Umbrisches Tagebuch – Teil 8 – 06.02.2010 – Von Gubbio nach Pineto

Mark DuFresne & Sugar Ray Norcia

Mark DuFresne & Sugar Ray Norcia

Es muss so gegen drei Uhr sein, als die Karawane dann endlich aus Gubbio aufbricht.

Kurze Regenschauer begleiten uns. Wir fahren dieselbe Strecke durch die Apennin- Ausläufer zurück, die mich in diesen schönen Ort geführt hat. Jetzt wird mir Maurizios Anspielung auf die Geschwindigkeit klar: Er heizt ganz schön durch die bergige Landschaft, aber mein kleiner Miet- Panda hält tapfer mit. Kurz vor Ancona geht es dann südwärts auf die Autobahn A14, die sich an der Adria entlang schlängelt.

Unterwegs nach Pineto

Unterwegs nach Pineto

Unterwegs ist ein Treffpunkt an einer Raststätte ausgemacht. Kaffee, Süßgebäck. Gio kauft noch eine 3-fach CD von Duke Ellington für 7,95 € für einen seiner Schüler, der wissen wollte, was Swing ist. „Hier hat er alles, was er für den Anfang wissen muss.“, pflichtet Ray ihm bei, als er auf die Titelliste geschaut hat.

 Als wir in Pineto ankommen, ist es bereits dunkel. Eine kleine Irrfahrt durch den Ort, dann haben wir es gefunden, das Teatro Polifunzionale.

Plakat Pineto

Plakat Pineto

Erwartet werden wir schon von Vincenzo, dem Initiator der Konzertreihe «Green Hills In Blues – Winter Editiom 2010».

 Irgendwer muss ihn über meine Anwesenheit informiert haben, er kommt freudestrahlend auf mich zu und sagt in Deutsch zu mir: „Guten Abend Tony, ich freue mich, dich kennen zu lernen.“ Ich bin ein wenig verdutzt, aber Vincenzo erklärt mir, dass er in den 60-ger Jahren in Süddeutschland gelebt hat und dort als Musiker getingelt ist.

Wir räumen Instrumente, Zubehör und Verstärker in den Saalbau. Dazu müssen wir in den ersten Stock. Es gibt einen Aufzug. In diesem ergibt sich folgende Situation: Mark, Alberto und ich, alle drei nicht gerade Leichtgewichte, dazu noch die Orgel, ein Flightcase und Ray. Ray drückt den Knopf zur ersten Etage.

 Der Lift ruckelt ein wenig beim Anfahren und macht seltsame Geräusche. Ray schaut uns an und zieht die Augenbrauen hoch: „Wieviele Kilo schafft der?“ Alle müssen laut lachen. Nur der Aufzug nicht. Der ächzt und zieht uns brav in die Höhe.

 Aufbau, kurzer Soundcheck, Ray spielt «Feeling Blue» an, Alberto hat sich entschlossen nur die Bassbegleitung zu spielen. Und so aufs Wesentliche minimiert, passt es, es klingt einfach toll.

 Es ist noch Zeit, so fahren wir zum Einchecken ins Hotel. Dort wartet auch schon das Abendessen. Verschiedene Speisen stehen zur Auswahl: Spinat, Prinzessbohnen im Speckmantel, Salate, Fleischklöpse in Tomatensoße, Spaghetti a la Carbonara, Weißbrot, dazu Wein in Karaffen und Wasser.

 Und wieder plärrt von irgendwoher im Hintergrund der Fernseher. Aber dem messen wir keine Bedeutung bei. Unsere Unterhaltungen liegen im Lautstärkepegel leicht darüber und werden wie immer hier und da durch Lachsalven durchbrochen.

 Mark fährt mit mir und in meinem Panda durch die abendlichen Straßen zurück zum Theater. Der Saal ist bedauerlicherweise nicht einmal zur Hälfte gefüllt.

Lorenzo Piccioni

Lorenzo Piccioni

 Als Opener fungiert Lorenzo Piccioni, ein junger Gitarrist, der auf seiner Akustikgitarre Blues und Artverwandtes präsentiert.

Vincenzo

Es ist schön und tut gut, immer wieder auf Menschen zu treffen, die sich jeder auf seine Weise dem Blues verschrieben haben. Vincenzo kündigt das Maurizio Pugno Trio mit einem Enthusiasmus an, dem sich wohl keiner der Zuhörer entziehen kann. Mir geht dies genauso, obwohl ich nicht jedes Wort im Detail verstehe, bekomme ich doch mit, was mit welchem Elan er sich hier vor Ort einsetzt, um Spektakel wie dieses in diese Gegend zu bringen. Der Blues sei ihm wichtig und Veranstaltungen wie diese ebenfalls und sein Stolz sei groß, einige der besten italienischen Protagonisten dieser Musikrichtung hier präsentieren zu können. Dass zusätzlich noch zwei Blueskoryphäen der US- amerikanischen Szene mit auftreten, erfülle ihn mit einer riesigen Portion Freude. Toll sei auch, dass eigens aus Deutschland jemand angereist sei, um das Ganze zu dokumentieren, jemand von einem Bluesradio, dem es genauso wie Vincenzo selbst darum ginge, dem Blues eine Plattform zu bieten. Ich höre dies und bin wohl zu sehr mit dem Verstehen seiner Worte beschäftigt als mit ihrem Inhalt. So stehe ich plötzlich im Schweinwerferkegel und gleichzeitig auch etwas neben mir, höre Applaus, bin ebenso überrascht wie gerührt und verneige mich winkend vor dem werten Publikum.

 Genug der Worte. Nun wird es allmählich Zeit für die Musik: Maurizio, Gio und Alberto eröffnen instrumental, Mark kommt dazu winkt wieder mit seinem Aluflachmann, täuscht einen tiefen Schluck daraus vor greift sich das Mikro und los geht’s.

Alberto Marsico

Alberto Marsico

 Im Prinzip ist es die gleiche Show wie am Vorabend, im Sound ein wenig abgespeckt zwar, da der Bläsersatz und Bass fehlen. Letzteren kompensiert Alfredo quasi „mit Links“. Die Setlist wurde in wenigen Punkten geändert. „Feeling Blue“ beispielsweise kommt mit minimaler Instrumentierung so richtig groovy vin der Bühne.

 Kurzum dem Publikum gefällt’s. Dementsprechend laut ist auch der Beifall.

Gio Rossi

Gio Rossi

 Gio Rossi bietet während seines Schlagzeugsolos wieder einmal eine gelungene clowneske Einlage, die dieses Mal ganz anders ist als am Vorabend.

 „Niemals denselben Gag zweimal, das Publikum merkt das zwar nicht, ich mache das aber auch für die Band.”, erzählt er mir später. Ja, die Band hatte ihren Spaß und das Publikum ebenfalls.

 Einige CDs können nach dem Konzert verkauft werden, ich verteile noch einige JJBR- Karten an Leute, die mich interessiert darauf ansprechen.

 Dann kommt schon der erste große Abschied. Vincenzo hat einen Fahrer organisiert, der Mark nach Rom zum Airport bringen wird. So bleibt Maurizio noch etwas Ruhe und Zeit, um  Ray dann um sechs Uhr in der Früh ebenfalls nach Rom zu bringen.

 Auf dem Parkplatz verabschieden wir Mark. Wir fahren zurück ins Hotel. Ein Grappa als Absacker noch, dann der nächste Abschied: Maurizio und Ray sagen „Ciao und Goodbye“. Gio, Alberto und ich verabreden uns für 10 Uhr zum Frühstück.

 Dann verschwinden alle ermattet auf ihren Zimmern.

 Beim Frühstück erzählt Alberto, dass die meisten Hotels hier in der Gegend nur deswegen geöffnet sind, weil noch viele der Erdbebenopfer aus den Abruzzen seit April 2009 hier immer noch in Hotels untergebracht sind.

 Dann wird es auch Zeit für die Beiden aufzubrechen. Ein weiterer herzlicher Abschied folgt.

 Mir bleibt auch nur, das Gepäck aus dem Zimmer zu holen und zu zahlen.

 Von nun an bin ich wieder alleine unterwegs. Es ist Sonntagmorgen in Pineto. Die Stadt ist wie ausgestorben. Es nieselt leicht. Am Mittwoch geht mein Flieger. Also noch genügend Zeit, etwas von dem Land, in dem (irgendwann später) die Zitronen blühen, kennen zu lernen.

Strand bei Pineto

Strand bei Pineto

 Ausgefeilte Pläne habe ich nicht. Ich werde einfach die Adria- Küste gen Norden hinauf tingeln. Bis ich dann wieder in Ancona bin. Am Mittwoch. Spätestens.

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Umbrisches Tagebuch – Teil 7 – 06.02.2010 – The Day After

The Day After

 Gegen 12:30 Uhr öffne ich die Tür des Stadttheaters. Das Foyer ist leer und alles ist merkwürdig still und in Dämmerlicht getaucht, der totale Gegensatz zum gestrigen lebendig lauten und hellen Abend.

 Von irgendwo höre ich Schritte. Ich gehe durch in den unbelebten Saal, der nur spärlich an den Seiten beleuchtet ist. Dort treffe ich den Hausmeister, der mich freundlich begrüßt und mir erklärt, dass einer der Musiker da sei, der mit der Orgel.

 Es herrscht eine seltsame Atmosphäre in dem Theaterrund. Wo gestern Abend hunderte von Menschen begeistert dem Konzert lauschten, ist nichts als gähnend leerer Alltag. Und dort, wo 14 Stunden zuvor eine grandiose Band mit grandiosen Musikern ein grandioses Konzert im bunten Scheinwerferlicht ablieferte, stehen nur noch ein paar verstummte Zeugen des Ganzen: Der Flügel, die Orgel, das Schlagzeug, mehrere Gitarrenkoffer und Amps, das Podest der Horn Section, Notenständer. Es herrscht so etwas wie Katerstimmung nach der großen Sause.

 Alberto ist dabei, Kabel, Steckdosen und diverse Kleinteile in ein Flightcase zu verstauen. In Italien begrüßen sich gute Freunde mit einer Umarmung. Das tun wir auch. „Wie hast du geschlafen?“, frage ich Alberto. Der lacht: „Wenig und gut!“ Dann schlägt er die Transporttasche für die Orgel auf. Wir heben die Key B Orgel vom Stativ und packen sie in die Transporthülle. In der Tat: Das Gewicht ist zu zweit locker zu bewältigen.

 Gio Rossi kommt dazu. Alle Beteiligten haben mir von Anfang an das Gefühl gegeben, dazu zu gehören. Darum auch hier die herzliche Begrüßung und in paar Scherze, zu denen Gio immer aufgelegt ist.

 Gio beginnt, die Becken abzuschrauben und in den entsprechenden Etuis zu verstauen. Nach und nach verschwindet das gesamte Drumset in den passenden Taschen.

Gio Rossi

 Maurizio kommt hinzu. Auch hier die obligatorische freundschaftliche Begrüßung. „Die Feuerwehr hat über 100 Zuschauer mehr als erlaubt gestern hineingelassen. Und auf der Straße standen noch etwa 200, die hinein wollten. Wahnsinn! Heute, das wird anstrengend. Nach dem Auftritt muss ich Mark noch nach Rom bringen, dessen Flugzeug geht um 5Uhr. Danach will ich nur noch schlafen, schlafen, schlafen.“

 Doch auch Maurizio ist, wenn auch noch ein wenig müde, bester Laune und steht noch unter dem Eindruck des Konzertabends.

 „Für mich war es großartig. Die Band. Das Publikum. Das Theater. Alles. Einfach alles.“

 Alberto hat seinen VW Caddy vorgefahren. Keyboard und Drums verstauen wir dort. In Maurizios Lancia Van kommen seine Gitarren und der Fender Bassman Verstärker.

 Ohne Bass und Horn Section wird aus der Maurzio Pugno Band das Maurizio Pugno Organ Trio. Und eben dieses Trio wird heute Abend im über 200 Kilometer entfernten Pineto unter Verstärkung der beiden amerikanischen Musiker Mark DuFresne und Sugar Ray Norcia im dortigen «Teatro Polifunzionale» ein Konzert geben.

 Im Prinzip sind wir reisefertig. Ein letzter Kontrollgang über die Bühne, nichts scheint vergessen.

 „Andiamo!“ Maurizio setzt mich auf dem Parkplatz ab und ich steige in meinen kleinen Panda um. „Wie schnell fährt der Kleine denn? Kannst du mir auf der Autobahn überhaupt folgen?“, stichelt ein grinsender Maurizio. Lakonisch antworte ich: „Für ein italienisches Auto ist das schon ok .“ „Ok, wir holen zuerst Ray und Mark vom Hotel ab.“

 Drei Autos verursachen eine leichte Staubwolke auf dem Hotelparkplatz. Ray und Mark warten bereits im Foyer.

 „Hey Tony, nice to see you again. So we made it through another night.” Dieser letzte Satz wird mich von nun an nicht mehr los lassen. Ja, es ist wieder eine Nacht geschafft und wir treffen uns wieder: All still alive and well

 Die beiden amerikanischen Musiker finden wie ihr Gepäck in Maurizios Van Platz.

 Wir fahren zum nächsten Hotel, dort soll Guiliano Bei, ehemals Drummer bei Maurizio, noch zusteigen. Er wird uns heute auch begleiten.

Gubbio

Guiliano wartet schon draußen, und alles sieht nach einem zügigen Aufbruch aus, bis jemand auf die Uhr schaut und meint: „Lunch time. Let’s have something to eat.“

 Also alle wieder aus den Autos und ins nächste Ristorante. An einem großen Tisch finden wir alle Platz. Doch der steht direkt unterhalb eines Riesenfernsehflachbildschirmmonsters, von dem eine TV- Show übelster italienischer Machart auf uns eindröhnt.

 Also ziehen wir, die glorreichen Sieben, aus dem Bild- und Schallkegel an einen etwas ruhigeren Tisch.

 Ich bestelle mir einen Teller Ravioli alla casa, dazu gibt es Weißbrot, zu trinken gibt es Mineralwasser, gut gekühlt. Das Ganze noch mit einem dieser verteufelt leckeren italienischen Kaffees abgerundet und ich bin mal wieder glücklich.

 Die Tischgespräche drehen sich, wenn nicht gerade um Musik, dann eben um das, was auf den Tisch kommt: Das Essen und Trinken. Mark und Ray sind ebenso begeisterte Genießer der italienischen Küche wie ich es bin und immer bereit, Neues zu testen. Genügend entsprechende in der Landesküche erfahrene Berater sitzen ja an unserer Seite. Es macht immer wieder Spaß, mit diesen netten Menschen zusammen zu sein und zu plaudern.

 Kurz wird noch die Setliste für den heutigen Abend abgesprochen. „Wir spielen im Prinzip das gleiche Programm wie gestern.“ „Ich würde gerne noch „Feeling Blue“ mit hinein nehmen, das ich mit Monster Mike Welch aufgenommen habe.“, meint Ray. „Ok, das hab ich nicht mehr so ganz im Ohr, gib mir deine CD, ich höre sie mir dann auf der Fahrt noch mal an.“, sagt Alberto. „Ja, schau mal, was du damit machen kannst.“

Plakat

Umbrisches Tagebuch – Teil 6 – 05.02.2010 – Der Konzerttag

 

Gubbio, 05.02.2010 gegen 11Uhr.  

Als ich am Freitagmorgen dann gegen elf Uhr ins Theater komme, ist man gerade damit beschäftigt, Zusatzmaterial für die DVD zu filmen. Die Dramaturgie will, dass Maurizio mit seinem Gretsch- Gitarrenkoffer das Theater betritt und zur Bühne schreitet, das Ganze wird mehrfach wiederholt, bis es dann endgültig im Kasten ist. Interviews mit den Musikern werden vor laufender Kamera geführt. „I hope you didn’t trash us too much.“, meint Mark DuFresne lachend zu Gio Rossi, als der gerade aus dem Interview entlassen wird. Dabei winkt Mark scherzhaft drohend mit seiner Krücke, die er bei Bedarf auf der Bühne auch schon mal als Luftgitarre oder als Maschinengewehrimitat nutzt. 

 Trotz all des Stresses mag niemand der Beteiligten die gute Laune zu verlieren. Alles scheint luftig leicht. Ein aufmunterndes Wort, eine Anspielung, ein Lächeln, ja auch ein Lachen, derartiges ist immer möglich, auch wenn man manchmal an seine Grenzen stößt.

Maurizio Pugno

Maurizio Pugno

  „Ich bin froh, wenn das hier vorbei ist, dann werde ich nur noch schlafen, schlafen, schlafen.“, seufzt ein ermatteter Maurizio, als er mir das Ticket für den heutigen Abend überreicht. Ich habe Sitz 13, den Eckplatz rechts in der ersten Reihe des Parketts. Von hier aus kann ich sehr gut fotografieren. 

 So gegen 16:30Uhr verabschiede ich mich, verlasse ich das Theater und fahre zurück in mein Hotel. Ganz in der Vorfreude auf ein tolles Event. 

 Zum Konzert selbst kann ich im Prinzip das wiederholen, was ich schon zum Konzert in Uden geschrieben habe. Es ist einfach grandios. Alle sind in bester Spiellaune und die all die Mühen haben sich gelohnt. Durch den Bläsersatz kommt in das eine oder andere Stück auch eine Portion mehr an Pfeffer hinein. 

Mark DuFresne & Marizio Pugno

Mark DuFresne & Marizio Pugno

 Erstklassige Musiker liefern eine erstklassige Performance ab. Was will man mehr? 

 Und dennoch: Als aufmerksamer Beobachter und durch all die Stunden der Proben eingeweihter Mitwissender fallen einem natürlich auch die kleinsten Patzer auf, aber das ist eben menschlich und „Life is live“, da helfen auch die intensivsten Proben nicht. 

 Egal, was da passiert, leicht verschleppte Einsätze, das unfreiwillige unplugged Spiel Maurizio’s, als Sugar Ray ihm aufs Kabel tritt und es damit ausstöpselt, die auf der Bühne Agierenden sind mit einer Riesenportion Humor und Spaß dabei und genau das ist es, was sich auf das Publikum überträgt. 

Sugar Ray Norcia

Sugar Ray Norcia

 Das Beste bringt Sugar Ray, als er sich vom Mikrofon entfernt, sich an den Bühnenrand stellt und von dort aus weiter singt. Dem Tontechniker werden im dem Moment sicher einige graue Haare gewachsen sein, obwohl die Band auf Sugar Ray’s Alleingang sofort reagiert: Alle drehen ohne Zögern einen Tacken leiser. Ein wirklich erhebender und magischer Moment, im Publikum ist es mucksmäuschen still. 

 Später erzählt mir Ray, er habe so handeln müssen. Man sei schließlich in einem Haus, in dem auch Opern gespielt würden. „Ich wollte es einfach wissen, wie das so ist und wie das so klingt so ganz ohne Mikro. Für mich war das ein wunderbarer Moment. Ich hatte den Soundmenschen aber vorher gefragt.“ – „ Und was hat der gesagt?“ – „Mach das bloß nicht!“ Das verschmitzte Grinsen von Ray habe ich jetzt noch vor Augen. 

Publikum

Publikum

 Eine insgesamt tolle Bandleistung mit hervorragenden Solisten. Und das Ganze vor übervollem Haus. Rund 200 Leute musste die Feuerwehr abweisen. Das Theater war eh schon mehr las überfüllt. 

 Und nach der Vorstellung? Klar, dass das noch nicht alles war. Ein Restaurant ist reserviert und alle, von der Gardarobenfrau bis zu den Kameraleuten, Musiker und Freunde feiern bei Bier, Wein und Köstlichkeiten der italienischen Küche einen mehr als gelungenen Abend.

 Für den folgenden Mittag verabreden wir uns im Theater, um die Instrumente und die Anlage einzupacken, denn am Samstagabend spielt das Maurizio Pugno Organ Trio feat. Mark DuFresne & Sugar Ray Norcia in Pineto an der Adria- Küste, etwa 200 Kiulometer von Gubbio. 

 Aber das ist eine andere Geschichte.

Umbrisches Tagebuch – Teil 5 – 04.02.2010 – Der Probentag

Maurizio Pugno

 „Wir hängen im Zeitplan hinterher.“ Maurizio wirkt etwas unruhig. Doch die Wiedersehensfreude ist ungetrübt. Seine Einladung, hierher zu kommen und die Produktion der Live- DVD mitzuerleben, habe ich sehr gerne angenommen.

 Da stehe ich nun wirklich auf den Brettern, die diese eine gewisse Welt bedeuten. Ich kannte sie bisher nur von den Fotos im Booklet zu Maurizio Pugno’s aktuellen Silberling „Kill The Coffee“, der genau hier eingespielt wurde. Hier, das ist das historische „Teatro Communale“, das Stadttheater von Gubbio, Maurizio Pugno’s Heimatstadt. Rot gepolsterte Sessel im Parkett, die gut 100 Leuten Platz bieten. Darüber im Halbrund vierstöckig angeordnete Logen.

Teatro Communale - Gio Rossi & Lucio Villani am Pianoforte

Teatro Communale - Gio Rossi & Lucio Villani am Pianoforte

 Auf, über, vor, an den Seiten und auch im Orchestergraben unterhalb der Bühne ist rege Betriebsamkeit. Scheinwerfer werden auf die Traversen geschraubt und justiert, Verstärker und Lautsprecherboxen werden platziert, Mikrofone werden ausgerichtet. Gio Rossi stimmt sein Drumset. Alberto Marsico rückt den großen, schwarzen Flügel in die richtige Position. Dann sausen seine zehn Finger mal eben so zu jazzig angehauchten Läufen über die weiß– schwarzen Tasten. Die Akustik an diesem Ort der Kunst ist einfach phantastisch. Man könnte durchaus ohne weitere tonale Verstärkung auskommen.

 Im rechten Winkel zum Pianoforte steht Alberto’s Orgel, Marke KeyB. „Jahrelang habe ich eine Hammond C3 mit mir herumgeschleppt, die ist toll, aber einfach zu schwer. Ich bin sehr zufrieden mit diesem Instrument jetzt, das wiegt nicht einmal ein Drittel von der C3 und klingen tut es auch noch.“ In der Tat, das tut es. Zwei Manuale, dazu Registerzüge, eine Effektsektion. Leslie Simulation. „Hiermit kann man alles spielen: Jazzig wie Jimmy Smith oder rockig wie Deep Purple.“ Entsprechende Soundbeispiele folgen diesem Statement. Der Sound ist eine Wucht und Alberto’s Spiel so wie so.

Bühne

Bühne

 Er gehört zweifellos zu Europas fähigsten Keyboardern. Wenn er nicht bei anderen Projekten wie der Maurzio Pugno Band spielt, betreibt er sein eigenes Projekt «Organlogistics», bei dem Gio Rossi auch die Trommeln rührt.

 Die Beiden haben übrigens gemeinsam schon bei internationalen CD- Projekten mitgewirkt: Da fallen Namen wie Alex Schultz, Tino Gonzales, Lars Kutsckhe und eben Maurzio Pugno, Mark DuFresne und Sugar Ray Norcia.

 Die zwei Letztgenannten werden für den heutigen Nachmittag erwartet.

 Nachdem Lucio Villani seinen Kontrabass gestimmt hat, bittet ihn Stefano, der für den Bühnensound verantwortlich ist, um ein paar Tonproben für die Grundeinstellungen am Pult. Lucio kommt dem nach, ruhige Bassläufe im Wechsel mit rhythmisch „angeschlagenen“, Saiten.

Lucio Villani

Lucio Villani

 Die Hornsection trifft ein. Das sind: Maurizios Bruder Mirko, Trompete, Giordano Palazzari, Posaune, Giordano Biccheri, Tenorsaxofon und Tiziano Fioriti, Baritonsaxofon.

 Stellprobe, Soundproben. Stakati. Akkordspiel. Solospiel. Was für ein Klang!

Horn Section

Horn Section

 Ich verabschiede mich für ein, zwei Stündchen in die Mittagspause, ich suche das von Maurizio empfohlene Ristorante auf und widme mich den wunderbaren kulinarischen Genüssen Italiens.

 Nach einem mit etwas Sightseeing verbundenen Verdauungsspaziergang, kehre ich zum Theater zurück.

 In der ersten Reihe haben Mark DuFresne und Sugar Ray Norcia Platz genommen und beobachten das Geschehen auf der Bühne. Die Wiedersehensfreude ist ebenso herzlich, es sind noch keine zwei Wochen seit unserem letzten Treffen im niederländischen Uden vergangen.

 In aller Seelenruhe warten die beiden Ex- Mitglieder der legendären Band „Roomful Of Blues“ auf ihren Einsatz bei den anstehenden Proben. Diese Zeit vertreiben sie sich mit scherzendem Small Talk. Es macht wirklich Spaß mit solch alten Haudegen des Business Gedanken auszutauschen oder einfach nur herumzualbern. Beide Herren sind jederzeit für einen Joke zu haben.

Mark DuFresne

Mark DuFresne

 Ihre Professionalität unterstreichen sie auch, als sie dann endlich auf der Bühne stehen. Geduldig und immer mit einer gehörigen Portion von Humor werden Songanfänge, Gesangs- und Mundharmonikapassagen geprobt. Das Ganze ein-, zwei-, dreimal oder bei Bedarf auch öfter.

 Quasi nebenbei schrauben die Tontechniker am Sound, hier ein paar Höhen raus, dort ein paar Tiefen dazu und ein paar Mitten weniger, ein wenig Hall auf die Stimme.

Alberto Marsico & Sugar Ray Norcia

Alberto Marsico & Sugar Ray Norcia

 Man arbeitet sich von Song zu Song und irgendwann ist es Abend und alle haben Hunger. Auch dafür gibt es eine Lösung: Der ganze Produktionstross setzt sich zu Fuß in Bewegung durch die abendlichen, mittelalterlichen Gassen in Richtung des schon oben erwähnten Restaurants. Unterwegs schwärmt Sugar Ray von den Vorzügen der Stadt Gubbio im Sommer und denen der italienischen Küche im Allgemeinen. Das sei eben das Schönste, wenn man in Italien produziert. „Aber dass wir mit den Proben in Zeitverzug sind, ist gar nicht so schön.“, meint Gio Rossi. „Wisst ihr, in Italien haben wir immer einen Plan A und einen Plan B. Wenn es dann so weit ist mit Plan A anzufangen, ist es für Plan A eh schon zu spät und wir beginnen direkt mit Plan B.“ Wir müssen laut lachen.

 Das Essen dauert etwa 90 Minuten. Dann begibt sich die gesamte Produktion wieder ins Theater. Erst gegen ein Uhr, es mag auch schon einiges später sein, vertagen wir uns auf den nächsten Vormittag. Bis zum Nachmittag muss dann alles stehen. Dann folgt der Abend der Wahrheit, der Abend des Konzerts und der Produktion, bei dem es dann kein Zurück mehr gibt.