DIA. – Fische können fliegen

DIA

Vor ein paar Tagen hatte ich das große Vergnügen, ein Konzert von DIA. zu erleben. „Erleben“ ist das richtige Wort. Stimme, Gitarren, Kerzenleuchter, Wohnzimmerambiente. Mehr braucht die Songschreiberin nicht, um ihre Lieder den Menschen näher zu bringen. Kein Mikrofon, keine weitere Tonverstärkung. Nichts als ihre wundervolle Stimme und Gitarrenbegleitung. Keine technischen Barrieren. Die Texte erzählen vom Leben, von den Ups and Downs., die jeder kennt. Ihr aktuelles Programm steht unter dem Titel „Fische können fliegen„.

Wer seinen eigenen Weg geht, dem wachsen Flügel“ Dieser Satz aus dem Zen liegt dem Programmmotto zu Grunde. Und DIA. geht eben diesen eigenen Weg. Und wenn du einem ihrer Konzerte lauschst, nimmt sie dich mit. Führt dich an alt bekannte Punkte und Orte deines eigenen Lebens, eröffnet aber auch neue Blickwinkel, aus denen man selbst noch nicht auf die Dinge geblickt hat. Das kann schmerzen oder auch ein Lächeln hervorzaubern. Die Schattierungen dazwischen sind so vielfältig wie das Leben selbst.

Viele Konzerte habe ich in letzter Zeit besucht und wenn ein Konzert am nächsten Tag noch nachhallt, dann muss es etwas Besonderes gewesen sein. Und dieses Konzert hallt nach. Auch Tage später. Versprochen. Wenn man Ohren und Herz offen hält. Es ist nicht leicht, deutsche Liedtexte zu schreiben. Der Schlagerkitsch lauert überall. Aber dieser Gefahr begegnet DIA. mit wohl gesetzten Worten und poetischen Bildern und das fern ab von etwaiger Betroffenheitslyrik.

Wenn ihr erleben wollt, wie Fische das Fliegen erlernen, besucht eines von DIA.’s Konzerten. Und wenn gerade keins in der Nähe stattfindet, ladet sie zu euch nach Hause ein zu einem Wohnzimmerkonzert oder in eueren Laden, euer Geschäft oder zu eurem Grillabend ans Lagerfeuer. Oder …

Euer Leben wird um einiges bunter sein danach.

Mehr Infos auf DIA:’s Webseite….
Hier gehts zu einem Video über DIA. und ihr Tun.

Weitere Fotos vom Konzert in Venn’s Theater, Roetgen.

3. Bretonisches Tagebuch – La Chèze – Le Conquet, 22.08.2011

Les Blancs Sablons

Les Blancs Sablons

Ich bin am Ende. Völlig am Ende. Finistère. Am Ende der Welt. Unweit von meiner aktuellen Bleibe ist die Pointe de St. Mathieu, eine der westlichsten Felsnasen des bretonischen Festlands. Weiter draußen im Meer liegen noch ein paar Inseln, Molène und Ouessant zum Beispiel.

Der Regen prasselt auf das Dach. Vor einer halben Stunde konnte ich den Untergang der Sonne sehen, die sich heute sehr bedeckt gehalten hat, nachdem sie sich am Wochenende ausgiebig ausgetobt und mir eine gewisse Röte ins Gesicht getrieben hat.

Das Festival in La Chèze ist mittlerweile seit 24 Stunden zu Ende. Es war einfach gut, nein, mehrfach gut. Einzelheiten werde ich hier immer wieder einfließen lassen. Oh, es ist schon ein mächtiger Sprung vom Trubel der letzten vier Tage hin zur Einsamkeit am Ende der Welt. Gerade überlege ich, was mich jetzt besser begleitet beim Schreiben: Ein Calvados oder ein eiskalter Muscadet.

Letztendlich gewinnt der Calvados. Draußen ist es nicht mehr lustig. Ein gewaltiger Temperatursturz ist zu verzeichnen. Die italienische Nachbarin läuft schon den ganzen Abend im Anorak herum, die Kapuze fest unter dem Kinn verschnürt. Ok, das scheint mir jetzt um einiges übertrieben, aber wer sicher andere Temperaturen gewöhnt ist, für den ist das hier gewiss jetzt der Schocker. Nun regnet’s erst einmal.

Soll es!

In meinem Schneckenhaus bin ich trocken. Zu futtern gab es heute Abend Bratkartoffeln, diese mit der roten Schale, die ich dann auch gleich dran gelassen habe. Dazu Spiegelei auf rohem Schinken.

Yumm.

Ein kleiner musikalischer Rückblick auf letzten Freitag in La Chèze:

Der Nachmittag startetmit einem weiteren Konzert von Alex de Vree und Thomas Troussier.

Dieses Mal betreten sie die Bühne auf den „Iles“, den Inseln im kleinen Flüsschen, das durch La Chèze fließt. Es ist der richtige Einstieg in einen langen Musik geprägten Tag, der noch einige Überraschungen bereit hält.

Aber davon weiß ich jetzt noch nichts, als ich den Klängen der Beiden lausche, hier und da ein Foto schieße, ein kurzes Gespräch führe.

Der Zweite auf dem heutigen Programmzettel ist Tom Attah, ein aus Großbritannien stammender Bluesmusiker. Sein Auftritt ist ein weiteres Highlight dieses Festivals.

Tom’s Art zu singen, hat schon etwas Einzigartiges. Vom tiefsten Tief seiner Bauchstimme wechselt er in die höchsten Höhen seiner Kopfstimme. Sein Gitarrenspiel sucht seines Gleichen.

Wenn er Titel von Robert Johnson spielt, wie beispielsweise „Corssroads“ oder „Terraplane Blues“, erlebt man etwas wie die Reinkarnation dieses Urvaters des Blues.

Tom Attah geht völlig in dieser Musik auf. Und er spielt ihn, um den Leuten zu erklären, was Blues ist und woher er stammt, die (Zitat) „immer noch meinen, dass Eric Clapton in den Sechzigern den Blues erfunden habe“.

Damit hat er die Lacher auf seiner Seite. Klar. Tom spielt ein tolles, vielseitiges Set.

Zum Abschluss des Nachmittags gibt es noch eine Akustik- Jam Session mit Alex und Thomas.

Sogar Steve Nimmo steigt mit ein. Hier gibt es dann noch eine Interpretation zum Dahinschmelzen von „Summertime“, Tom Attha intoniert Gershwin’s Song auf seine ihm gegebene Art und Weise. Goose bumps again.

Der Abend in der „Salle de Fêtes“ beginnt mit einem Wachrütteler und Abtanzkonzert der niederländischen Band „CC Jerome’s Jetsetters“. It’s Rockabilly- Time.

Und ab geht sie. Die buchstäbliche Post. Gleich vom ersten Akkord weiß man, wohin das bestens eingespielte Trio abzielt: Auf Bauch und Beine.

Keinerlei Zeit für Sentimentalitäten. Die Show entspricht ganz und gar nicht dem, was man erwarten könnte, wenn man ihre letzte CD gehört hat, auf der sie den Pianisten Gene Taylor begleitet haben. Wer die Musik der Stray Cats mag, ist hier bestens bedient, wenngleich es sich keinesfalls um einen Abklatsch des Trios um Brian Setzer handelt. CC Jerome & The Jettsetters spielen ihr eigenes Ding und das gut und eindringlich.

Der Applaus ist gewiss und die Zugabe ebenfalls.

Umbaupause. Gespräche.

24 Pesos…

Was soll man zu dieser Band sagen? In einem Podcast von Paul Jones (Blues Band) wöchentlicher Bluessendung auf BBC 2 habe ich sie zum ersten Mal gehört. Und war überrascht. Es ist so gar nicht, was der Purist von einer Bluescombo erwartet. Nein, um ehrlich zu sein, ich habe gar keine Erwartung an diese Band, die in Kennerkreisen so viel Aufsehen erreicht.

24 Pesos eben. Sie sind anders. Sie spielen anders. Sie interpretieren anders. Ihre Titel sind anders. Alles ist anders. Genau das bedeutet, dass sie ihren eigenen Weg eingeschlagen haben und diesen auch konsequent weiter verfolgen.

Ein Konzert der 24 Pesos ist wie eine Reise ins Ungewisse, du weißt nie, was dich hinter der nächsten Ecke erwartet. Und von diesen Ecken gibt es viele und ebenso viele Kanten, hier ist nichts geschliffen oder glatt poliert.

24 Pesos ist allemal ein Konzerterlebnis wert, die CD den Kauf ebenso und man darf jetzt schon gespannt sein auf ihr neues Werk, das gerade in der Mache ist.

Mehr zu 24 Pesos hier: http://www.bluesfocus.net/

Es ist gegen 2 Uhr in der Nacht, als ich ziemlich ausgeknockt in mein Wohnmobil krieche. Mit dem Gefühl, einen tollen Tag erlebt zu haben; schlafe ich ein.

Heute ist schon Mittwoch, der 24.08.2011. Nachdem ich nun zwei Tage auf dem Conquet zugebracht habe, geht es gleich weiter; eventuell ein wenig Küste hinauf nach Norden, aber dann wieder südwärts auf die Halbinsel von Crozon, die mir seit meinem letzten Trip hierher noch in bester Erinnerung ist.

Ein bisschen schwer fällt mir der Abschied hier schon, denn der Strand ist wirklich eine Entdeckung. Schön gelegen in einer Bucht mit Blick auf die vorgelagerten Inseln. Gestern Abend habe ich ein Sonnenuntergangshooting vorgenen. Die Bilder muss ich aber noch begutachten. Gegen acht Uhr heute Morgen schien noch die Sonne, jetzt ist schon wieder alles zugezogen. Aber auch das kann sich noch ändern.

Der Campingplatz hat zwei Sterne und auch nicht mehr verdient. Die Sanitäranlagen werden so gut wie nicht gepflegt. Dafür ist der Preis von 19,90 € für eine Person mit WoMo und Stromanschluss allerdings zu deftig.

So, jetzt wieder die Stromleine einholen, alle Schränke verriegeln, damit das Schiff wieder schaukeln kann und nichts verschütt geht.

3. Bretonisches Tagebuch – Erquy – Val- André – St. Brieuc – Loudéac – La Chèze, 18.08.2011

Va-André

Von Erquy bin ich die paar Kilometer an der Küste entlang nach Val- André gerollt. Auch hier war ich damals des öfteren.

Val- André hat sich mittlerweile zu einem modernen Badeort gemausert. Auf der langen Strandpromenade flanieren eine Menge Menschen. Die zwei Verkaufsstände mit alten Drucken, alten Postkarten und alten LPs sind immer wieder umringt von Neugierigen. Normalerweise gibt es wohl mehrere dieser Stände, wie ich aus einem Gespräch erfahre.

Endlich erlebe ich einmal einen Strand bei Flut, der Sandstreifen ist aber immer noch breit genug für all die Badegäste, die sich bereits am Vormittag hier eingefunden haben. Ich mache einen Strandspaziergang, genieße die Meeresluft und freue mich des Lebens.

Die von der Frühsonne hell durchleuchtete morgendliche Dunsthaube, die über dem Ganzen liegt, hüllt alles in ein fast unwirkliches Licht.

Bis St. Brieuc brauche ich eine knappe halbe Stunde. Hier will ich noch einmal in einem der großen Konsumtempel die Lebensmittelvorräte auffrischen, bevor es dann über Loudéac nach La Chèze geht.

Ein wenig habe ich wieder mit der Beifahrertür meines Schneckenhauses zu kämpfen, sie will sich partout nicht abschließen lassen. Mit etwas gutem Zureden und ein paar Tropfen bestem französischen Olivenöl, gibt das Schloss dann endlich seinen absurden und lächerlichen Widerstand auf.

In Loudéac, das ich nach einer weiteren guten halben Stunde erreiche, mache ich noch einmal Stopp bei einer Filiale der US- amerikanischen Systemgastronomie, gönne mir einen großen Kaffee und eine halbe Stunde gratis Internetnutzung, um schnell meine Mails abzurufen und ein paar davon gleich zu beantworten, da ich aus Erfahrung weiß, dass ich in La Chèze so schnell keine Verbindung mit der schönen Bits und Bytes- Außenwelt aufnehmen kann.La Chèze, here I come!

Das ist mein Ausruf, als ich das Ortsschild passiere.Es ist wie Nachhause kommen. Ich bin jetzt das dritte Mal hier. Die Einfahrt auf den Platz unten am Weiher liegt aus meiner Fahrtrichtung gesehen in einem ziemlich spitzen Winkel. So steuere ich meinen Mini- LKW bis ans Ende des Ortes. Dor kann man prima wenden. Erfahrungswert!

So ganz sicher bin ich mir nicht, aber ich habe so eine Erinnerung, dass im letzten Jahr diverse Kabel über den Platz verliefen, an deren Ende dann ein Woh7nmobil hing.

Meine Erinnerung täuscht beileibe nicht, es gibt tatsächlich alles hier, was das Camping- Car- Freak- Herz höher schlagen lässt: Frischwasser, Entsorgemöglichkeit und sogar Strom.

Und sogar noch einen freien Platz.Meine beiden niederländischen Freunde Zjosque und Xander haben ihre Zelte bereits am Ufer des Weihers aufgeschlagen. Vor zwei Jahren haben wir uns hier kennengelernt und sind uns mittlerweile immer wieder auf Blueskonzerten bzw. Festivals begegnet.

Das Wiedersehen ist genauso herzlich wie das mit Philippe, Ronan, Stéphane, Michel, den Jungs von Texaroma, der „Hausband“ von „Blues au Château“ und einigen lieben Menschen mehr.

Angekommen.

Blues au Château 2011

Blues au Château 2011

Das Festival wird eröffnet von Alex de Vree, einem Niederländer, der in Nantes als Englischlehrer arbeitet. Er spielt akustische Gitarre und singt. In frankreich har Alex schon diverse Preise für seine Kunst abgeräumt. Begleitet wird er von Thomas Troussier, der spielt Harp. Thomas Troussier? In meinem Kopf arbeitet etwas. Der Name kommt mir bekannt vor. Ist das nicht…? Ich frage Philippe: „Sag mal in welcher Band hat Thomas früher gespielt?“ – „Bluetones…“ Voilà! Mit Thomas habe ich vor ein paar Jahren regen Mailaustuasch über MySpace gehabt und er hat mir sogar damals die aktuelle CD der Bluetones geschickt.

Und wieder fallen mir Sean Carney’s Worte: „It’s a small blues world…“ ein. Ja, diese Welt ist klein, irgendwann trifft man sich auf dem Bluestrail.

Die Beiden spielen ein tolles Konzert „old style“. Alex’ Stimme ist stark, sein Gitarrenspiel ebenfalls und Thomas’ Harp tut das Ihrige, um die inzwischen ca. 150 Zuschauer zu erfreuen.Das ganze Szenario spielt sich im alten Schlosshof ab, es gibt reichlich zu essen und zu trinken, „Galette Saucissse“, Bier, Wein, Cidre und auch Alkoholfreies… Die Atmosphäre ist wieder einmal kaum zu beschreiben. Wohlfühlzeit ist erneut angesagt.

Wir sind in Frankreich, nein, ja auch, aber vor allem sind wir in der Bretagne. Und auf Ronan’s T- Shirt steht auf dem Rücken: „On vit en Bretagne et on aime le Blues.“ (Wir leben in der Bretagne und wir lieben den Blues.)

Der zweite Act am Eröffnungsabend wird gestaltet von Steve Nimmo, der einen Hälfte der Nimmo Brothers aus Schottland. Begleitung findet er durch Herbert (Bass) und Gwendal (Drums) von Texaroma.

Was nun folgt ist Elektroblues vom Feinsten. Steve Nimmo spielt eine fantastische E-Gitarre und ist darüber hinaus noch mit einer Wahnsinnsstimme gesegnet. Wir hören Titel aus Steve’s eigener Feder, aber auch Songs von anderen Autoren wie zum Beispiel Otis Rush.

Steve Nimmo & Texaroma

Steve Nimmo & Texaroma

Einen fulminanten Höhepunkt bekommt das Ganze, als ich dann noch Rémy, der Gitarrist von Texaroma mit auf die Bühne gesellt.  Dass Rémy ebenso ein gnadenlos guter Gitarrist ist, avon konnte ich mich bereits in den beiden Jahren zuvor überzeugen.

Ihr Titel „One Way Out“. Die Allman Brothers lassen für gefühlte 10 Minuten grüßen. Für den Titel „The House Is Rocking“ sprintet die aus Indianapolis stammende Sylvia Howard auf die Bühne.

Sie wird am Samstagabend ihr eigenes Set präsentieren. Eine quirlige, immer zu ein paar Scherzen aufgelegte junge Dame, die hier schon einmal eine kurze Kostprobe ihres gesanglichen Könnens abgeben kann.

Kurz vor Mitternacht ist der wunderbare Eröffnungsspuk der sechsten Ausgabe von „Blues au Château“ vorüber. Die Freude über den gelungenen Start ist enorm, so darf man auf die Fortsetzungen in den nächsten Tagen gespannt sein.

Let’s Have A Party

Let's Have A Party

Let's Have A Party (Zur Musik aufs Foto klicken)

Draußen schwelt der verbale Streit zwischen Böhse Onkelz und Bob Dylan. Nein, sie stehen sich nicht persönlich gegenüber, aber zwei Ein- Personen Fankurven prallen heftig aufeinander. Derweil nippe ich schluckhaft und in mich grinsend immer wieder an meiner Budweiser- Flasche. Meine kleine Welt ist mal wieder völlig in Ordnung, auch hier zirka 500 Kilometer entfernt von der Homebase. Die letzten Wegstücke hier vor Ort waren spiegelglatt. Tauwetter setzt gerade ein und macht auch nicht gerade alles besser. Sieben Stunden Fahrt hierher und immer wieder Staus im Nacken und vor der Motorhaube, aber dich auf dem Beifahrersitz, was alles leichter und unterhaltsamer macht. So steckt hinter jeder einzelnen Minute ein Lächeln und ein sich freudig wiederholendes „Ja“ zum Jetzt und Hier und zum Morgen und Dort. Die beiden Navigationsgeräte sind sich seltsam verschworen einig und puschen uns Kilometer um Kilometer vorwärts durch den Freitagnachmittagsfeierabendverkehr Nordrheinwestfalens. Wir springen von Autobahn zu Autobahn, A46, A57, A 40, A2, A1…Ortsschilder fliegen oder stottern in zäh fließendem Verkehr vorbei, die Autobahnraststätte will 0,70 Euro für den Toilettengang und druckt uns (wie passend) einen Verzehrgutschein im Werte eines halben Euros aus. Noch mehr Kilometer wollen gefressen werden. Die empfohlene Ausfahrt lassen wir links oder eher rechts  liegen und gönnen uns noch eine kleine, wenn auch unfreiwillige Zugabe. Ankunft im Dunkeln. Helle Freude. Wiedersehen und Erstsehen. Der beinahe Fenstersturz und der eingeschlafene Dylan Enthusiast mit Schoßhündchen während der Böhse Onkel bereits von dannen gezogen ist. Gespräche, Lachen, Tanzen, Essen, Trinken. Am Ende du und ich in einer Ferienwohnung mit Bad und Bett und einer ganzen Menge Raum und Ruhe und Zeit. Frühstück nicht vor elf Uhr. Matratze und Kopfkissen sind weich. Wir sinken dahin. Die Restnacht breitet ihre Flügel aus und trägt uns fort ins Land der Träume und der Friedlichkeit in den grauenden Morgen.

Morblus am 16.10.2010 im Café de Weegburg, Roermond (NL)

Roberto Morbioli

Roberto Morbioli

Als wir gegen 20:30Uhr das Café de Weegbrug betreten, ist die Band gerade beim Soundcheck. Die Vorbereitungen für das zweite Konzert der Truppe um Roberto Morbioli an diesem Samstag sind schnell abgeschlossen. Sie kommen direkt aus Amsterdam, wo sie vor etwa 100 Zuschauern ein Radiokonzert gegeben haben.

So ist das im Showbusiness, da muss man mitnehmen, was sich bietet. Auch wenn es dann zwei Mal am Tag heißt: Anreisen, auspacken, aufbauen, Soundcheck, Showtime, abbauen, einpacken. Die Oktobertour von Morblus dauert ca. drei Wochen und führt durch Deutschland, Frankreich, Belgien und die Niederlande.

Es ist ein Wiedersehen mit vier sympathischen Menschen, die zudem alle ihr musikalisches Handwerk aufs Beste verstehen: Roberto Morbioli, Gitarre, Vocals, Daniele Scala, Hammond & Keyboards, Stefano Dallaporta: Bass und Diego Pozzan: Drums.

Der Beginn des Konzerts ist für 22 Uhr angesetzt, nur tröpfchenweise stellen sich die Zuschauer ein. Es bleibt Zeit für den einen oder anderen Plausch mit den Musikern, die ich im August dieses Jahres beim Festival «Blues au Château» im bretonischen La Chèze bereits kennen und schätzen lernen durfte.

Gegen 22:30Uhr ist dann endlich Showtime. Die Band ist sofort und auf den Punkt genau da. Und von den ersten Takten an weiß man, dass da nichts anbrennen wird, ja, nichts anbrennen kann.

Das Repertoire der Italiener ist so breit gefächert, dass es jede Sekunde in sich hat. Und diese Sekunden werden ca. drei Stunden füllen müssen. . Heute Abend hören wir Songs wie:«Everyday I Have The Blues», «My Shoes», «I Play The Blues For You» oder «Hallelujh, I Love Her So».

Daniele Scala & Diego PozzanStefano Dallaporta & Roberto MorbioliRoberto Morbioli

Natürlich brillieren wieder einmal die Soloinstrumente, Gitarre und die Hammond, denn beide sind besetzt mit hervorragenden Musikern. Aber auch das beinahe unauffällige Grundlagenspiel von Schlagzeug und Bass – abgeliefert von zwei ebenfalls absoluten Könnern ihres jeweiligen Fachs – ist stets auf der Höhe des Geschehens, stützt das gesamte Bandgefüge und treibt es immer wieder zu neuen Höhenflügen an.

Darüber hinaus erhalten Stefano und Diego immer wieder Freiräume für solistische Einlagen.

Und über allem thront Robertos sichere, kräftige und vielseitige Stimme

Morblus ist eine Band, die schweißtreibend arbeitet und trotzdem niemals ihre Spiellaune oder ihren Spielwitz verliert. Das inzwischen auf ein manierliches Maß angewachsene Publikum weiß das zu schätzen.

Morblus ist ein geschlossenes Ganzes, eine Maschine, die permanent unter Dampf steht. Die einzelnen Titel gehen fast ohne Unterbrechung in einander über und überspringen häufig die zehn Minuten Grenze. Wir erleben feinsten Blues à la Albert King, bisweilen swingt ein wenig Jazziges durch. Alles wird immer wieder gewürzt mit feinsten Hammond- Klängen und treffsicheren Gitarrenlicks.

Morblus ist eine Band, die man gesehen und gehört haben muss, denn in Sachen Blues gehört sie meiner bescheidenen Meinung nach zweifellos zum Besten, was unser alter Kontinent augenblicklich zu bieten hat.

Und dennoch sieht sich diese Band leider noch in einem Stadium, in dem sie kämpfen muss, um überhaupt Auftrittsgelegenheiten zu erhalten. So wird sie weiter touren und touren und ich bin sicher, dass es immer mehr Menschen geben wird, die sich meinem Fazit „unbedingt nicht verpassen“ bedingungslos anschließen werden. Veranstalter, die heute noch zögern, werden spätestens dann auf den Morblus– Zug aufspringen (müssen).

Wer es dieses Mal nicht geschafft hat, eins der Konzerte zu besuchen, dem kann ich ebenfalls uneingeschränkt die gerade frisch erschienene CD «On The Way Back…» ans Herz legen. Sie macht die Pause bis zur nächsten Tour Anfang März 2011 um einiges erträglicher.

Text und Fotos (c) 2010 Tony Mentzel

Thorbjørn Risager am 04.10.2010 im Spirit of 66, Verviers (B)

Power Trios mag ich sehr. Schon wegen der Transparenz im Sound. Doch schon beim Blick auf die noch musikerlose Bühne des Spirit of 66 fällt durch intensives Zählen und Umrechnen auf, dass wir es am heutigen Montagabend mit 2 1/3 Power Trio zu tun haben werden.

Ein veritables Septett also. So bin ich gespannt auf den Sound, denn sieben Instrumentalisten plus Gesang, die muss man klangtechnisch erst einmal bändigen.

Aber am Mischpult steht wie immer Francis Geron, der Inhaber des Spirit of 66, ein Garant für den besten Klang im Saal. Ums gleich vorweg zu nehmen: Auch eine sieben Mann starke Combo bereitet ihm keinerlei Probleme. Nichts klingt vermatscht. Alle Instrumente sind klar erkennbar.

Die Besetzung der heutigen Band: Thorbjørn Risager – voc, gtr, Emil Balsgaard – keyb, Svein Erik Martinsen – gtr, Kasper Wagner – Sax, Peter Kehl – Trompete, Søren Bøjgaard – Bass und Martin Seidelin – drums.

Gleich der erste Titel «Movin‘ On» ist richtungweisend. Das geht ab, wie die berühmte Katze von Herrn oder Frau Schmitz. Ich stehe vor einer in sich gefestigten Schallmauer, aus der bei gut dosierter Lautstärke feinster Blues an und in meine Ohren klingt.

Für mich ist es die erste persönliche Begegnung mit Thorbjørn Risager und seinen Mannen. Auch hier frage ich mich immer wieder, warum es so lange gedauert hat, diese Band einmal live zu erleben. Doch lieber spät als gar nicht. Heute haben wir zusammengefunden. Und ich spüre schon nach den ersten Akkorden des Openers, dass es wieder einmal gut war, den inneren Schweinehund mit dem Namen „Eigentlich bräuchte ich jetzt Ruhe!“, zu überwinden, mich ins Auto zu setzen und die 40km nach Verviers zu fahren.

Schlagzeuger sitzen meist im Hintergrund einer Bühne und fallen nicht besonders auf, aber eine filigrane Dampfmaschine wie Martin Seidelin ist die treibende Kraft in dieser Formation. Aber neben der Kraft, die Martin auszeichnet, hat er auch ein Feingefühl fürs Timing. Seine Fill- Ins sind bisweilen etwas überraschend, aber immer auf den Punkt.

Weniger auffällig, aber nicht minder präzise und variantenreich zupft Søren Bøjgaard seinen Harmony Bass. Mit den Beiden ist das Fundament geschaffen, auf dem die anderen fünf Musiker ihr Tun aufbauen können.

Ein Bläsersatz gibt einem Bandgefüge immer eine besondere Würze. So auch hier: Ob im rhythmischen Stakkatoeinsatz, in flächiger Untermalung oder im Solospiel, Kasper Wagner und Peter Kehl geben mit Saxofon und Trompete dem Gesamtsoundbild eigene „Kupfer-“ Färbung.

Der Keyboarder Emil Balsgaard, „From the dark side of Copenhagen…“, wie Thorbjørn Risager ihn ankündigt, spielt viel Begleitung und hat ab und zu eine Soloeinlage, die von allerbesten Spiel zeugt.

Lange habe ich keine Band mehr gesehen, die mit gleich zwei Gitarristen aufwartet. Dass dann auch noch beide „Saitenquäler“ sich in nichts nachstehen, ist mehr als lobenswert. Klar, Thorbjørn Risager ist der Chef und hat mit seiner Stimme und mit seinem Gibson ES335 Nachbau jederzeit das Heft in der Hand.

Doch es ist schön zu sehen, wie gitarristische Freiräume entstehen, die neben Thorbjørn auch von dem aus Norwegen stammenden Svein Erik Martinsen, mit seinem sehr gut klingenden Telecasternachbau für das Standardspiel und einer Gibson SG für das Slide- Spiel, genutzt werden.

Die beiden Sechssaitenspieler kommen sich weder soundmäßig noch spielerisch in die Quere – im Gegenteil, sie harmonieren perfekt. und es macht Laune, den Beiden bei ihrem Tun zuzuschauen.

Unerwähnt lassen sollte ich auch nicht das Stimmpotenzial von Thorbjørn Risager, seine kräftige, dunkle, durchsetzungsfähige Stimme passt hervorragend zu seinen Songs. Hier stehen unter anderem auf der Liste: «Burning Up», «Go Down», «Stand Beside Me» oder «Same Old Blues»

Gleich welchen Titel die Band präsentiert: Es groovt bis in die kleinen Zehen.

Das Saal ist gut, aber nicht gerade übermäßig gefüllt, doch alle hier sind gepackt von der Musik und von einer Band, die ihr Handwerk versteht.

Fazit: Wieder einmal ein Act, den man unbedingt nicht verpassen sollte. Gelegenheit dazu wird es reichlich geben, den Thorbjørn Risager und seine Truppe haben sich vorgenommen, demnächst auch vermehrt in der Bundesdeutschenrepublik zu spielen. Nix wie hin in die Konzerte!

Danny Bryant’s Redeye Band am 15.09.2010 im Spirit Of 66, Verviers (B)

Danny  Bryant

Danny Bryant

 Da ist er wieder. Vom ersten Akkord ohne Schnörkel, ohne Kompromisse, direkt auf die berühmte Zwölf.

Ich versuche erst gar nicht zu zählen, wie viele Male ich Danny Bryant und sein Familienunternehmen schon live erleben durfte.

In keinem dieser Konzerte gab es auch nur den geringsten Anlass, über irgendetwas zu meckern. Und so ist es dann auch heute.

Danny ist Danny und Danny bleibt Danny und damit sich treu. Alle Songs, auch die schon etwas Betagteren, klingen frisch und kommen voller Emotion von der Bühne. Für mich der absolute Hammer an diesem Abend ist Danny’s Version von Peter Green’s «Love That Burns». Das schmeichelt sich direkt unter die Gänsehaut und explodiert mitten im mitfühlenden Herz. Volltreffer.

Danny lässt seine «Fret-King Guitar» brüllen, kreischen, heulen und im nächsten Moment wieder fast verstummen, der Song bekommt so seine ganz eigene aufwühlende Farbe und eine immer wieder überraschende Dynamik. Selbst Danny’s Mutter Heather, die das Management innehat, ist vollkommen überrascht: „Ich wusste gar nicht, dass er den Titel spielt.“ Doch Danny tut das mit einer natürlichen, unangestrengten Selbstverständlichkeit und Inbrunst, authentischer kann man einen Song wie diesen nicht interpretieren. Hut ab.

Ähnlich stark kommt der Titelsong der aktuellen CD «Just As I Am» an meine Ohren. Sehr schöne Soloeinlagen teils à la Robin Trower, einem von Mr. Bryant‘s dedizierten ganz großen Vorbildern. Wiederum ganz großes Blueskino.

Weiter hören wir u.a. «Good Time Woman», «Girl From The North Country», «Always With Me» und «Master Of Desaster».

Es ist der Beginn einer kleinen Tour über das europäische Festland. Dass Danny gleich am ersten Konzertabend alle Torpedos zu einem breit gefächerten Klangfeuerwerk aller erster Güte zündet und keinerlei Zweifel über seine Musikalität und sein Können aufkommen lässt, ist bemerkenswert.

Danny BryantDanny Bryant - Trevor BarrTrevor Barr - Ken Bryant

Eine nicht gerade unwichtige Arbeit leisten natürlich seine beiden Mitstreiter: Papa Ken am Bass und Trevor Barr an den Drums. Nach all den Jahren ist das Bandgefüge eine in sich gefestigte und geschlossene Einheit, wie man sie heutzutage leider nicht mehr allzu oft findet.

Auf diese Musiker lässt sich bauen. Und genau das tut Danny dann auch wieder. Gute zwei Stunden versorgt er die etwa (leider nur) 60 Anwesenden mit seiner Musik. Meistens wird ja seine Gitarrenarbeit immer im Vordergrund gesehen. Darum möchte ich auch seine Stimmgewalt nicht unerwähnt lassen. Tonsicher und variabel ist sie und kräftig, so kräftig, dass einmal bequem vom Bühnenrand auch ohne Mikrofon ins Publikum singt. Die Stimme ist auch so vier bis fünf Meter von der Bühne entfernt bestens zu verstehen.

Und am Schluss hat er uns alle in der Tasche, wir, das Publikum fordern mehr und bekommen mehr. Es ist Zugabenzeit. Hier spielt Danny zwei Coverversionen: Bob Dylan’s: «Knocking On Heaven’s Door» und Jimi Hendrix’ «Voodoo Chile», in das er überraschenderweise ein Zitat aus «Somewhere Over The Rainbow» einbaut. Nochmals Gänsehaut pur.

Fazit: Für 12 Euro Eintritt gibt es die volle Breitseite an modernem, britischen Blues. Danny Bryant ist mit seiner Band ziemlich lange auf Tour. Check it out. Es ist sicher kein Fehler, eines dieser Konzerte zu besuchen.
Darum meine uneingeschränkte Empfehlung: Unbedingt nicht verpassen.