Umbrisches Tagebuch – Teil 2 – 03.02.2010 – Flug und Landung in Ancona, Italien

 

Über den Wolken...

Über den Wolken...

Von nun an ist unter uns alles weiß und über uns alles blau. Hier oben scheint die Sonne. Diese Tatsache beflügelt mein Wissen darüber, dass ich mich zum ersten Mal in meinem Leben von der Erde weg in die Lüfte begeben habe. Es ist toll. Einfach nur toll. Fliegen ist schöner. Schöner als ich es je gedacht habe. Nein, Angst habe ich keine. Hatte ich auch nicht. Es stimmt schon: Man muss los lassen, abgeben hier. Sich verlassen darauf, dass die Menschen da vorne in der Pilotenkanzel ihr Handwerkverstehen, genauso wie die, die sich um die Technik und das Wohlverhalten eines so hoch komplizierten Verkehrsmittel wie einem Flugzeug sorgen.

Über den Wolken

 Äußere Bezugspunkte hat man kaum bei einer so glatt gezogenen Wolkendecke unter sich. So entsteht der Eindruck des Stillstands in der Luft. In der Ferne durchstreift ein weiterer Jet das Blau.

 Die niederländische Dauerunterhaltung in der Reihe hinter mir ist verstummt, ab und zu hört man ein paar Wortfetzen von irgendwo in der Kabine, aber die sind im allgemeinen Soundspektrum so weit nach hinten gemischt, dass sie kaum ins Gewicht fallen. Das gleichmäßige Surren der Triebwerke ist die hauptsächliche und momentane Geräuschkulisse.

Ich denke nicht, zu mindestens nicht viel. Ich staune nur. Das ich mich bewege von A nach B und das, ohne mich im Eigentlichen groß selbst zu bewegen.

 Dann sehe ich Bergspitzen unter uns auftauchen, in der Ferne noch, doch sie rücken immer näher. Können das denn wirklich schon die Alpen sein? Der Bezug zur Zeit und das Gefühl hierfür sind mir gänzlich entschwunden ebenso wie Bezug und Gefühl zum Raum. Es sind die Alpen, ja, sie müssen es sein. Der Blick von hier oben ist einzigartig. Es beeindruckt mich stark. Karge, schroffe, mit Schnee bedeckte dunkelgraue Steinhaufen planlos an einander gereiht.

 Dann wird die Landschaft wieder flacher. Ich freue mich, dass der Blick nach unten nicht wieder durch eine Wolkendecke verstellt ist.

 Ein großer Fluss schlängelt sich durch eine schneebedeckte Ebene. Ich krame in meinem verbliebenen Geographiewissen. Das muss der Fluss sein, nach dem in Kreuzworträtseln gerne gefragt wird. Der Po. Und die dazu gehörige Ebene.

 In einiger Entfernung glitzert etwas. Einige Flugminuten später ist mir klar, dass es sich hierbei um das Mittelmeer handeln muss, ja es ist die Adria.

 Das Zeichen zum Anschnallen der Gurte blinkt auf und wird auch gleich durch die Ansage des Captains bestätigt. „Wir werden in weniger als 15 Minuten landen.“

 Huch! War das denn jetzt wirklich schon alles? Die Zeit vergeht hier über den Wolken bei grenzenloser Freiheit, sieht man mal von den einengenden Gurten ab,  wirklich und wörtlich im Fluge. Mir kommt das Ganze wie ein maximal halbstündiger Himmelsritt vor. Dabei werden nach der Landung tatsächlich 90 Minuten vergangen sein.

 Der Flieger neigt sich ein wenig zur Seite. Wir fliegen wohl eine Kurve. Der Landeanflug führt uns über befahrene Straßen, man kann die ersten Autos fahren sehen, Häuser, sogar vereinzelte Fußgänger sind zu erblicken. Der Strand der Adria. Und jetzt, jetzt sind wir über dem Wasser. Wie war das noch mal mit der Schwimmweste? Der Gedanken verdrängt sich wie von alleine bei dem Anblick auf zwei in Seelenruhe auf dem Meer tuckernder Schiffe. Ich genieße den Ausblick von hier oben.

 Irgendwie habe ich das Gefühl, dass die Nase unseres Stahlvogels jetzt nach unten zeigt. Richtig! Der Abstand zu Mutter Erde wird immer geringer.

 Schrebergärten in Italien? Ja, ganz klar. Ganz deutlich. Hier kurz vor dem Flughafen.

 Touchdown. Die Räder setzen auf. Ein Rütteln geht durch die Maschine. Bremsgeräusche. Quietschen. Der eigene Körper wird nach vorne gedrückt. Die Erde hat uns wieder. Das Flugzeug rollt aus, lenkt dann nach links ein und in gefühltem Schritttempo rollen wir auf das Flughafengebäude zu.

 Stopp. Die Türen öffnen sich, die Treppen werden heran gerollt. Wir dürfen aussteigen. Meinen Handgepäcktrolley, der hauptsächlich meine Fotoausrüstung beherbergt, befreie ich aus seinem Käfig.

 Die Sonne scheint, die Wolken sind aufgerissen, es ist spürbar wärmer als in Deutschland. Beschwingt ziehe ich mein Gepäck auf seinen kleinen Rädern hinter mir her, marschiere in die Empfangshalle, wo einige uniformierte Herren von Zoll und Polizei jeden Ankömmling intensiv mustern. Ich grüße mit einem freundlichen „Buon giorno“ und passiere die Sicherheitstür.

 Wie komme ich jetzt an mein restliches Gepäck? Als die Sicherheitstür sich für einen meiner Mitreisenden öffnet, fällt mein Blick auf das Gepäckband.

 Der Mann am Schalter bestätigt meinen Verdacht, dass ich übereilt daran vorbeigegangen bin. Also warte ich, bis sich die Tür wieder öffnet und schlüpfe wieder in den Ankunfts- und gleichzeitgien Sicherheitsbereich. Was ich wohl nicht hätte tun dürfen. Denn gleich gibt es Geschrei und drei Uniformen stürzen auf mich zu. Derweil zieht der Trolley mit meinen Klamotten seelenruhig seine Runden auf dem Transportband.

 Mein vermutlich allzu sehr gebrochenes Italienisch bemühe ich erst gar nicht, um den Uniformen zu erklären, dass ich weit davon entfernt sei, ein Sicherheitsrisiko zu sein. Also sage ich kurzerhand auf Englisch: „I forgot to pick up my luggage.“ Die eine Uniform versteht das, zur Sicherheit will sie noch meine Bordkarte sehen und ihr angestrengt dienstlicher Blick weicht schließlich einem erleichterten Lächeln und einem „Ok. Grazie e una buona giornata.“ Ich antworte mit einem „Grazie mille. Arrividerci.“ Und die Uniformen winken mir freundlich hinterher.

 Übers Internet hatte ich bereits einen Leihwagen geordert. Ihn bekomme ich nach Erledigung einiger kleinerer Formalitäten auch sofort ausgehändigt. Das heißt, zunächst nur den Schlüssel. Der kleine bronzefarbene Fiat Panda 1,2l wartet auf mich auf Parkplatz Nummer 21. Meine Trolleys finden in seinem Kofferraum Platz und ich auf dem Fahrersitz. Ancona, ich komme.

Unterwegs nach Ancona

Unterwegs nach Ancona

 Ich verlasse das Flughafengelände, suche vergebens nach einem Ancona- Schild. Also fahre ich einfach mal so drauf los, Ancona wird sich schon finden. Aber nichts dergleichen. Auf dem Parkplatz eines deutschen Discounters, der mit seinen gelben Schildern auf blauem Grund auch in Italien auf sich aufmerksam macht, krame ich mein mitgebrachtes Navisystem aus, gebe Ancona ein, pappe den Halter an die Windschutzscheibe und nach einer Viertelstunde halte ich innerlich- feierlichen Einzug in die Stadt, in der ich heute nächtigen werde.

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