Umbrisches Tagebuch – Teil 7 – 06.02.2010 – The Day After

The Day After

 Gegen 12:30 Uhr öffne ich die Tür des Stadttheaters. Das Foyer ist leer und alles ist merkwürdig still und in Dämmerlicht getaucht, der totale Gegensatz zum gestrigen lebendig lauten und hellen Abend.

 Von irgendwo höre ich Schritte. Ich gehe durch in den unbelebten Saal, der nur spärlich an den Seiten beleuchtet ist. Dort treffe ich den Hausmeister, der mich freundlich begrüßt und mir erklärt, dass einer der Musiker da sei, der mit der Orgel.

 Es herrscht eine seltsame Atmosphäre in dem Theaterrund. Wo gestern Abend hunderte von Menschen begeistert dem Konzert lauschten, ist nichts als gähnend leerer Alltag. Und dort, wo 14 Stunden zuvor eine grandiose Band mit grandiosen Musikern ein grandioses Konzert im bunten Scheinwerferlicht ablieferte, stehen nur noch ein paar verstummte Zeugen des Ganzen: Der Flügel, die Orgel, das Schlagzeug, mehrere Gitarrenkoffer und Amps, das Podest der Horn Section, Notenständer. Es herrscht so etwas wie Katerstimmung nach der großen Sause.

 Alberto ist dabei, Kabel, Steckdosen und diverse Kleinteile in ein Flightcase zu verstauen. In Italien begrüßen sich gute Freunde mit einer Umarmung. Das tun wir auch. „Wie hast du geschlafen?“, frage ich Alberto. Der lacht: „Wenig und gut!“ Dann schlägt er die Transporttasche für die Orgel auf. Wir heben die Key B Orgel vom Stativ und packen sie in die Transporthülle. In der Tat: Das Gewicht ist zu zweit locker zu bewältigen.

 Gio Rossi kommt dazu. Alle Beteiligten haben mir von Anfang an das Gefühl gegeben, dazu zu gehören. Darum auch hier die herzliche Begrüßung und in paar Scherze, zu denen Gio immer aufgelegt ist.

 Gio beginnt, die Becken abzuschrauben und in den entsprechenden Etuis zu verstauen. Nach und nach verschwindet das gesamte Drumset in den passenden Taschen.

Gio Rossi

 Maurizio kommt hinzu. Auch hier die obligatorische freundschaftliche Begrüßung. „Die Feuerwehr hat über 100 Zuschauer mehr als erlaubt gestern hineingelassen. Und auf der Straße standen noch etwa 200, die hinein wollten. Wahnsinn! Heute, das wird anstrengend. Nach dem Auftritt muss ich Mark noch nach Rom bringen, dessen Flugzeug geht um 5Uhr. Danach will ich nur noch schlafen, schlafen, schlafen.“

 Doch auch Maurizio ist, wenn auch noch ein wenig müde, bester Laune und steht noch unter dem Eindruck des Konzertabends.

 „Für mich war es großartig. Die Band. Das Publikum. Das Theater. Alles. Einfach alles.“

 Alberto hat seinen VW Caddy vorgefahren. Keyboard und Drums verstauen wir dort. In Maurizios Lancia Van kommen seine Gitarren und der Fender Bassman Verstärker.

 Ohne Bass und Horn Section wird aus der Maurzio Pugno Band das Maurizio Pugno Organ Trio. Und eben dieses Trio wird heute Abend im über 200 Kilometer entfernten Pineto unter Verstärkung der beiden amerikanischen Musiker Mark DuFresne und Sugar Ray Norcia im dortigen «Teatro Polifunzionale» ein Konzert geben.

 Im Prinzip sind wir reisefertig. Ein letzter Kontrollgang über die Bühne, nichts scheint vergessen.

 „Andiamo!“ Maurizio setzt mich auf dem Parkplatz ab und ich steige in meinen kleinen Panda um. „Wie schnell fährt der Kleine denn? Kannst du mir auf der Autobahn überhaupt folgen?“, stichelt ein grinsender Maurizio. Lakonisch antworte ich: „Für ein italienisches Auto ist das schon ok .“ „Ok, wir holen zuerst Ray und Mark vom Hotel ab.“

 Drei Autos verursachen eine leichte Staubwolke auf dem Hotelparkplatz. Ray und Mark warten bereits im Foyer.

 „Hey Tony, nice to see you again. So we made it through another night.” Dieser letzte Satz wird mich von nun an nicht mehr los lassen. Ja, es ist wieder eine Nacht geschafft und wir treffen uns wieder: All still alive and well

 Die beiden amerikanischen Musiker finden wie ihr Gepäck in Maurizios Van Platz.

 Wir fahren zum nächsten Hotel, dort soll Guiliano Bei, ehemals Drummer bei Maurizio, noch zusteigen. Er wird uns heute auch begleiten.

Gubbio

Guiliano wartet schon draußen, und alles sieht nach einem zügigen Aufbruch aus, bis jemand auf die Uhr schaut und meint: „Lunch time. Let’s have something to eat.“

 Also alle wieder aus den Autos und ins nächste Ristorante. An einem großen Tisch finden wir alle Platz. Doch der steht direkt unterhalb eines Riesenfernsehflachbildschirmmonsters, von dem eine TV- Show übelster italienischer Machart auf uns eindröhnt.

 Also ziehen wir, die glorreichen Sieben, aus dem Bild- und Schallkegel an einen etwas ruhigeren Tisch.

 Ich bestelle mir einen Teller Ravioli alla casa, dazu gibt es Weißbrot, zu trinken gibt es Mineralwasser, gut gekühlt. Das Ganze noch mit einem dieser verteufelt leckeren italienischen Kaffees abgerundet und ich bin mal wieder glücklich.

 Die Tischgespräche drehen sich, wenn nicht gerade um Musik, dann eben um das, was auf den Tisch kommt: Das Essen und Trinken. Mark und Ray sind ebenso begeisterte Genießer der italienischen Küche wie ich es bin und immer bereit, Neues zu testen. Genügend entsprechende in der Landesküche erfahrene Berater sitzen ja an unserer Seite. Es macht immer wieder Spaß, mit diesen netten Menschen zusammen zu sein und zu plaudern.

 Kurz wird noch die Setliste für den heutigen Abend abgesprochen. „Wir spielen im Prinzip das gleiche Programm wie gestern.“ „Ich würde gerne noch „Feeling Blue“ mit hinein nehmen, das ich mit Monster Mike Welch aufgenommen habe.“, meint Ray. „Ok, das hab ich nicht mehr so ganz im Ohr, gib mir deine CD, ich höre sie mir dann auf der Fahrt noch mal an.“, sagt Alberto. „Ja, schau mal, was du damit machen kannst.“

Plakat

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