Umbrisches Tagebuch – Teil 9 – 07.02.2010 – Roseto degli Abruzzi

 

Strandburg einmal anders

Nach der Saison ist vor der Saison. Man muss eine der Bahnunterführungen nehmen, um direkt an den Strand der blau besungenen Adria zu gelangen. Die Bahnlinie trennt die Küstenstraße vom direkten Zugang. Und blau ist sie nun beileibe nicht, die Adria, eher grau und heftig wellig bewegt. Ok, wir haben gerade Anfang Februar, seltsam, dass man dem Süden, zu dem Italien nun mal zweifellos gehört, so gar keinen Winter zugesteht. Der Temperaturzeiger markiert 6 Grad Celsius, immerhin über Null.

Im Hotel- TV konnte ich im Wetterbericht sehen, dass der Norden des Landes im Schnee versinkt. Selbst die Toscana ist weiß bedeckt. Weiße Dächer in Florenz. Der Winter hat Europa immer noch fest im Griff.

Warum also murren oder hadern? Ein paar Spaziergänger mit oder ohne Hund und Jogger mit oder ohne Stirnband nutzen den Sonntagmorgen für ihre Aktivitäten.

Je mehr ich in mich hinein horche, umso mehr spüre ich, dass ich gar keine Lust habe, weit zu fahren. So beschließe ich in Roseto, das keine 10 Kilometer nördlich von Pineto liegt, Station zu machen. Dieser Ort gruppiert sich lang gezogen im Prinzip um die Via Nazionale. Es gibt ein paar Parallelstraßen rechts wie links.

Im Sommer wird hier wohl die touristische Hölle sein. Davon ist natürlich heute nicht viel zu bemerken. Ein Gruppe Kirchgänger verlässt das Gotteshaus Santa Filomena.

Blick vom Hotel

Nach einigem Suchen finde ich ein offenes Hotel direkt an der Strandpromenade. Der Übernachtungspreis liegt bei vorsaisonalen, erschwinglichen 30 Euro. Ich beziehe mein Zimmer im 2. Stock mit Balkon und direktem Meeresblick. In der Hauptsaison kostet dieses Zimmer das Doppelte, wie mich ein bedrucktes Din A Blatt an der Innenseite der Eingangstür belehrt.

 Eine unwiderstehliche in mir aufkeimende Müdigkeit lässt mich sanft aufs Bett kippen und nach wenigen Minuten bin ich im Reich der Träume.

So gegen zwei Uhr bin ich wieder wach, schultere die Kameratasche und mache mich auf einen kombinierten Strand- und Stadtbummel.

Roseto - Strand

Roseto - Strand

Ein mittelstarkes Windchen bläst vom Meer aufs Land. Die Luft ist frisch und tut gut. Sie schmeckt ganz leicht salzig. Ich atme durch, fühle mich wohl.

Die letzten Tage waren so prall gefüllt mit Erlebnissen und Begegnungen. So bin ich froh, jetzt endlich Gelegenheit zu haben, dies allmählich zu verdauen.

Vielleicht klingt das verrückt, aber ich genieße es, wieder allein zu sein und Abstand zu bekommen. ´Distanz ist wichtig, um gerade die schönen Dinge wertschätzen zu können. Im Trubel der zahlreichen gleichzeitig auf einen einwirkenden Ströme kann man das gar nicht wertschätzen. Jedenfalls kann ich das nicht. Jetzt ist die Zeit, alles zu sortieren und das „Merkwürdige“ zu fundamentieren.

Ab und zu bleibe ich stehen, wenn mir ein interessantes Motiv auffällt, um es dann mit der Kamera aufzufangen und fest zu halten.

Eine Menge Treibgut, Müll und Hundekothaufen haben sich angesammelt im Sand, in dem im Sommer sich tausende Sonnenhungrige auf ihren Badetüchern und Liegen aalen. Die Strandbuden sind verwittert und wirken verwahrlost. Die Farbe blättert ab. Werbeflächen sind ausgeblichen und kaum noch lesbar. Türen sind aus vom Rost angefressenen Schlössern gesprungen. Fensterscheiben zu Bruch gegangen. Strandmatten flattern  zerfleddert im Ostwind.

Roseto - Strandidylle

Roseto - Strandidylle

Die Hörer meines MP3- Players drücke ich in die Ohren. Die Zufallswiedergabe ist eingestellt. Als erstes erwische ich Maurizios «I Like  It Like That». Ich muss schmunzeln. Es ist noch keine 24 Stunden her, dass ich den Titel live gehört habe. Dieser Song ist ein wenig „retro“ angehaucht. Er könnte aus den Fünfzigern stammen. Maurizio’s Gitarre klingt stellenweise sehr „italienisch“ nach Mandoline. Der Titel hat den unverhohlenen Charme einer Epoche, in der viele Deutsche sich erstmalig in ihren VW- Käfern mit dem Gepäck auf dem Dach wieder über die Alpen trauten, in den Süden, in die Sonne, nach Italien, eben an die Adria. Ich stelle mir eine Gelateria von damals vor, junge Leute, eine Jukebox und dann Ray’s Stimme, die warm und sanft ist und mit leichtem Knistern unterlegt und bei der Textzeile „Drowning in the river of love“  ganz tief nach unten geht.

Nach zwei, drei Kilometern Strandwanderung biege ich nach rechts und damit stadteinwärts. Die Hauptstraße ist wie ausgestorben. Auf der anderen Straßenseite schlufft ein alter Mann mit tief ins Gesicht gezogenem Hut das Trottoir entlang. Ich sehe eine Mutter mit Kinderwagen, ein paar gelangweilte Jugendliche, die ziel- und lustlos eine zerbeulte Coladose vor sich her kicken.

Roseto - Bahnhof

Roseto - Bahnhof

Die zahlreichen Geschäfte sind geschlossen. Selbst der Bahnhof wirkt ausgestorben. Klar an einem Sonntagnachmittag. Ein paar Cafés und eine Eisdiele sind geöffnet. Die Stimmung erinnert an eine verlassene etwas modernere Westernstadt. Es fehlen lediglich ein paar verdorrte Kakteen, die vom Wind getrieben über die Straße wehen.

In einer Seitenstraße mache ich ein Internetcafé aus, das ebenfalls geschlossen ist. Um seine Existenz, Lage und Öffnungszeiten zu wissen ist allerdings eine gute Sache, so beschließe ich, am folgenden Tag erneut herzukommen, um mit meinem anderen Leben wieder einmal Kontakt aufzunehmen.

Als ich ins Hotel zurückkomme, bemerke ich, dass im Restaurant einige Leute sitzen. Es ist also offen. Ich habe mächtig Hunger, so setze ich mich an einen freien Tisch. Auf die Frage, ob ich hier etwas zu essen bekommen kann, antwortet der Ober: „Ma si, Dottore!“, und legt mir die Speisekarte hin. Für 12 Euro kann ich ein komplettes Menü bekommen. Also her damit! Gemischter Salat. Weißbrot. Penne alla rabiata. Piccata alla Milanese. Dazu eine Halbliterkaraffe mit Wasser und eine mit Rotwein. Als Dessert noch Panna Cotta mit Johannisbeeren gefolgt von einem dieser tiefschwarzen Kaffees und einem Grappa („Kill the coffee and do it the old grappa way…“) und Herr Gardner ist zufrieden, hoch zufrieden.

Roseto - Notte

Roseto - Notte

Genau in diesem insgesamt „runden“ Gefühl begebe ich mich auf mein Zimmer. Das italienische Fernsehprogramm ist ganz übel durchsetzt mit fürchterlichen Shows, die allabendlich über die Bildschirme flackern. Nichts für mich, so höre ich noch etwas Musik und irgendwann bin ich dann im Reich der Träume.

Umbrisches Tagebuch – Teil 8 – 06.02.2010 – Von Gubbio nach Pineto

Mark DuFresne & Sugar Ray Norcia

Mark DuFresne & Sugar Ray Norcia

Es muss so gegen drei Uhr sein, als die Karawane dann endlich aus Gubbio aufbricht.

Kurze Regenschauer begleiten uns. Wir fahren dieselbe Strecke durch die Apennin- Ausläufer zurück, die mich in diesen schönen Ort geführt hat. Jetzt wird mir Maurizios Anspielung auf die Geschwindigkeit klar: Er heizt ganz schön durch die bergige Landschaft, aber mein kleiner Miet- Panda hält tapfer mit. Kurz vor Ancona geht es dann südwärts auf die Autobahn A14, die sich an der Adria entlang schlängelt.

Unterwegs nach Pineto

Unterwegs nach Pineto

Unterwegs ist ein Treffpunkt an einer Raststätte ausgemacht. Kaffee, Süßgebäck. Gio kauft noch eine 3-fach CD von Duke Ellington für 7,95 € für einen seiner Schüler, der wissen wollte, was Swing ist. „Hier hat er alles, was er für den Anfang wissen muss.“, pflichtet Ray ihm bei, als er auf die Titelliste geschaut hat.

 Als wir in Pineto ankommen, ist es bereits dunkel. Eine kleine Irrfahrt durch den Ort, dann haben wir es gefunden, das Teatro Polifunzionale.

Plakat Pineto

Plakat Pineto

Erwartet werden wir schon von Vincenzo, dem Initiator der Konzertreihe «Green Hills In Blues – Winter Editiom 2010».

 Irgendwer muss ihn über meine Anwesenheit informiert haben, er kommt freudestrahlend auf mich zu und sagt in Deutsch zu mir: „Guten Abend Tony, ich freue mich, dich kennen zu lernen.“ Ich bin ein wenig verdutzt, aber Vincenzo erklärt mir, dass er in den 60-ger Jahren in Süddeutschland gelebt hat und dort als Musiker getingelt ist.

Wir räumen Instrumente, Zubehör und Verstärker in den Saalbau. Dazu müssen wir in den ersten Stock. Es gibt einen Aufzug. In diesem ergibt sich folgende Situation: Mark, Alberto und ich, alle drei nicht gerade Leichtgewichte, dazu noch die Orgel, ein Flightcase und Ray. Ray drückt den Knopf zur ersten Etage.

 Der Lift ruckelt ein wenig beim Anfahren und macht seltsame Geräusche. Ray schaut uns an und zieht die Augenbrauen hoch: „Wieviele Kilo schafft der?“ Alle müssen laut lachen. Nur der Aufzug nicht. Der ächzt und zieht uns brav in die Höhe.

 Aufbau, kurzer Soundcheck, Ray spielt «Feeling Blue» an, Alberto hat sich entschlossen nur die Bassbegleitung zu spielen. Und so aufs Wesentliche minimiert, passt es, es klingt einfach toll.

 Es ist noch Zeit, so fahren wir zum Einchecken ins Hotel. Dort wartet auch schon das Abendessen. Verschiedene Speisen stehen zur Auswahl: Spinat, Prinzessbohnen im Speckmantel, Salate, Fleischklöpse in Tomatensoße, Spaghetti a la Carbonara, Weißbrot, dazu Wein in Karaffen und Wasser.

 Und wieder plärrt von irgendwoher im Hintergrund der Fernseher. Aber dem messen wir keine Bedeutung bei. Unsere Unterhaltungen liegen im Lautstärkepegel leicht darüber und werden wie immer hier und da durch Lachsalven durchbrochen.

 Mark fährt mit mir und in meinem Panda durch die abendlichen Straßen zurück zum Theater. Der Saal ist bedauerlicherweise nicht einmal zur Hälfte gefüllt.

Lorenzo Piccioni

Lorenzo Piccioni

 Als Opener fungiert Lorenzo Piccioni, ein junger Gitarrist, der auf seiner Akustikgitarre Blues und Artverwandtes präsentiert.

Vincenzo

Es ist schön und tut gut, immer wieder auf Menschen zu treffen, die sich jeder auf seine Weise dem Blues verschrieben haben. Vincenzo kündigt das Maurizio Pugno Trio mit einem Enthusiasmus an, dem sich wohl keiner der Zuhörer entziehen kann. Mir geht dies genauso, obwohl ich nicht jedes Wort im Detail verstehe, bekomme ich doch mit, was mit welchem Elan er sich hier vor Ort einsetzt, um Spektakel wie dieses in diese Gegend zu bringen. Der Blues sei ihm wichtig und Veranstaltungen wie diese ebenfalls und sein Stolz sei groß, einige der besten italienischen Protagonisten dieser Musikrichtung hier präsentieren zu können. Dass zusätzlich noch zwei Blueskoryphäen der US- amerikanischen Szene mit auftreten, erfülle ihn mit einer riesigen Portion Freude. Toll sei auch, dass eigens aus Deutschland jemand angereist sei, um das Ganze zu dokumentieren, jemand von einem Bluesradio, dem es genauso wie Vincenzo selbst darum ginge, dem Blues eine Plattform zu bieten. Ich höre dies und bin wohl zu sehr mit dem Verstehen seiner Worte beschäftigt als mit ihrem Inhalt. So stehe ich plötzlich im Schweinwerferkegel und gleichzeitig auch etwas neben mir, höre Applaus, bin ebenso überrascht wie gerührt und verneige mich winkend vor dem werten Publikum.

 Genug der Worte. Nun wird es allmählich Zeit für die Musik: Maurizio, Gio und Alberto eröffnen instrumental, Mark kommt dazu winkt wieder mit seinem Aluflachmann, täuscht einen tiefen Schluck daraus vor greift sich das Mikro und los geht’s.

Alberto Marsico

Alberto Marsico

 Im Prinzip ist es die gleiche Show wie am Vorabend, im Sound ein wenig abgespeckt zwar, da der Bläsersatz und Bass fehlen. Letzteren kompensiert Alfredo quasi „mit Links“. Die Setlist wurde in wenigen Punkten geändert. „Feeling Blue“ beispielsweise kommt mit minimaler Instrumentierung so richtig groovy vin der Bühne.

 Kurzum dem Publikum gefällt’s. Dementsprechend laut ist auch der Beifall.

Gio Rossi

Gio Rossi

 Gio Rossi bietet während seines Schlagzeugsolos wieder einmal eine gelungene clowneske Einlage, die dieses Mal ganz anders ist als am Vorabend.

 „Niemals denselben Gag zweimal, das Publikum merkt das zwar nicht, ich mache das aber auch für die Band.”, erzählt er mir später. Ja, die Band hatte ihren Spaß und das Publikum ebenfalls.

 Einige CDs können nach dem Konzert verkauft werden, ich verteile noch einige JJBR- Karten an Leute, die mich interessiert darauf ansprechen.

 Dann kommt schon der erste große Abschied. Vincenzo hat einen Fahrer organisiert, der Mark nach Rom zum Airport bringen wird. So bleibt Maurizio noch etwas Ruhe und Zeit, um  Ray dann um sechs Uhr in der Früh ebenfalls nach Rom zu bringen.

 Auf dem Parkplatz verabschieden wir Mark. Wir fahren zurück ins Hotel. Ein Grappa als Absacker noch, dann der nächste Abschied: Maurizio und Ray sagen „Ciao und Goodbye“. Gio, Alberto und ich verabreden uns für 10 Uhr zum Frühstück.

 Dann verschwinden alle ermattet auf ihren Zimmern.

 Beim Frühstück erzählt Alberto, dass die meisten Hotels hier in der Gegend nur deswegen geöffnet sind, weil noch viele der Erdbebenopfer aus den Abruzzen seit April 2009 hier immer noch in Hotels untergebracht sind.

 Dann wird es auch Zeit für die Beiden aufzubrechen. Ein weiterer herzlicher Abschied folgt.

 Mir bleibt auch nur, das Gepäck aus dem Zimmer zu holen und zu zahlen.

 Von nun an bin ich wieder alleine unterwegs. Es ist Sonntagmorgen in Pineto. Die Stadt ist wie ausgestorben. Es nieselt leicht. Am Mittwoch geht mein Flieger. Also noch genügend Zeit, etwas von dem Land, in dem (irgendwann später) die Zitronen blühen, kennen zu lernen.

Strand bei Pineto

Strand bei Pineto

 Ausgefeilte Pläne habe ich nicht. Ich werde einfach die Adria- Küste gen Norden hinauf tingeln. Bis ich dann wieder in Ancona bin. Am Mittwoch. Spätestens.