Umbrisches Tagebuch – Teil 1 – 03.02.2010 – Der Start

Der Flieger

Spätestens um vier muss ich von Zuhause los. Es geht überraschend nach Italien. 4:53 Uhr fährt mein Zug ab Düren. Der Shuttle- Bus nach Düsseldorf Weeze geht ab Köln um 6 Uhr.  Schneetreiben. Gnadenlos und unaufhörlich. Sichtweite vielleicht schlappe 50 Meter. Die Straßen sind gerade noch so befahrbar. Mehr als 40/50 km/h sind aber nicht möglich. Mein Auto wie geplant auf dem Firmengelände abzustellen, schaffe ich nicht mehr. Das Tor zu öffnen und wieder zu schließen und ca. 8 Minuten Fußweg bis zum Bahnhof bei der Witterung, nein, das wird zu knapp! Also stelle ich meinen Wagen auf dem Park & Ride Parkplatz direkt vor dem Bahnhof ab.

Nachdem ich den Kampf mit dem Fahrkartenautomat der Deutschen Bahn für mich entschieden habe, also nun einen gültigen Fahrausweis mein eigen nenne, erklimme ich mit meinen beiden Trolleys die Treppen zum Bahnsteig 6, wo bereits meine S-Bahn wartet. Einen Platz zu finden, ist gar nicht schwierig, der Wagon gähnt schier vor Leere. Gähnen tue ich auch, allerdings vor überfallsartiger Müdigkeit, nachdem ich mich endlich in der Heizungswärme niedergelassen habe.

Mann, was für eine Nacht! Keine Sekunde geschlafen. Am Vorabend das Konzert von Bernard Allison in Köln, dann noch auf einen „Halven Hahn“ und zwei Kölsch ins Brauhaus.  Gespräche. Der Ritt durch den einsetzenden Schneefall zurück nach Hause. Da war ich kurz nach zwei Uhr. Gepackt hatte ich noch nicht. Ein paar Mails mussten auch noch raus. Wer weiß, wann ich wieder ans Internet komme.

Haltestelle für Haltestelle füllen sich die Wagons. Dann endlich Köln Hauptbahnhof. In einer Bäckerei versorge ich mich noch schnell mit ein paar Laugenstangen und einem Käsebrot. Dann zum Breslauer Platz zur Haltestelle des Bus- Shuttles nach Weeze. „Kollege kommt gleich.“, sagt der Fahrer des Busses, der nach Frankfurt Hahn shuttelt.

So ist es dann auch. Mit drei Passagieren und einem Fahrer starten wir pünktlich um 6 Uhr Richtung Düsseldorf. Es geht die A 57 hinunter oder hinauf, doch das ist mir ziemlich egal, irgendwann bin ich eingedöst und irgendwann werde ich wieder wach, um gerade noch zu sehen, dass wir die Philippshalle passieren.  Düsseldorf, also. Aha. Am dortigen Hauptbahnhof steigen noch vier, fünf Menschen zu.

Im grauenden Morgen werde ich erst wieder wach, als wir kurz vor dem Ziel sind. Irgendwie fühle ich mich wie in dumpfe Watte gepackt. Wie nicht so ganz von dieser Welt. Fühle mich passiv. Es geschieht etwas mit mir und nicht ich bin der Handlungsinhaber. Nun ja, lass es geschehen, einfach nur geschehen.

Der Flughafen Weeze ist überall ausgeschildert. Leichter Schneefall auch hier, als wir zur Abfertigungshalle eilen. Ich komme dem allerersten Flug in diesem meinem Leben unausweichlich näher.

Gepäckaufgabe. Pass- und Bordkartenkontrolle. Security. Handgepäck aufs Band legen. Hosentaschen leeren. Inhalt in eine Plastikschale legen. Durch die Schleuse. Es piepst. Hosengürtel mit Metallschnalle? Ja. Gürtel aus! Noch mal durch die Schleuse. Es piepst. Vergessen hatte ich den Einkaufswagenchip. Noch mal Schleuse. Es piepst nicht. Zur Sicherheit werde ich noch mit einem Handgerät abgetastet. Nichts piepst mehr. Ich darf meine Sachen wieder an mich nehmen und bin somit für das Boarding frei geschaltet. Uff!!

Gate 8

Gate 8. Hier soll ich warten. Ich warte. Immer mehr Flugwillige finden sich ein. Ein offensichtlicher und italienischer Geschäftsmann führt in munterem Ton mit seinem Handy Gespräche über Termine und Kaufkonditionen. Seine Ansprechpartnerin ist zunächst eine Dame namens Francesca. Ich bin überrascht, dass ich seine Sprache so verstehe, obwohl ich sie eigentlich nie gelernt habe. Ich meine in Kursen, mit Grammatik- und Vokabellernen. Meine sechs Jahre Lateinunterricht vor mehr als 40 Jahren tragen also auch heute noch Früchte. Dann telefoniert er noch lebendig gestikulierend mit einem Signore Bertuzzi oder so, und dann noch mit einem Signore Goldoni. Und ich? Ich sitze nur da und bin müde und kann mich seinem Wortschwall nicht entziehen.

Per Ancona, uscita otto?“ Die ältere Dame lächelt mich an. „Si, si.“ . So knapp fällt meine Antwort aus. Und das ganz voller Freude, dass ich die Signora überhaupt verstanden habe. Von all den hier Anwesenden sehe ich nun wirklich nicht gerade am italienischsten aus. „Grazie mille.“, lächelt sie nun wieder.

Unsere kleine Schicksalsgemeinschaft wächst nach und nach an. Eine halbe Stunde vor dem Abflugtermin werden es etwa 60 bis 70 Menschen sein.

 Der Bus fährt vor. Ich nehme an, dass er uns übers Rollfeld zu unserer Maschine bringen soll. Boarding time. Für acht Euro mehr kann man sich beim Buchen eines Fluges bevorzugte Behandlung erkaufen. Das bedeutet dann, dass man vor allen anderen zuerst den Flieger besteigen kann. Diesen Zusatz habe ich nicht gebucht. Warum auch? Bescheiden wie ich bin, würde ich sogar als Letzter in die Maschine krabbeln. Tatsächlich dürfen sich die Passagiere mit der Zusatzbuchung in eine eigene Reihe stellen und werden auch als erste an dem Schalter behandelt, an dem man nochmals Bordkarte und Ausweis vorzeigen muss. Auch dürfen sie zuerst den Bus besteigen. Aber nachdem wir, die gemeinen Passagiere zugestiegen sind, verwischen sich die Grenzen augenblicklich. Also bitte!

 Der Busmotor brummt laut drehend, es riecht verstärkt nach Diesel. So stehen wir nun in diesem Zubringerbus und warten. Bis uns gesagt wird, wir müssten wieder aussteigen. Denn es gibt Probleme. Aha. Die Startbahn sei vereist. Aha. Und man wolle uns doch sicher in den Himmel, nein, in die Luft bringen. Aha. Ja, besser ist das. Die Durchsage kommt in Deutsch und in Englisch, Niederländisch wäre eigentlich auch sinnvoll gewesen, denn mehr als die Hälfte der Anwesenden ist wohl aus unserem Nachbarland. Und Italienisch ebenfalls.

 Wieder in der warmen Wartehalle steht mir plötzlich wieder besagte betagte Italienerin gegenüber und fragt mich, ob ich verstanden habe, warum  wir wieder aussteigen mussten. Mit einem „Si, si.“ komme ich jetzt nicht weiter. „É troppo pericoloso, c’é gelato sulla pista.“. Ich weiß nicht, ob dies irgendwelchen Grundregeln der italienischen Sprache entspricht, aber die Signora bedankt sich mit einem erneuten in Lächeln getauchtem „Grazie mille.“

 Warten. Eine Viertelstunde. In kurzen Abständen heben zwei Maschinen vom Rollfeld ab. Ist das Eis nun beseitigt? Eine weitere Viertelstunde. Und noch eine. Wir werden wieder in den Bus gebeten. Nochmals Papiere bereithalten. Die Für-acht-Euro-Zusatz-bevorzugt-zu-behandelnden-Passagiere werden bei diesem zweiten Anlauf nicht noch mal extra behandelt. Vielleicht hätte man ja auch dann 16 Euro mehr zahlen müssen. Alle erstürmen eiligst und gemeinsam und gleichzeitig den Bus. Nach weiteren fünf Minuten Dieselgestanks setzt der sich dann auch endlich in Bewegung.

 Wir erreichen das Flugzeug, dessen Flügel gerade nochmals enteist werden. Einsteigen. Ein letzter Blick der Stewardess auf die Bordkarte. Lächelnd weist sie mir einen Platz ab der Flugzeugmitte zu. Ich wähle einen auf der in Flugrichtung linken Seite direkt am Fenster. Das Handgepäck, das einem Gewicht von höchstens 10kg und maximalen Maßen auf 55cm x 40cm x 20cm entsprechen muss, landet im riesigen Staufach über meinem Sitz. Und dort ist für weiß Gott größere Gepäckstücke ausreichend Platz!

 Nachdem ich mich schon einmal vorsorglich mit dem Sicherheitsgurt vertraut gemacht habe, schaue ich aus dem kleinen, leicht beschlagenen Fenster. Direkt neben der Maschine steht ein Servicefahrzeug.

 Die Tür wird geschlossen. Das Bordpersonal klärt uns über Gebrauch von Atemmaske bei Sinken des Luftdrucks und Schwimmweste im Falle de Notwasserung auf. Die Notausgänge werden beschrieben.

 Dann wird’s Ernst. Der Flieger rollt an. Das Servicefahrzeug bewegt sich parallel dazu auf die Rollbahn. Kurzes Warten. Ich atme tief durch. Na dann. Jetzt soll’s wohl sein. Die Maschine bekommt die Freigabe und beschleunigt. Das Servicefahrzeug lässt sich nicht abschütteln und erst beim Abheben vom Boden wird mir klar, dass der vermeintliche Bodenbegleiter das linke Triebwerk ist. Ich muss in mich hineingrinsen. Hey, wir sind ja jetzt in der Luft! Häuser, Felder, Wiesen und Wälder werden immer kleiner, bis sie ganz verschwinden, als wir die Wolkendecke durchbrochen haben. Ich gähne, ob freiwillig oder nicht, egal: In den Ohren macht es „Plop“ und das Gehör scheint wieder freier zu atmen.

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