Red, Red Wine

Red, Red Wine

Red, Red Wine

Auf weißen, eisfunkelnden Straßen hat mich die Nacht wieder hierher geführt, wo Ruhe ist um mich herum. Immer noch spüre ich diese eine Hand, dann auch diese zweite Hand, diesen Körper, dessen Arme mich umschlingen, der sich gegen meinen presst. Den Atem an meinem Ohr. Sind es Sekunden, Minuten? Egal, ich weiß es  nicht, ich will es auch nicht wissen oder gar messen in Zeit. Es war da, als es war, wie es war, und es war gut, und dieser Tanz war kein Tanz um den heißen Brei, eher einer auf dem Vulkan, ein Tanz für die Ewigkeit des Verinnerlichten in den tiefsten Tiefen, eine Einheit in Takt und Musik, in Blicken sich widerspiegelndem Verstehen. One magic moment in time. Du weißt, sie starren uns an, ich weiß es und ihre seltsam verzerrten Gesichter verschwimmen im Taumel jeder erneuten Drehung. Ich denke nicht, ich bin nur. Jetzt und im Hier. Bei mir und bei dir. Auf einer ganz anderen Ebene und näher als je zuvor. Zu reden macht keinen Sinn, man müsste schreien. Die Musik ist laut. Betäubend laut. Reden ist auch nicht mehr nötig. Ich lasse mich treiben und weigere mich, die Augen zu schließen. Jedes Atom dieser Augenblicke will ich unspaltbar aufsaugen, mir einbrennen ins Gedächtnis. So kann es sein, so wird es sein. Als ich am Morgen wach werde, halte ich die letzten Traumfetzen fest, sehe mich auf einem Kai stehen, ich winke einem weißen Schiff nach.  Glücklich und innerlich aufgewühlt, drehe ich mich auf die Seite und schließe lächelnd noch einmal die Augen. Vielleicht sollte ich diesen Traum noch schnell auf eine DVD brennen, ein schönes Weihnachtsgeschenk für jemanden, der es wert ist. Wirklich wert ist.

Something In The Air

Soemthing In The Air

Soemthing In The Air (Video Clip von Tom Petty & The Heartbreakers - Doppelklick aufs Foto)

Es liegt was in der Luft. Nicht nur der von Wetterberichten angekündigte Schnee. Auch nicht der Duft von Glühwein, gebrannten Mandeln und Pfefferkuchen fein auf den überlaufenen Weihnachtsmärkten. Es ist noch etwas anderes, das mich angenehm unruhig werden lässt. Dabei sind es nicht einmal Hoffnungen, die mit irgendetwas Bestimmten verbunden sind. Es ist diffus und in alle Richtungen verzweigt. Ich  kann es nicht beschreiben. Und das, obwohl mich meine Arbeit mich fest im Clinch hält. Den Wecker, der nur seinen Job tut, verfluche ich jeden Morgen gegen 6:15 Uhr. Im Dunkeln zur Arbeit, im Dunkeln wieder zurück. Die letzten Tage waren dazu meist grau verhangen. Mehr Licht! Einiges, was ich derzeit erlebe, macht mich wütend und es frustriert zugleich. Das ewige Anrennen gegen einen Apparat, der auf stur schaltet und sich hinter Paragraphen verschanzt. Dem Menschliches nur fremd scheint. Mehr Herz und weniger Rechthaberei! Für mich ein Ausdruck tiefer Hilflosigkeit und Überheblichkeit. Und mein Kopfschütteln will einfach kein Ende nehmen. In anderen Bereichen spüre ich Aufwind, Hände werden gereicht zum Gruß, Arme öffnen sich, herzlich, Wiedersehen gefeiert und erneut ins Auge gefasst, Wünsche ausgesprochen,  Gedanken ausgetauscht, Pläne geschmiedet. Post, Telefonate, Mails, SMS: Ich freue mich über jedes Wort. Die Kommunikation funktioniert. Meine kleine Welt rückt zusammen. Sprachen vermengen sich. Wunderbare babylonische Vielfalt. Musik umhüllt mich. Auf dieser Seite des Lebens ist es friedlich, ruhig, hektiklos, entspannt, freundschaftlich, kollegial, verständnisvoll, aufmunternd, richtungsweisend, verlässlich, aufbauend. Es ist Zeit, all denen zu danken, die mich in den letzten Monaten durch den Alltag begleitet haben und die mir gerade nah und vertraut sind, an und auf meiner Seite stehen. Ihr tut mir Gutes, und ich hoffe immer, dass ich ein Stück von dem zurück geben kann. We have got to get it together…now.

Pat McManus am 16.11.2009 im Spirit of 66, Verviers (B)

Pat McManus

Pat McManus

Auf dem Weg durchs Hohe Venn Richtung Verviers höre ich quasi als Einstimmung Pat’s CD «Live…and In Time». Mit jedem Kilometer und jedem weiteren Titel steigt meine Vorfreude auf dieses Konzert. 

Patrick Frances McManus ist nicht gerade das, was man einen Frischling auf den Bühnen dieser Welt bezeichnen kann. Er stammt aus einer sehr musikalischen Familie aus Derrylin, County Fermangh, Nordirland. Mit seinen Brüdern John und Tommy spielte er in den frühen Achtzigern in der Band «Mama’s Boys» (nicht zu verwechseln mit der Band gleichen Namens von Johnny Mastro aus den USA). Phil Lynott nahm sie mit auf die Abschiedstournee von Thin Lizzy. 

Heute ist er mit Gordon Sheridan am Bass und Paul Faloon an den Drums unterwegs. Wieder einmal ein klassisches Powertrio also. 

Und dass in diesem Trio Power steckt, spiegelt schon die oben erwähnte CD wieder, sieht man die Drei auf der Bühne, bekommt das Ganze weitere Dimensionen.
Ums vorweg zu sagen: Ein Konzert von Pat McManus ist nichts für Bluespuristen. Wer aber Bluesrock mag, wobei Pat hier auch mal gerne straffere Saiten spielt, die vereinzelt schon leicht hardrockig bis metallisch klingen, ist bei diesem irischen Wirbelwind bestens aufgehoben. 

Das musikalische Menü des heutigen Abends reicht somit von hart-, bluesrockigen, bluesigen bis hin zu besten irisch- folkigen Happen. Alles bestens garniert von entsprechenden Bass- und Schlagzeugfundamenten. Ein weites Spektrum wartet auf den geneigten Zuhörer. 

Pat McManus

Pat McManus

Spielfreude und technische Klasse kann man allen drei Akteuren bescheinigen. Die erste halbe Stunde greift ein Titel in den anderen, man hat eigentlich keine Chance, zu applaudieren. Dann erst meldet sich Pat das erste Mal zu Wort, um die etwa 60-70 Leute im Publikum zu begrüßen. 

Und da ist er, dieser irische Akzent, den ich so gerne höre. Und Irisches schimmert auch immer wieder durch die Titel. «Juggernaut» zum Beispiel steht in bester keltischer Tradition. Pat pflegt hier die Technik des Tappings, und das führt er so perfekt vor, dass einem beim puren Zusehen schon leicht schwindelig wird. Vom Sound her imitiert er hier die Uilleann Pipes, die irische Ausgabe des Dudelsacks. Ähnliches bei «Big Hair». Hören kann man im Prinzip eine zweite Gitarre, die eine Harmonielinie spielt. Das kennt man von Thin Lizzy, Allman Brothers oder auch Lynyrd Skynyrd. Um nur einige zu nennen. Möglich wird das durch ein kleines Effektpedal aus dem Hause Boss, dem Super Shifter. Wirklich beeindruckend. Das spart den zweiten Gitarristen und all die Folgekosten hierfür. :-)  

Bei «Runaway Dreams», einem alten Titel der Mama’s Boys greift Pat mitten im Titel zur E- Geige und spielt hier die Fortsetzung seines Solo. Und wie! Pat grinst hinter seinem Geigenbogen hervor, ich stehe staunend einen Meter entfernt, rechtzeitig fällt mir noch ein, ein, zwei Fotos zu schießen. 

Pat McManus

Pat McManus

Als Ire hat er selbstverständlich eine besondere Affinität zum unerreichten Gitarrengott der grünen Insel: Rory Gallagher. «I Take What I Want» ist das erste Zeichen in die Richtung. Innerhalb von zwei Wochen höre ich diesen Titel zum dritten Mal live: Julian Sas und Larry Miller hatten ihn ebenfalls auf der Setlist. So groß die Lücke auch sein mag, Rory hinterlässt, umso deutlicher sicht- bzw. hörbar sind seine Spuren. Klar, die meisten Sechssaitenhelden aktueller Prägung verneigen sich immer noch vor Jimi Hendrix, aber immer mehr machen ihre Verehrung für Rory Gallagher deutlich. Gut so, weiter so, mehr davon. 

So richtig deutlich wird das in Pat’s Song «Return Of The G-Man». Textlich sind hier einige Anspielungen auf Gallagher Titel verarbeitet. Dazu beste irische, akustische Gitarrenarbeit im berühmten DADGAD- Tuning. Direkt im Anschluss «Out On The Western Plain», Huddie Leadbetter, aka Leadbelly, hat ihn geschrieben, Rory hat ihn 1975 auf seinem Album «Against The Grain» eingespielt. Pat hatte sich immer gewundert, wie Rory das auf der Gitarre spielt, bis dieser ihm das Geheimnis diseer speziellen Gitarrenstimmung verriet. „So habe ich es dann auch gelernt und kann es euch heute vorspielen.“ Was er dann auch tut. Wäre die Stimme nicht ein wenig anders, man könnte meinen… 

Natürlich weiß der gute Pat auch, wie man einen Blues spielt. «Low Down Dirty Blues» vom neuen Album «2pm» beispielsweise. Oder «Garbage Man» auch wieder à la Rory. Egal, in welches Stilgefilde Mr. McManus sich begibt, er hat das richtige und sichere Händchen dafür. 

Pat McManus

Paul Faloon & Pat McManus

Zugaben gibt es natürlich auch. Und die haben es nochmals in sich: „Manchmal spielen wir den Song, manchmal nicht. Und heute spielen wir ihn. «Black Rose» von Thin Lizzy.“ Wer den Song kennt: Hier perlen diverse irische Melodien durch die Saiten der roten Paul Reed Smith. Auch hier wieder authentische Harmonieläufe. Verblüffend dieser Sound. Thin Lizzy‘ s back in town…. Pat’s Stimme kommt der von Phil Lynott sehr nah. 

Leute, ich gebe es zu: Ich bin fertig mit der Welt. Das hatte ich hier und heute nicht erwartet. 

Aber wenn du denkst, eine Steigerung ist nicht mehr möglich, dann solltest du nicht zu einem Pat McManus Konzert gehen. 

Der wirklich krönende Abschluss resultiert aus einer eher traurigen und tragischen Tatsache: Am 16. November 1994 verstarb Pat’s Bruder Tommy. Also auf den Tag genau vor 15 Jahren. Anlass genug «Free Bird» anzustimmen. 

Es gibt die volle Breitseite. Irgendwie schafft es Pat, alleine das zu spielen, wozu Lynyrd Skynyrd drei Gitarristen brauchen. Jedenfalls kommt es mir so vor. Egal, ob beim Slide- oder Standardspiel. Ich bin hin und auch weg. 

Nach dem Gig stehen wir noch länger zusammen, Pat erzählt von Irland, den Rory Memorials, auf denen er spielt, Drummer Paul und Bassmann Gordon gesellen sich dazu. Alle drei strahlen über jeweils beide Backen. Sie sind hoch zufrieden und begeistert von der Atmosphäre heute Abend im Spirit of 66. 

Und die war außerordentlich gut. Und das an einem Montag! 

„Thanks a million…“, so verabschiedet sioch Pat von mir. Und ich denke, dass ich diese Worte schon einmal gehört habe… 

Fazit: Wer ein Konzert der ganz besonderen Art erleben will, ist bei Pat McManus, der übrigens ein sehr guter Freund von Barry McCabe ist, bestens aufgehoben. Uneingeschränkt empfehlenswert, wenn man nicht gerade zur Blues- Polizei gehört. 

Text und Fotos: © Tony Mentzel 

PS
In meinem Briefkasten lag heute Post aus Nordirland, über die ich mich sehr gefreut habe: 

Pat McManus

Pat McManus - Live...and In Time

Parle-Moi

Parle-Moi

Parle-Moi (Video Clip von Jean Louis Aubert - Doppelklick aufs Foto)

Ich kann eine Strecke fahren, einen Weg, den ich vor zwanzig Jahren oder vor noch längerer Zeit gefahren bin, da gelange ich plötzlich an eine Kurve, in ein Waldstück, an eine Kreuzung, einen Bahnübergang, eine Ortseinfahrt und der Flash- Back ist da. Untrüglich. Worte, eine Musik, Gedanken oder was auch immer stellen sich ein. Für immer damit verbunden auf meine limitierte Ewigkeit. Die Erinnerung schlummert tief im Verborgenen, im vermeintlich Vergessenem, wird aber urplötzlich aus ihrem Dornröschenschlaf gerissen. Bilder fliegen heran und wieder fort. Töne dringen in mein Ohr, Worte, ich sehe ein Lächeln, verspüre den großen Mut, alles zu ändern, von vorn zu beginnen.

Eine Stunde, ein Tisch. Zwei Stühle. Die Geräuschkulisse um uns herum blendet sich weg. Und sie wird immer deutlicher. Diese Stimme. Sie erzählt von ihrem Leben, aber auch von meinem. Wie in einem Hörbuch eine Geschichte von jemand anders gesprochen wird. Ich lehne mich zurück und sehe mich konfrontiert mit meinen Gedanken, die ich tief und fest verschlossen in mir wähnte, die aber ein anderer Mund jetzt artikuliert. Auf eine angenehme Weise paralysiert höre ich zu, lasse mich selbst nicht zu Wort kommen, tauche ab in den Klang dieser Stimme. Die Wortwahl fasziniert mich. Jemand anders liest meinen Ideenspeicher aus. Hier wäre jede Firewall machtlos. Fragen unterstreichen das Interesse.

Ich spüre, sie wird nicht ausreichen, diese eine Stunde, die verfliegt wie im Zeitraffer. Ja, erzähle mir, erzähle mir von dir, von deinem Leben. Erzähle mir von deinen Zweifeln, von deinen Wünschen, von deinen Träumen. Ja, sprich zu mir. Was sagst du da? Sag es lauter. Und wenn du magst, erzähle ich dir von mir. In anderen Stunden, zu anderen Zeiten. Später, aber schon bald.

Into The Great Wide Open

The Great Wide Open

The Great Wide Open (Video Clip von Tom Petty & The Heartbreakes - Doppelklick aufs Foto)

Plötzlich reißt er wieder auf, der Himmel, und die Sonne strahlt aus einem Winkel, aus dem man sie gar nicht erwartet hätte. Zuerst ist es wie ein verschmitztes, komplizenhaftes Zuzwinkern, zögerlich zaghaft und ganz sanft noch, völlig überraschend. Die für einen Novembertag warmen Strahlen streifen mich, ja, treffen mich in meinem Fragengebilde, das Blaue sieht auf mich.

Erste fünf Minuten. Was sich in nur fünf Minuten oder sogar weniger entscheiden kann? Diese Anspielung verstehe ich einige Sekunden später erst so richtig. Eine lang vertraute Sprache dringt an mein Ohr. Worte, die ich verstehe. Worte, die ich mit einem Lächeln erwidere. Worte, die mich neugierig machen. Mein Interesse erwecken. Silben aus einem anderen Leben, Atome einer noch fremden Geschichte, der Klappentext, der mich weiter lesen lassen möchte.

Eine ungeschriebene Musik, von der nur ein paar Einzeltöne durch die Luft flirren auf der Suche nach der neuen Melodie. Auf den parallelen Linien des Notenblattes ein paar Tintentupfer nur, ganz frisch, glänzend in der Novemberabendsonne, harmonisch nebeneinander. Der frühe Einklang möge sich vertiefen, nach und nach, die Tonart sich finden, genauso der Takt.

Mit geschlossenen Augen summe ich vor mich hin. Und dabei könnte ich gegen den aufgekommenen Wind anrennen mit weit ausgebreiteten Armen. Aus der Flaute wird eine Brise, ja schon leichte Böen machen sich bemerkbar. Meine Haare flattern im Luftzug, der Kopf wird klar. Ready for take off. Fliegen. Ich habe das Gefühl, den Flaschenhals zu verlassen und ins große, weite Offene zu gelangen, ins Blaue, wo nur der Himmel, die Grenze darstellt..The future is great wide open…

Bretonisches Tagebuch Teil 3: La Chèze – Blues au Château

 Mittwoch, 19.08.2009 
Affiche

Plakat

Für die Strecke nach La Chèze brauche ich knappe zwei Stunden. Ich habe keinerlei Ahnung, wohin ich mich wenden soll. So durchfahre ich zunächst den ganzen Ort, was schnell geschehen ist. Plakate, die auf das Festival hinweisen, gibt es reichlich, so auch einige Wegweiser. So folge ich einem dieser Schilder, fahre vorbei am örtlichen Campingplatz, dann vorbei an einem Weiher. Dort sitzt auf einer Bank eine ältere Dame. Ich frage sie, wo ich denn die Leute vom Festival finden kann. „Ah, c’est pour le blues…“, antwortet sie. „Ja, es ist wegen des Blues.“, bemerke ich erstaunt darüber, dass die Dame gleich Bescheid weiß. Sie verweist mich auf ein paar hundert Meter weiter: „Da sind so ein paar junge Leute, die werkeln schon den ganzen Tag herum, fragen Sie dort doch mal.“ Na, das ist doch mal eine Ansage, ich bedanke mich und setze meinen Weg fort.

Ich gelange auf einen Parkplatz, noch bevor ich einparken kann, entdecke ich bereits meinen Freund Philippe, dem ich die Einladung zu verdanken habe. Ich stelle meinen Wagen ab. Philippe hat mich bereits erspäht. Die Wiedersehensfreude ist groß. Und gleich doppelt. Denn jetzt erst bemerke ich, dass der Mann neben ihm Maurizio Pugno ist, für mich einer der interessantesten und besten Gitarristen, die Italien zu bieten hat. Er ist auch erst gerade angekommen. Mit der ganzen Familie – Frau und zwei Kleinkinder – im Auto, weil er nicht gerne fliegt. Philippe habe ich zweimal vorher getroffen, Maurizio einmal. Die Begrüßung allerdings ist so herzlich wie man es sonst bei langjährigen Freunden erwarten würde. So fühle ich mich gleich zu Hause. Philippe macht mit uns eine Platzbegehung, zeigt uns stolz, wo die einzelnen Bühnen stehen. Maurizio verabschiedet sich fürs erste: „Die Kinder müssen gewaschen werden und etwas schlafen.“

angekommen

Ronan, Philippe (weiße Kappe), Malika, X,X, Stephane, ich, Dik Banovich (Hut) Foto: Pascal Auffret

Wir treffen auf Ronan, den Hauptverantwortlichen des «Blues au Château» und einige Mitorganisatoren. Ronan meint, es wäre Zeit, einen auf das gute Gelingen des Festivals zu trinken. Also halten wir Einzug in eine Kneipe. In deren Hinterhof stehen einige Tische, die schnell zusammengestellt sind. Hinzu gesellt sich Dik Banovich- Er ist gebürtiger Schotte und hat sich vor einigen Jahren in der Bretagne niedergelassen. Er wird das Festival am heutigen Abend mit seinem Auftritt eröffnen. Die Stimmung ist prächtig und erwartungsvoll, ich fühle mich sofort ins Geschehen integriert. So wird es dann auch all die Tage bleiben. Verständigungsschwierigkeiten gibt es keine. La Chèze ist der friedlichste Platz auf Erden.

Nach Dik Banovich’s Solo- Auftritt der eine gelungene Einstimmung auf die folgenden 5 Bluestage geboten hat, folgt als Open- Air Kino der Film: «The Road To Memphis» aus der Martin Scorcese- Reihe «The Blues».

Dik Banovich

Dik Banovich eröffnet das Festival

Es ist irgendetwas nach Mitternacht, als der Film zu Ende ist. An Schlaf ist allerdings noch nicht zu denken. Ein kleiner Auto- Convoy macht sich auf die vier, fünf Kilometer weite Strecke zum Haus von Ronan, das etwas außerhalb liegt. Hier sind einige der Musiker untergebracht und hier werde ich auch mein kleines Zelt im Garten aufschlagen. Ich weiß nicht, wie viele Menschen sich in dem kleinen Wohnzimmer um den Tisch versammeln. Die Stimmung ist weiterhin gut, ein wenig ausgelassen sogar, das, worauf so viele hingearbeitet haben, ist endlich im Gange, das Festival hat begonnen. Plötzlich werden zwei Gitarren gereicht, die erste Session nimmt ihren Lauf.

Roll&Mathieu

Roll Pignault & Mathieu Pesqué

 Mathieu Pesqué und sein Kumpel Roll geben ein paar ihrer Songs zum Besten und so geht es munter weiter bis tief in die Nacht. Es muss so gegen halb fünf sein, als Roll und ich als die letzten Übriggebliebenen immer noch Musik machen und J. Sintoni und dessen Kumpel Marco aka Mr. Banana durch die Tür kommen. Nach dem Flug aus Italien und der anschließenden etwa sechs- stündigen Autofahrt hierhin sind sie reichlich ko. Der Bitte, ein wenig noch von ihren Künsten zu zeigen, folgen sie ohne großes Zögern. Mal eben so improvisieren die Beiden ein paar Titel im Stil von Django Reinhardt. «Nuages» wird zum Beispiel zitiert.

Jay & Mr Banana

Jay Sintoni & Mr. Banana

Als die beiden Italiener nach etwa einer Stunde ihre Zimmer aufsuchen, beschließen Roll und ich die Nacht nun wirklich zu einer „Nuit Blanche“ zumachen und als der Tag erwacht, sitzen wir auf der Terrasse und erzählen aus unseren Leben. Christian, Ronan’s Vetter, gesellt sich dazu, stellt drei Weingläser auf den Tisch und gießt eiskalten Rosé hinein. „So ist das richtig, Jungs! Santé!“, lacht Christian. Wir stoßen an auf das Leben, das so herrlich unkompliziert sein kann und prall, wie diese Nacht gezeigt hat. So haben wir jetzt konsequenterweise ein petit déjeuner, ein Frühstück der anderen Art.

Ein weißer Transporter rollt auf den Hof. Ihm entsteigen Tonky de la Peña und sein Sohn. Sie kommen direkt aus Madrid. Nach einer kurzen Begrüßung begeben sie sich auf ihr Zimmer. Es ist gegen neun Uhr etwa, ich sitze auf dem Sofa und schlummere sanft ein.

Donnerstag, 20.08.2009

Als ich wach werde, ist es gegen Elf. Irgendwer hat Kaffee gekocht, entsprechender Duft macht sich breit. Ich hole mir eine Tasse und beschließe, endlich mein Zelt aufzubauen.

Für zwölf Uhr ist das Mittagessen anberaumt. Ich fahre mit Tonky ins Städtchen. Als wir ankommen ist die komplette italienische Crew schon vor Ort. Maurizio Pugno, Mauro Ferrarese, Marco Pandolfi, der Drummer Guliano Bei und der Bassmann Mirco Capecci. Ein herzliches Hallo und die Tafel ist eröffnet. Es gibt leichte Kost: Salate, Taboulé, Brot , Obst und Käse. Dazu Wasser, Cola, Wein.

Mittagessen

Mittagessen

 

Babylonische Sprachverhältnisse: Italienisch, Französisch, Spanisch und wenn gar nichts mehr geht, dann eben Englisch. Mittenmang ich als einziger Deutscher, der sich jedoch so sauwohl fühlt wie schon lange nicht mehr.

Session

Mr. Banana, J. Sintoni, Tonky de la Peña

Nachmittags spielen sich Tonky, Jay Sintoni und Mr. Banana für das abendliche Sessionkonzert ein, ich schließe mich ihnen gerne an, Standards wie «That’s Alright Mama» oder «The Midnight Special», «Rock Me Baby», eben so’n Zeugs, das jeder kennt, machen mit den drei Herrn so richtig Spaß, da flitzen die Solofinger nur so über die Saiten, der Gesang artet nie in Grölerei aus, sogar Mehrstimmigkeit wird geprobt. Als Percussion dienen eine leere Plastikcolaflasche, aus der man mit richtiger Fingeranschlagstechnik Tabla- ähnliche Klänge entlocken kann oder eine metallene Käsereibe, die Mr. Banana mit seinem Feuerzeug traktiert. Das vierfache Footstomping rundet den rhythmischen Einsatz perfekt ab.

Siestatime. Tonky will vor dem Auftritt noch etwas ruhen. „Wir haben ja noch Zeit genug.“ So seine Worte. Er begibt sich auf sein Zimmer.

Abfahrt

Mr. Banana, Tonky de la Peña, J. Sintoni

Um 18 Uhr ist für Señor de la Peña eigentlich Showtime. Gegen 18:15 Uhr kommt er gut gelaunt aus dem Haus und fragt, ob wir denn endlich losfahren können. Ich muss lachen. Hier treffen deutsche Pünktlichkeitserziehung und mediterraner Gleichmut friedlich aufeinander. Wir verstauen Tonky’s rote Gibson ES 335 und seinen Amp in mein Auto und fahren hinunter in den Ort zum Schloss. 

Auch hier keinerlei Hektik, nur Gelassenheit. Etliche Zuschauer haben sich schon eingefunden, die gesamte italienische Prominenz, für die Tonky und ich bereits den Nickname «The Bluesolinis» festgelegt haben, ist bereits versammelt.

Das Festival

Die Acts verteilen sich über die fünf Festivaltage, hier wird in verschiedenen Zusammensetzungen gespielt, akustisch wie elektrisch. Auf die Art hat man das seltene Glück, all diese Künstler innerhalb kurzer Zeit mehrfach zu erleben. Die meisten der Musiker bleiben für die gesamte Dauer des Festivals vor Ort, sie sind auf mehrere Gastgeber verteilt privat untergebracht. Man trifft sich dann zentral zum gemeinsamen Mittag- bzw. Abendessen, das bietet reichlich Gelegenheit zum Kennenlernen und zu angeregten Gesprächen. Auch die Konzerte der Kollegen verfolgt man gemeinsam. So sitze ich dann beispielsweise mit Mauro Ferrarese und Marco Pandolfi auf dem Rasen und wir lauschen gemeinsam der wunderbaren Musik von Doug MacLeod.

Überhaupt liegt über diesem Festival eine äußerst familiäre Atmosphäre. Die Hälfte des 600 Seelenstädtchens La Chèze scheint irgendwie mit in der Organisation und der Umsetzung involviert zu sein, vom Soundmix bis zum Getränke- und Speisenverkauf passiert alles auf Initiative der freiwilligen Helfer. Es gibt sogar ein gut funktionierendes Jugendprojekt, das sich mit der Durchführung dieser Veranstaltung befasst. Die Jugendlichen werden mit bestimmten Verantwortungen und Aufgaben (wie zum Beispiel Licht oder Bühnenauf- und -umbau) in die Abläufe eingebunden.

Doug&Co

Doug McLeod, Mauro Ferrarese, Mr. Banana, Mirco Capecci, Maurizio Pugno

Apropos Speisen: Galette wird aus Buchweizen hergestellt und ist die herzhafte Variante der bretonischen Crêpe. Sie wird hier angeboten – und das ist der Renner – als Galette Saucisse, einer Bratwurst vom Grill, eingerollt in eben einer Galette. Irgendwer, ich glaube, es war Tonky, hat dieses Gericht scherzhaft als „bretonischen Hot Dog“ bezeichnet.

Die meisten Konzerte finden unter freiem Himmel statt, der bretonische Wettergott, ist Bluesfan und so haben wir bis auf einen halben bewölkten Tag immer feinsten Sonnenschein. Diese open air Veranstaltungen sind für die Besucher kostenfrei. Lediglich für die beiden Abendveranstaltungen am Freitag und Samstag wird ein Eintritt von je 10 Euro erhoben, Kombipreis für beide Konzerte 17 Euro. Das ist äußerst bescheiden und nur möglich, da das Festival neben den freiwilligen Helfern auf eine stabile Zahl von Sponsoren zurückgreifen kann. Darüber hinaus fließt der Reinerlös in die Kasse zur Instandhaltung des historischen Herrenhauses des Schlosses. Ein von Begeisterung für den Blues getragenes Non- Profit Unterfangen also.

MMM

Maurizio Pugno, Mauro Ferrarese, Marco Pandolfi

Die fünf Tage und Nächte vergehen wie Flug. Immer wieder gibt es tolle Konzerte mit magischen Momenten. Sehr beeindruckend finde ich die beiden Auftritte von Doug McLeod. Der Mann hat etwas Magisches, ja Mystisches. Er versteht es, sein Publikum ohne Umschweife in seinen Bann zu ziehen. Als Musiker ist er absolute Weltklasse, dazu ist er ein begnadeter Songwriter und versteht sich auch bestens auf die Moderation seiner Titel. Man kann nicht anders, man muss ihm zuhören. Und das ist jede Sekunde wert.

Harmonien überall und nicht nur was die das Musikalische angeht. Es ist ein friedliches Fest mit vielen Menschen, die eins verbindet: Die Liebe zur Musik, die Liebe zum Blues. Wenn man bedenkt, wie viele Vertreter verschiedener Nationen hier auf einander treffen, fällt es einem noch schwerer zu verstehen, wie sich Menschen kriegerisch in die Haare bekommen können.

Vor 40 Jahren war Woodstock, das ist die kleine Jubiläumsausgabe hier.“, sage ich zu Tonky. Der lacht und meint: „Right, but where are the naked girls?“

Sonntag, 23.08.2009

Der heutige Abend und damit auch das Festival schließt mit einer gigantischen open air Jam- Session. Alle verbliebenen Akteure betreten nochmals die Bühne, um mit der Band um Mike Sponza den einen oder anderen Überraschungstitel zu improvisieren. Ein grandioser Abschluss eines grandiosen Festivals mit grandiosen Musikern. Bereits, als der letzte Ton verklungen ist, macht sich etwas wie Melancholie breit, nicht nur bei mir, sondern bei allen Beteiligten, den Tonleuten, den Musikern, den Zuschauern, den Veranstaltern. Es war ein Mammutprogramm. Ja, in der Tat. Es war eine Riesendosis Blues. Für mich ist klar, dass ich von all dem Erlebten erst einmal Abstand gewinnen muss. Es war viel, sehr viel. Eindrücke, Gespräche, Begegnungen mit Menschen, die einem schnell ans Herz wachsen.

Byebybe

Abschiedsfoto

Alle werden zu einem Abschlussfoto in den Saal gebeten. Für alle Beteiligten gibt es noch eine Paket mit bretonischen Spezialitäten. Abschiedsstimmung macht sich breit. Einige bleiben noch den Montag. Ich werde weiter ziehen. Noch ein paar Tage Urlaub in der Bretagne, diesem schönen Fleckchen Erde. Eins wird sicher bleiben: Die Erinnerung an ein tolles Bluesfest. Lob und Danke an die Organisatoren und Musiker, alle haben einen super Job gemacht. Hier die Liste der an der Ausgabe 2009 von «Blues au Châateau» beteiligten Künstler:

Aus Frankreich: Matthieu Pesqué & Roll Pignault so wie Texaroma, aus Spanien Tonky de la Peña, aus Italien Maurizio Pugno, Mauro Ferrarese, Marco Pandolfi, Mike Sponza, J. Sintoni & Mr. Banana, Enrico Crivellaro, aus Österreich Raphael Wressing, aus Schottland Dik Banovich, aus den Niederlanden Little Louis, aus Kanada Mike DeWay und aus den USA Doug MacLeod.

Ich habe eine Menge netter Leute kennen gelernt. Mit Mauro Ferrarese und Tonky de la Peña habe ich ausgedehnte Gespräche über Musik und das Leben geführt. Wobei das Eine durchaus für das Andere stehen kann. Und umgekehrt. Die Grenzen verlaufen hier ziemlich schnell und leicht. Mit Beiden verbindet mich etwas Bleibendes. Das war bislang unentdeckterweise schon vorher so und wird es von nun an auch sicher bleiben. Auch wenn wir uns vorher nie gesehen hatten, so gehen wir jetzt als Freunde auseinander. Ähnlich geht es mir mit Maurizio Pugno, Mathieu Pesqué und Roll. Und klar, natürlich auch mit Philippe. Wir werden alle in Kontakt bleiben und uns hoffentlich bald wiedersehen.

Load-out

The Load-out: Philippe, Tonky & Helfer

À l’année prochaine, si le ciel me ne tombe pas sur la tête…bis zum nächsten Jahr, wenn mir der Himmel nicht auf den Kopf fällt…Vive le blues…

PS
Die Kontakte bestehen nach wie vor:

Philippe und Ronan sind bereits fleißig bei den Vorbereitungen für die Ausgabe 2100 von «Blues au Château». Erst heute erreichte mich eine Mail von Maurizio und wenn alles klappt, werden wir uns im Dezember wiedersehen. Mauro schreibt mir ebenfalls heute, dass noch dieses Jahr eine neue CD einspielen will und dass er im Winter lieber auf Wein umsteigt und das Bier dem Sommer überlässt. Und irgendwann werde ich die vertraute Frage wieder hören: „Un’ altra birra, Tony?

Bretonisches Tagebuch Teil 2: Dinard, Côte d’Émeraude

 In loser Reihenfolge werde ich den Bericht zu meiner Reise in die Bretagne im August 2009 fortführen. Heute also Teil 2: Dinard, Côte d’Émeraude
Strand von Dinard

Strand von Dinard

Mittwoch, 19.08.2009

Heute geht es weiter nach La Chèze  zum dortigen Bluesfestival, dem Hauptgrund meiner Reise in die Bretagne. Ich habe wenig bis keine Ahnung, was mich dort erwartet, aber die Vorfreude sendet positive Signale.

Da ich mich erst für den späten Nachmittag angekündigt habe, kann ich mir Zeit lassen und werde deshalb noch etwas an der nördlichen Küste verweilen. Den Campingplatz in Cancale verlasse ich so gegen 9 Uhr, das Minizelt war schnell abgebaut und verstaut.

Jetzt geht es entlang der Küste Richtung St. Malo. Immer wieder geht mein Blick aufs Meer, hier und da halte ich an, um einige Fotos zu machen.

Côte d'Émeraude

Côte d'Émeraude

Ich beschließe, nicht nach St. Malo hineinzufahren und entscheide mich für einen Kurztrip nach Dinard. Erinnerungen werden wach als ich am Gezeitenkraftwerk an der Mündung der Rance ankomme: 1970 war ich das erste Mal in der Bretagne, in St. Brieuc, der Partnerstadt meiner Heimatstadt Alsdorf. Ein Tagesausflug bescherte uns eine Bootsfahrt auf eben diesem Fluss von Dinan bis hierher. Ich beginne zu rechnen. Ist das wirklich schon 39 Jahre her? Manche Gesichter tauchen im Geiste auf, Namen fallen mir ein. Ich weiß noch ganz genau, dass wir als Proviant hart gekochte Eier dabei hatten, die gar nicht appetitlich rochen. Daran sie zu essen, war nicht zu denken. So haben wir sie als Wurfgeschosse umfunktioniert, auf vorbei treibende Holzstücke gezielt und dies zu treffen versucht. Ehrlich, so etwas fanden wir damals lustig…

Rance- Das Gezeitenkraftwerk

Rance- Das Gezeitenkraftwerk

Bevor ich Einzug halte in den alten Badeort, der übrigens sehr von Briten bevorzuget wird und den man Nizza des Nordens nennt, mache ich noch einen Stopp in einer Niederlassung einer amerikanischen Systemgastronomiekette. Es ist eins der Häuser mit dem großen, gelben M, das schon von weitem nicht zu übersehen ist.

Der Grund meines Stoppens ist nicht der eher fragliche kulinarische Aspekt, sondern der, dass es in diesen Etablissements in ganz Frankreich wohl freie Hotspots gibt, WiFi oder Wlan, ermöglichen ein Anzapfen des Internets. Hier ist das Ganze zudem kostenlos. Also nehme ich mein elektronisches Notizbuch, setze mich an einen Tisch und bin gespannt, ob und wie das Ganze funktioniert.

Es ist ganz einfach, das Notebook findet ohne Umschweife das Netz, man wählt sich auf die hauseigene Seite des großen M’s ein, bestätigt die Nutzungsbedingungen und schon geht es los.

Ich bin neugierig auf meine Emails. Es warten über 20 auf mich. Die meisten wandern gleich in den elektronischen Mülleimer, über zwei, drei freue ich mich sehr, was mich gleich zu antworten motiviert. Dann schnell noch ein paar Blicke auf meine Lieblingsseiten im WWW und schon meldet das System Akkuschwäche.

Dieser kurze und beruhigende Abstecher in heimatliche Gefilde, der Kontakt mit den lieben Menschen daheim, das tut gut für den Moment. Immerhin habe ich außer mit der etwas mürrischen Dame an der Rezeption des Campingplatzes von Cancale, bei der ich meine Rechnung für den Aufenthalt zahlte, noch mit niemanden gesprochen an diesem Tag.

Ich fühle mich sauwohl. Das Nomadenleben macht mir wieder so richtig Spaß. Die Sonne scheint, der Himmel ist sowas von blau, jetzt gilt es nur noch einen Parkplatz in der Stadt zu ergattern. Nach einigem Kurven findet sich auch eine Parklücke mitten in der City.

Da ich während der Suche schon eine unfreiwillige Stadtrundfahrt gemacht habe, fällt mir die Orientierung jetzt leicht. Ich begebe mich hinunter zum Strand.

Strand von Dinard

Strand von Dinard

Wir haben immer noch Ferien in Frankreich, Dinard ist voller Menschen. So auch der Strand. Ich stehe an der Promenade und tauche ein in die lebende Kulisse zu Eric Rohmers Film «Conte de l’été» aus dem Jahr 1996. Auf Deutsch trägt er den Titel «Sommer». Der Film ist aus seinem Vierjahreszeitenzyklus und erzählt die Geschichte eines Sommers, in dem der Student Gaspard Entscheidungen in puncto Leben und Liebe treffen muss. Drei äußerst unterschiedliche Frauen, die er in Dinard trifft, machen ihm diese Entscheidung nicht gerade leicht. Ein Film voller interessanter Dialoge, schönen Bildern und mit sympathischen Darstellern.

Gaspard et Margot

Conte d' été von Eric Rohmer (Gaspard & Margot)

Die Idee schießt mir in den Kopf, das Café zu suchen, in dem Margot, eine der Hauptfiguren im Film als Ferienaushilfe arbeitet. Während ich so die Uferpromenade entlang schlendere, kommt mir der Song «Santiano» in den Sinn. Ich fange an, ihn vor mich her zu summen. Er spielt in dem Rohmer Film eine Rolle, aber auch in meinem Leben, hier in der Bretagne habe ich ihn damals zum ersten Mal gehörtdamals eben vor 39 Jahren, und die Version des französischen Sängers Hugues Aufray, der mittlerweile auch schon 70 Jahre zählt (töstlich!!), war da  ein Hit und reifte zum Wurm in meinen Ohren. Es gibt Situationen, die man auf ewig mit bestimmten Musiken verbindet, dies ist so eine, die unweigerlich mit dem Jahr 1970 verbunden ist. Zumindest für mich. Später als ich anfing, selbst Musik zu machen mit bretonischen, irischen und deutschen Folksongs, war dieses Lied auch im Repertoire.

Die Leuchtfeuer von Saint Malo, der Stadt Dinard gegenüber auf der anderen Seite der Rance- Mündung,  finden in diesem Seemannslied Erwähnung und eben auch eine Frau mit Namen Margot.

Ich beginne in Erinnerungen zu schwelgen, die durchsetzt werden mit Szenen aus dem Film von Eric Rohmer. Hätte ich mir doch nur den Film kurz vor der Abreise noch einmal angesehen, ich tue mich schwer, irgendeinen Platz auch nur annähernd wieder zu erkennen. Schließlich stehe ich vor einer Art Trockendock, auf dem zwei reparaturbedürftige Schiffe liegen. Ich mache ein, zwei Fotos, gehe weiter bis zur Kaimauer. Die Worte „Warum auch nicht?“ im Kopf fotografiere ich eine Häuserfront an der Place Jules Boutin.

Das Filmcafé

Das Filmcafé (oben rechts)

Erst zu Hause, weil mich die Neugier nicht ruhen ließ, und ich mir den Film dann doch noch einmal zu Gemüte geführt hatte, stellte ich dann jubelnd fest, dass dieses Café, genau das Filmcafé just auf diesem Foto mit der Häuserfront zu sehen ist. Nur ist es „im richtigen Leben“ gar kein Café, sondern wohl eher eine Wohnung.

Bedingt durch das milde Klima des Golfstroms gedeihen hier in Dinard Palmen. Das gibt dem Ganzen ein mediterranes Flair. Nizza eben. Unter einer dieser Palmen nehme ich auf einer Bank Platz, schaue versonnen auf die Bucht, die Tour Solidor, einen Turm, der Bestandteil der Festungsanlage um St. Malo ist, sehe eine Gruppe von Menschen, die geduldig auf die Ankunft der Fähre wartet. Hier stieg auch im Film Gaspard aus und später wieder ein.

Tour Solidor in St. Malo

Tour Solidor in St. Malo

Es ist Mittagszeit, während am Hauptstrand Hochbetrieb herrscht frönt die Geschäftswelt der Stadt der Siesta. Die meisten Läden sind geschlossen.

Das nächste Ziel, das ich anvisiere, ist Erquy. Der Strand hier ist mir noch aus frühen Jugendtagen vertraut, Nostalgie ist angesagt. Diese vergeht aber alsbald im Stau kurz vor dem Badeort und spätestens bei der der vergeblichen Parkplatzsuche und den Massen Sonnenschirm, Kühlboxen und Klappstühlen bewaffneter Menschen, die sich karawanenartig Richtung Strand bewegen, ändere ich meinen Plan und beschließe, der Küste vorerst den Rücken zu kehren und nach direkt La Chèze zu fahren. „Dann bin ich eben etwas früher da…“, denke ich und stelle das Navi auf seinen neuen Zielort ein.

Vargas Blues Band am 01.11.2009 im Topos, Leverkusen

 
Javier Vargas
Javier Vargas

Ich habe einige Konzerte besucht in den vergangenen Monaten. So stelle ich mir oft die Frage, was ist denn nun und gerade bei diesem Konzert anders und besonders im Vergleich zu den Vorherigen?

Ist es dieses Mal Javier Vargas’ Gitarrenspiel, Tim Mitchell’s Gesang? Luis Mayo’s Bassspiel, Alvaro Tarquino Chevere’s Percussion. oder dessen Gesang oder ist es Peter Kunst mit seiner Art das Schlagwerk zu bedienen?

Ich denke, dass es wie jedes Mal nicht die Einzelcharaktere ist, sondern die Chemie zwischen den Agierenden. Das Gemisch der Fähigkeiten und Persönlichkeiten.

Ich vermute, über die Virtuosität eines Javier Vargas an der Gitarre brauche ich nicht viele Worte zu verlieren. Sie steht und fällt in keiner Sekunde hinter den Erwartungen zurück. Besonders möchte ich seine Technik erwähnen, zwischen Standard- und Slidespiel zu wechseln. Mir war gar nicht so bewusst, was für ein grandioser Slider Señor Vargas ist. Er beherrscht alle von ihm angeschlagenen Stilarten. Das reicht vom schwärzesten Blues über Bluesrock und Latino bis hin zum Hardrock. Kurz: Ein Meister des Fachs Gitarre. Basta.

Seine Mimik verrät, dass er in seinem Spiel aufgeht. Die Augen hat er meist geschlossen. Javier Vargas wirkt in sich gekehrt, introvertiert und immer auf der Höhe des Geschehens.

Tim Mitchell

Ganz anders Tim Mitchell. Ein wahres Showtalent. Die sprichwörtliche „Rampensau“. Er gestikuliert, mimt, tanzt, schreitet, dreht sich um die eigene Achse, gibt den Clown. Aber alles wirkt so natürlich und leichtfüßig, man bekommt keine Sekunde den Eindruck, hier sei etwas aufgesetzt.

Dazu ist dieser Mann noch mit einer Stimme gesegnet, die es in ihrer Variationsmöglichkeit locker mit der eines Al Jarreau aufnehmen kann. Da ist alles drin, die ganze Bandbreite vom Falsettgesang bis hinunter in die Tiefen eines Barry White. Ob er nun leise oder laut, sanft oder rau singt, er weiß mit seiner Stimme zu spielen. Es macht Spaß, ihm zuzuhören und zuzusehen.

Auf der Setliste stehen Songs wie: «Big Boss Man», «Texas Tango», «Black Cat Boogie», «People Get Ready» oder «Sad Eyes».

Bassisten stehen zu Unrecht oft im Schatten der anderen Akteure auf einer Bühne. Es mag sein, dass dieses ihnen oft angenehm ist, nicht so im Rampenlicht zu stehen. Sie tun brav ihren Job und dienen somit dem Großen und dem Ganzen.

Javier Vargas

Anders heute Abend: Luis Mayo, der Mann aus Argentinien und bisheriger Backgroundsänger, tritt für einige Songs ans Mikrofon. Tim Mitchell hat die Bühne verlassen und ihm damit den Hauptgesangspart überlassen.

«Blues Local» Luis Mayo singt auf Spanisch. Jetzt kommen bei den Songs die Latinoadern durch. Luis singt mit solchem Charme und solcher Inbrunst, dass man schon automatisch nach Tränen stillenden Hilfsmitteln sucht.

Fazit: Ein tolles Konzert mit ebenso toller Bühnenshow, fünf gut aufgelegte Musiker und ein mitgehendes Publikum. Was will man mehr an so einem Konzertabend als gute Unterhaltung. Und die hatten alle, die da waren.

Unbedingt nicht verpassem, wenn in der Nähe….

Vargas Blues Band

Text und Fotos © Tony Mentzel

Larry Miller am 03.11.2009 im Talbahnhof, Eschweiler

Larry Miller

Larry Miller

Es ist meine dritte Begegnung mit diesem britischen Musiker und diese Begegnungen sind auch irgendwie immer welche der dritten Art.

Larry Miller ist nicht nur ein ausgezeichneter Gitarrist und Sänger, er ist zudem ein hervorragender Comedian und somit, wenn man das alles zusammennimmt, ein gnadenlos guter Entertainer.

Die etwa 60-70 Leute im Publikum bekommen heute Abend im Eschweiler Talbahnhof für 12 Euronen eine Show mit absolut hohen Unterhaltungswert.

Larry weiß mit dieser zunächst zurückhaltenden und abwartenden Masse umzugehen. Slapstick gerecht stolpert er auf die Bühne, taumelt bis zum Mikrofon und ruft dort hinein: „I wanna hear some noise!“ Verhaltene „Noise“ Bekundungen reichen ihm nicht, er will mehr. Und er bekommt mehr. Und noch mal mehr. Und schon hat er das Publikum in der Tasche.

Er wird zwei Sets spielen und Songs hat er reichlich im Gepäck, aus eigener wie aus fremder Feder. Das Programm ist musikalisch abwechslungsreich und gleichzeitig auf höchstem Niveau und wird zusätzlich gewürzt durch Larrys humorvolle Zwischentexte.

Stilistisch bewegt sich Mr. Miller zwischen seinen beiden großen Vorbildern Jimi Hendrix und Rory Gallagher. Ein Beispiel hierfür ist «Messing With The Kid», das Junior Wells 1960 als erster aufnahm und von dem es mittlerweile zig Versionen gibt. Eins der für mich besten Cover ist das von Rory Gallagher, an dessen Version die Interpretation von Larry Miller stark angelehnt ist. Es ist der zweite Titel im ersten Set und jetzt ist bereits klar, wohin die Reise heute Abend gehen wird: Blues und Bluesrock vom Allerfeinsten wird von Larry und seinen beiden Begleitern Derek White am Bass und Simon Baker an den Drums. Die Beiden unterstützen Larry’s Gitarreneskapaden aufs Vorzüglichste. Egal, ob die Songs «Sinking Sun», «Calling All The Angels», «Mr. President» oder Daddy’s Car» heißen.

Mit dieser neuen Besetzung kommt mir das alles noch druckvoller vor als ich es noch in Erinnerung hatte. Vielleicht liegt es auch daran, dass Larry’s Hauptgitarre heute nicht seine Les Paul (die hat er wohl daheim gelassen) ist, sondern eine im Lack ziemlich ramponierte Stratocaster.

Als dann Rory’s «I Take What I Want» in einer gefühlten 10 Minuten Version erschallt und den Raum füllt, fühle ich mich zum letzten Freitag, das heißt zu dem großartigen Konzert von Julian Sas zurück-versetzt. Diese beiden Interpretationen stehen sich in der Qualität in nichts nach.

Bei der ersten Zugabe kommt dann Larry’s exotisch dreinschauende Vox Gitarre noch zum Slideeinsatz: Wie zu erwarten folgt der «Bullfrog Blues» und der hat es wirklich in sich. Larry Miller weiß auch als Slidegitarrist zu überzeugen.

Mit einer Zugabe lässt sich das begeisterte Publikum nicht abspeisen. Es folgen also noch zwei Weitere. Larry spielt hier ein kleines Jimi Hendrix Set, dafür nimmt er die wohl eigens zu diesem Zweck mitgebrachte schneeweiße Strat aus dem Guitarstand. Erinnerungen an Jimi’s Axt in Woodstock? Und was spielt Mr. Miller? «Purple Haze», gefolgt von «Star Spangeled Banner», gefolgt von «Voodoo Chile». Lustig, denn Jimi spielte die Titel in Woodstock in umgekehrter Reihenfolge. Nicht desto trotz kommen die Hendrixsongs sehr authentisch aus den beiden Marshall- Stacks. Ein nostalgischer und wahrer Hörgenuss wie zuvor schon «Red House».

Jetzt ist die werte Zuhörerschaft ganz aus dem Häuschen und die Zugaberufe wollen nicht verhallen. Larry stolpert ein letztes Mal auf die Bühne und gleich das erste Riff lässt erkennen, dass «Hey Joe» der nächste Song sein wird.

Mann, oh Mann! Larry Miller braucht sich wirklich nicht zu verstecken. Er bringt die Titel mit einer schon fast provokanten und selbstverständlichen Leichtigkeit und einem grimassierenden Mordsspaß herüber und das dazu noch absolut treffsicher in Sound und Spieltechnik. Ein brillanter, furioser Abschluss eines brillanten und furiosen Konzerts, das in seiner Art der Darbietung seines Gleichen sucht.

Fazit: Dazu möchte ich Klaus Schmidt von Tourworks zitieren, der seinen Schützling so ankündigt: „Erfreulich, dass so viele zu diesem Konzert gekommen sind, schade für die, nicht hier sind und die wieder einmal einen tollen Konzertabend verpassen werden.“ Genauso war es, ist es und wird es sein, deswegen Larry Miller und Band beim nächsten Mal unbedingt nicht (schon wieder) verpassen.

Text & Fotos © 2009 Tony Mentzel

Julian Sas am 30.10.2009 im Saal Birgit, Viersen

Julian Sas13_resizeFällt der Name Julian Sas, fangen viele an zu schwärmen.  Man muss ihn im Konzert erleben. Eine prima Gelegenheit dazu war letzten Freitag im Saal Birgit in Viersen. Live ist live und da kann die CD- oder DVD- Aufnahme eines Konzerts qualitativ noch so hoch sein, an das eigentliche Live- Erlebnis einer solchen Show reicht dies nicht heran. Der Mann hat eine Bühnenpräsenz wie kaum ein anderer. Er wirkt niemals angestrengt, ist immer Teil seiner Musik, ja geht richtig in dieser auf. Seine Emotionen drückt er hauptsächlich durch sein Gitarrenspiel aus, das einerseits technisch versiert ist, aber auch durch und durch emotional. Dazu noch der Gesang, in den er die ganze Kraft seiner Stimme legt. Da darf’s dann auch mal ein kräftig gebrülltes „Yeah“ abseits vom Mikro sein.

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Julian Sas

Nachdem die Band zuvor einen Keyboarder hatte, spielt sie heute als Power- Trio. Neben Julian Sas sind das: Tenny Tahamata (Bass) und Rob Heyne (Drums). Das Zusammenspiel der Drei ist erstklassig, jeder von ihnen hat genügend Freiräume, die auch genutzt werden. Dies ist der große Vorteil derartiger Formationen. Bass und Schlagzeug haben durchaus ihr Eigenleben, bilden jedoch auch ein auf einander eingespieltes und abgestimmtes Team, das die Basis für Julians gitarristische Höhenflüge bildet. Blues-, Boogie- und Rockriffs wechseln sich ab, genauso wie der Meister die Gitarren wechselt. Les Paul in Sunburst Finish, gefolgt von Stratocaster mit ebenfalls, aber erheblich angekratztem Sunburst Finish und umgedrehtem Hals,  gefolgt von einer Gibson Firebird, gefolgt von einer dunkelroten Gretsch, Solid Body mit Bigsby Tremolo. Das Wechselspiel geht munter hin und her. Egal, welche „Axt“ der Meister da in Händen hält, bei ihm sind sie alle gut aufgehoben. Verstärkt wird das Ganze über einen Marshall- Stack JCM 900 und verfeinert durch eine Anzahl diverser Bodeneffekte, wie den Ibanez Tube- Screamer und ein Vox WahWah- Pedal. Julian spielt einige neue Titel.

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Julian Sas

Dass Julian Sas eine Affinität zu Rory Gallagher hat ist sicher kein Geheimnis. Für viele ist er der legitime Nachfolger des 1995 verstorbenen Iren. Dem kann man durchaus zustimmen, besonders, wenn man Julian’s Version von «I Take What I Want» hört. Doch es ist mehr als eine punktgenaue Replik dieses Titels. Diese Version ist auch eine Verneigung des Künstlers Sas an den Künstler Gallagher.

Und damit ist das musikalische Claim von Julian Sas bestens abgesteckt. Seine eigenen Titel bewegen sich stilistisch irgendwo zwischen Hendrix und Gallagher, immer auf den Punkt gebracht und ohne überflüssige Schnörkel.

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Tenny Tahamata & Julian Sas

Genau das ist es, was Leute wie Julian Sas oder eben Rory Gallagher ausmacht. Sie sind sich selbst treu, authentisch. Das gibt den Fans Planungssicherheit bezüglich ihrer Erwartungen und die Gefahr enttäuscht zu werden ist äußerst gering.

Mein Dank gilt auch der Crew vom Saal Birgit in Viersen, die wieder einmal einen klasse Job gemacht hat. Man darf sich auf weitere Konzerte in dieser Location freuen.