Meisterwerk machen.

Rockpalast – Peter Rüchels Erinnerungen – Lesung im Topos in Leverkusen am 28.10.2009

Flashbacks. Weiße Nächte. Alkoholfrei oder tief durchtränkt. Felsenpaläste. In der Essener Gruga Halle oder im Freien auf dem Loreley- Felsen. Allein oder mit Freunden. Süße Erinnerungen. Gesichter tauchen auf und wieder ab. Ein Damals. Ein Heute. Musiken finden wieder statt. Wir sind älter geworden, alle, mit diesen wunderbaren Erfahrungen. Als das Fernsehen noch mono im Ton war, aber das Radio längst stereo. Nichts ist anders und alles hat sich geändert. Das Tonband drehte gemächlich seine Runden von Spule zu Spule, jeder wusste, dass hier etwas Ungewöhnliches, Geschichtsträchtiges passierte.

Zeit, einmal die Luft anzuhalten, sich zurückzulehnen und den Helden von damals und jetzt zu lauschen: Rory, Johnny, Lowell, Jerry, Eric, Steve, Steven, David, Billy, Joan….

Und eben jetzt gibt es das Buch zu zum rockigen Meilenstein im deutschen TV. Der über viele Jahre redaktionell Verantwortliche, Peter Rüchel, stellte am Mittwoch, den 28.10.2009 unter den Augen und Ohren zahlreicher Gäste im Leverkusener Topos seine zu Papier gebrachten Erinnerungen vor. Darüberhinaus würzte er dies durch zahlreiche weitere, (bisher) ungeschriebene Anekdoten.

Es war eine wahre  Wonne, dem zuzuhören und sich mit so vielen Menschen auf diese, kleine, träumerische Zeitreise zu begeben.

Musikalisch wurde der Abend untermalt von Wolfgang Niedecken, der in Erinnerung an Rory Gallagher eine eingekölschte Version von „A Million Miles Away“ zum Besten gab, Kozmic Blue mit Reminiszenzen an good old Janis und der Topos All Star Band, die Titel von Steve Miller, John Fogerty, Spencer Davis und anderen zu Gehör brachten.

Eine wirklich gelungene Veranstaltung, die zudem total ausverkauft war. So ist dies auch heute eine Huldigung an eine der wichtigsten Errungenschaften des deutschen Fernsehens, dem WDR sei noch mal ausdrücklich gedankt für das Wagnis, eine derartige Sendereihe ins Programm aufzunehmen: Mit voller Risikobereitschaft, die Liveprojekte nun mal in sich bergen.
Vor ein paar Tagen ist die DVD mit dem Rockpalst- Konzert von ZZ Top bei mir eingetrudelt. Wenn ich so gegen vier Uhr noch wach bin, werde ich sie in den Player legen, mich aufs Sofa setzen und so tun als ob…

Danke an Peter Rüchel und Christian Wagner, Alan Bangs und Albrecht Metzger und alle anderen, die an einem Teil von meinem Leben mitgewirkt haben. Danke für den Rockpalast, der über weite Strecken durchaus auch Bluespalast geheißen haben könnte…