Vargas Blues Band am 01.11.2009 im Topos, Leberkusen

 
Javier Vargas
Javier Vargas

Ich habe einige Konzerte besucht in den vergangenen Monaten. So stelle ich mir oft die Frage, was ist denn nun und gerade bei diesem Konzert anders und besonders im Vergleich zu den Vorherigen?

Ist es dieses Mal Javier Vargas’ Gitarrenspiel, Tim Mitchell’s Gesang? Luis Mayo’s Bassspiel, Alvaro Tarquino Chevere’s Percussion. oder dessen Gesang oder ist es Peter Kunst mit seiner Art das Schlagwerk zu bedienen?

Ich denke, dass es wie jedes Mal nicht die Einzelcharaktere ist, sondern die Chemie zwischen den Agierenden. Das Gemisch der Fähigkeiten und Persönlichkeiten.

Ich vermute, über die Virtuosität eines Javier Vargas an der Gitarre brauche ich nicht viele Worte zu verlieren. Sie steht und fällt in keiner Sekunde hinter den Erwartungen zurück. Besonders möchte ich seine Technik erwähnen, zwischen Standard- und Slidespiel zu wechseln. Mir war gar nicht so bewusst, was für ein grandioser Slider Señor Vargas ist. Er beherrscht alle von ihm angeschlagenen Stilarten. Das reicht vom schwärzesten Blues über Bluesrock und Latino bis hin zum Hardrock. Kurz: Ein Meister des Fachs Gitarre. Basta.

Seine Mimik verrät, dass er in seinem Spiel aufgeht. Die Augen hat er meist geschlossen. Javier Vargas wirkt in sich gekehrt, introvertiert und immer auf der Höhe des Geschehens.

Tim Mitchell

Ganz anders Tim Mitchell. Ein wahres Showtalent. Die sprichwörtliche „Rampensau“. Er gestikuliert, mimt, tanzt, schreitet, dreht sich um die eigene Achse, gibt den Clown. Aber alles wirkt so natürlich und leichtfüßig, man bekommt keine Sekunde den Eindruck, hier sei etwas aufgesetzt.

Dazu ist dieser Mann noch mit einer Stimme gesegnet, die es in ihrer Variationsmöglichkeit locker mit der eines Al Jarreau aufnehmen kann. Da ist alles drin, die ganze Bandbreite vom Falsettgesang bis hinunter in die Tiefen eines Barry White. Ob er nun leise oder laut, sanft oder rau singt, er weiß mit seiner Stimme zu spielen. Es macht Spaß, ihm zuzuhören und zuzusehen.

Auf der Setliste stehen Songs wie: «Big Boss Man», «Texas Tango», «Black Cat Boogie», «People Get Ready» oder «Sad Eyes».

Bassisten stehen zu Unrecht oft im Schatten der anderen Akteure auf einer Bühne. Es mag sein, dass dieses ihnen oft angenehm ist, nicht so im Rampenlicht zu stehen. Sie tun brav ihren Job und dienen somit dem Großen und dem Ganzen.

Javier Vargas

Anders heute Abend: Luis Mayo, der Mann aus Argentinien und bisheriger Backgroundsänger, tritt für einige Songs ans Mikrofon. Tim Mitchell hat die Bühne verlassen und ihm damit den Hauptgesangspart überlassen.

«Blues Local» Luis Mayo singt auf Spanisch. Jetzt kommen bei den Songs die Latinoadern durch. Luis singt mit solchem Charme und solcher Inbrunst, dass man schon automatisch nach Tränen stillenden Hilfsmitteln sucht.

Fazit: Ein tolles Konzert mit ebenso toller Bühnenshow, fünf gut aufgelegte Musiker und ein mitgehendes Publikum. Was will man mehr an so einem Konzertabend als gute Unterhaltung. Und die hatten alle, die da waren.

Unbedingt nicht verpassem, wenn in der Nähe….

Vargas Blues Band

Text und Fotos © Tony Mentzel

Larry Miller am 03.11.2009 im Talbahnhof, Eschweiler

Larry Miller

Larry Miller

Es ist meine dritte Begegnung mit diesem britischen Musiker und diese Begegnungen sind auch irgendwie immer welche der dritten Art.

Larry Miller ist nicht nur ein ausgezeichneter Gitarrist und Sänger, er ist zudem ein hervorragender Comedian und somit, wenn man das alles zusammennimmt, ein gnadenlos guter Entertainer.

Die etwa 60-70 Leute im Publikum bekommen heute Abend im Eschweiler Talbahnhof für 12 Euronen eine Show mit absolut hohen Unterhaltungswert.

Larry weiß mit dieser zunächst zurückhaltenden und abwartenden Masse umzugehen. Slapstick gerecht stolpert er auf die Bühne, taumelt bis zum Mikrofon und ruft dort hinein: „I wanna hear some noise!“ Verhaltene „Noise“ Bekundungen reichen ihm nicht, er will mehr. Und er bekommt mehr. Und noch mal mehr. Und schon hat er das Publikum in der Tasche.

Er wird zwei Sets spielen und Songs hat er reichlich im Gepäck, aus eigener wie aus fremder Feder. Das Programm ist musikalisch abwechslungsreich und gleichzeitig auf höchstem Niveau und wird zusätzlich gewürzt durch Larrys humorvolle Zwischentexte.

Stilistisch bewegt sich Mr. Miller zwischen seinen beiden großen Vorbildern Jimi Hendrix und Rory Gallagher. Ein Beispiel hierfür ist «Messing With The Kid», das Junior Wells 1960 als erster aufnahm und von dem es mittlerweile zig Versionen gibt. Eins der für mich besten Cover ist das von Rory Gallagher, an dessen Version die Interpretation von Larry Miller stark angelehnt ist. Es ist der zweite Titel im ersten Set und jetzt ist bereits klar, wohin die Reise heute Abend gehen wird: Blues und Bluesrock vom Allerfeinsten wird von Larry und seinen beiden Begleitern Derek White am Bass und Simon Baker an den Drums. Die Beiden unterstützen Larry’s Gitarreneskapaden aufs Vorzüglichste. Egal, ob die Songs «Sinking Sun», «Calling All The Angels», «Mr. President» oder Daddy’s Car» heißen.

Mit dieser neuen Besetzung kommt mir das alles noch druckvoller vor als ich es noch in Erinnerung hatte. Vielleicht liegt es auch daran, dass Larry’s Hauptgitarre heute nicht seine Les Paul (die hat er wohl daheim gelassen) ist, sondern eine im Lack ziemlich ramponierte Stratocaster.

Als dann Rory’s «I Take What I Want» in einer gefühlten 10 Minuten Version erschallt und den Raum füllt, fühle ich mich zum letzten Freitag, das heißt zu dem großartigen Konzert von Julian Sas zurück-versetzt. Diese beiden Interpretationen stehen sich in der Qualität in nichts nach.

Bei der ersten Zugabe kommt dann Larry’s exotisch dreinschauende Vox Gitarre noch zum Slideeinsatz: Wie zu erwarten folgt der «Bullfrog Blues» und der hat es wirklich in sich. Larry Miller weiß auch als Slidegitarrist zu überzeugen.

Mit einer Zugabe lässt sich das begeisterte Publikum nicht abspeisen. Es folgen also noch zwei Weitere. Larry spielt hier ein kleines Jimi Hendrix Set, dafür nimmt er die wohl eigens zu diesem Zweck mitgebrachte schneeweiße Strat aus dem Guitarstand. Erinnerungen an Jimi’s Axt in Woodstock? Und was spielt Mr. Miller? «Purple Haze», gefolgt von «Star Spangeled Banner», gefolgt von «Voodoo Chile». Lustig, denn Jimi spielte die Titel in Woodstock in umgekehrter Reihenfolge. Nicht desto trotz kommen die Hendrixsongs sehr authentisch aus den beiden Marshall- Stacks. Ein nostalgischer und wahrer Hörgenuss wie zuvor schon «Red House».

Jetzt ist die werte Zuhörerschaft ganz aus dem Häuschen und die Zugaberufe wollen nicht verhallen. Larry stolpert ein letztes Mal auf die Bühne und gleich das erste Riff lässt erkennen, dass «Hey Joe» der nächste Song sein wird.

Mann, oh Mann! Larry Miller braucht sich wirklich nicht zu verstecken. Er bringt die Titel mit einer schon fast provokanten und selbstverständlichen Leichtigkeit und einem grimassierenden Mordsspaß herüber und das dazu noch absolut treffsicher in Sound und Spieltechnik. Ein brillanter, furioser Abschluss eines brillanten und furiosen Konzerts, das in seiner Art der Darbietung seines Gleichen sucht.

Fazit: Dazu möchte ich Klaus Schmidt von Tourworks zitieren, der seinen Schützling so ankündigt: „Erfreulich, dass so viele zu diesem Konzert gekommen sind, schade für die, nicht hier sind und die wieder einmal einen tollen Konzertabend verpassen werden.“ Genauso war es, ist es und wird es sein, deswegen Larry Miller und Band beim nächsten Mal unbedingt nicht (schon wieder) verpassen.

Text & Fotos © 2009 Tony Mentzel

Julian Sas am 30.10.2009 im Saal Birgit, Viersen

Julian Sas13_resizeFällt der Name Julian Sas, fangen viele an zu schwärmen.  Man muss ihn im Konzert erleben. Eine prima Gelegenheit dazu war letzten Freitag im Saal Birgit in Viersen. Live ist live und da kann die CD- oder DVD- Aufnahme eines Konzerts qualitativ noch so hoch sein, an das eigentliche Live- Erlebnis einer solchen Show reicht dies nicht heran. Der Mann hat eine Bühnenpräsenz wie kaum ein anderer. Er wirkt niemals angestrengt, ist immer Teil seiner Musik, ja geht richtig in dieser auf. Seine Emotionen drückt er hauptsächlich durch sein Gitarrenspiel aus, das einerseits technisch versiert ist, aber auch durch und durch emotional. Dazu noch der Gesang, in den er die ganze Kraft seiner Stimme legt. Da darf’s dann auch mal ein kräftig gebrülltes „Yeah“ abseits vom Mikro sein.

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Julian Sas

Nachdem die Band zuvor einen Keyboarder hatte, spielt sie heute als Power- Trio. Neben Julian Sas sind das: Tenny Tahamata (Bass) und Rob Heyne (Drums). Das Zusammenspiel der Drei ist erstklassig, jeder von ihnen hat genügend Freiräume, die auch genutzt werden. Dies ist der große Vorteil derartiger Formationen. Bass und Schlagzeug haben durchaus ihr Eigenleben, bilden jedoch auch ein auf einander eingespieltes und abgestimmtes Team, das die Basis für Julians gitarristische Höhenflüge bildet. Blues-, Boogie- und Rockriffs wechseln sich ab, genauso wie der Meister die Gitarren wechselt. Les Paul in Sunburst Finish, gefolgt von Stratocaster mit ebenfalls, aber erheblich angekratztem Sunburst Finish und umgedrehtem Hals,  gefolgt von einer Gibson Firebird, gefolgt von einer dunkelroten Gretsch, Solid Body mit Bigsby Tremolo. Das Wechselspiel geht munter hin und her. Egal, welche „Axt“ der Meister da in Händen hält, bei ihm sind sie alle gut aufgehoben. Verstärkt wird das Ganze über einen Marshall- Stack JCM 900 und verfeinert durch eine Anzahl diverser Bodeneffekte, wie den Ibanez Tube- Screamer und ein Vox WahWah- Pedal. Julian spielt einige neue Titel.

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Julian Sas

Dass Julian Sas eine Affinität zu Rory Gallagher hat ist sicher kein Geheimnis. Für viele ist er der legitime Nachfolger des 1995 verstorbenen Iren. Dem kann man durchaus zustimmen, besonders, wenn man Julian’s Version von «I Take What I Want» hört. Doch es ist mehr als eine punktgenaue Replik dieses Titels. Diese Version ist auch eine Verneigung des Künstlers Sas an den Künstler Gallagher.

Und damit ist das musikalische Claim von Julian Sas bestens abgesteckt. Seine eigenen Titel bewegen sich stilistisch irgendwo zwischen Hendrix und Gallagher, immer auf den Punkt gebracht und ohne überflüssige Schnörkel.

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Tenny Tahamata & Julian Sas

Genau das ist es, was Leute wie Julian Sas oder eben Rory Gallagher ausmacht. Sie sind sich selbst treu, authentisch. Das gibt den Fans Planungssicherheit bezüglich ihrer Erwartungen und die Gefahr enttäuscht zu werden ist äußerst gering.

Mein Dank gilt auch der Crew vom Saal Birgit in Viersen, die wieder einmal einen klasse Job gemacht hat. Man darf sich auf weitere Konzerte in dieser Location freuen.

Rockpalast – Peter Rüchels Erinnerungen – Lesung im Topos in Leverkusen am 28.10.2009

Flashbacks. Weiße Nächte. Alkoholfrei oder tief durchtränkt. Felsenpaläste. In der Essener Gruga Halle oder im Freien auf dem Loreley- Felsen. Allein oder mit Freunden. Süße Erinnerungen. Gesichter tauchen auf und wieder ab. Ein Damals. Ein Heute. Musiken finden wieder statt. Wir sind älter geworden, alle, mit diesen wunderbaren Erfahrungen. Als das Fernsehen noch mono im Ton war, aber das Radio längst stereo. Nichts ist anders und alles hat sich geändert. Das Tonband drehte gemächlich seine Runden von Spule zu Spule, jeder wusste, dass hier etwas Ungewöhnliches, Geschichtsträchtiges passierte.

Zeit, einmal die Luft anzuhalten, sich zurückzulehnen und den Helden von damals und jetzt zu lauschen: Rory, Johnny, Lowell, Jerry, Eric, Steve, Steven, David, Billy, Joan….

Und eben jetzt gibt es das Buch zu zum rockigen Meilenstein im deutschen TV. Der über viele Jahre redaktionell Verantwortliche, Peter Rüchel, stellte am Mittwoch, den 28.10.2009 unter den Augen und Ohren zahlreicher Gäste im Leverkusener Topos seine zu Papier gebrachten Erinnerungen vor. Darüberhinaus würzte er dies durch zahlreiche weitere, (bisher) ungeschriebene Anekdoten.

Es war eine wahre  Wonne, dem zuzuhören und sich mit so vielen Menschen auf diese, kleine, träumerische Zeitreise zu begeben.

Musikalisch wurde der Abend untermalt von Wolfgang Niedecken, der in Erinnerung an Rory Gallagher eine eingekölschte Version von „A Million Miles Away“ zum Besten gab, Kozmic Blue mit Reminiszenzen an good old Janis und der Topos All Star Band, die Titel von Steve Miller, John Fogerty, Spencer Davis und anderen zu Gehör brachten.

Eine wirklich gelungene Veranstaltung, die zudem total ausverkauft war. So ist dies auch heute eine Huldigung an eine der wichtigsten Errungenschaften des deutschen Fernsehens, dem WDR sei noch mal ausdrücklich gedankt für das Wagnis, eine derartige Sendereihe ins Programm aufzunehmen: Mit voller Risikobereitschaft, die Liveprojekte nun mal in sich bergen.
Vor ein paar Tagen ist die DVD mit dem Rockpalst- Konzert von ZZ Top bei mir eingetrudelt. Wenn ich so gegen vier Uhr noch wach bin, werde ich sie in den Player legen, mich aufs Sofa setzen und so tun als ob…

Danke an Peter Rüchel und Christian Wagner, Alan Bangs und Albrecht Metzger und alle anderen, die an einem Teil von meinem Leben mitgewirkt haben. Danke für den Rockpalast, der über weite Strecken durchaus auch Bluespalast geheißen haben könnte…

Deborah Coleman am 24.10.2009 in Schmallenberg

Deborah Coleman

Deborah Coleman

 

„Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich, zumindest was mich angeht, ein wirkliches Bedürfnis habe, es lebendig und spontan zu halten. Das ist, was mir wichtig ist und ich denke das ist es auch bei den meisten in meinem Publikum.

Diesem in einer Pressemitteilung geäußerten Lippenbekenntnis lässt Deborah Coleman Taten folgen, an diesem Samstagabend im Oktober im sauerländischen Schmallenberg.

Und diese Taten haben es in sich, soviel sei schon verraten, wobei die Mittäter das Ihrige und das zum Besten tun: Roger Inniss am sechssaitigen Bass, Denis Palatin (oft und gerne gesehen als Trommler des Blues Caravan) an den Drums und ein weiterer Gitarrist, dessen Name zwar mehrfach genannt wurde, ich aber im beigeisterten Publikumstumult leider nicht verstehen kann.

Was vom ersten Titel an von der Bühne auf uns Zuhörer niedergeht, ist eine geballte Bandleistung. Klar, Deborah Coleman ist die Frontfrau. Aber die von ihr gewünschte Forderung nach Lebendigkeit und Spontaneität erfüllen ihre drei Mitmusiker bis in die Haarspitzen.

Es findet sich nicht ein Song, der einfach nur herunter gespielt, im 08-15 Gewand daher käme. Dass Musik Gefühle zum Ausdruck bringt, ist hinlänglich bekannt, hier ist es mehr, weitaus mehr, hier ist wahre Leidenschaft im Spiel.

Kaum einer der Titel kommt unter zehn Minuten Spieldauer. Sie sind gespickt mit Spannungsbögen, die immer wieder von neuen Ideen aller Beteiligten gestaltet werden. Die Bass und Rhythmusmaschinerie, genial besetzt durch Roger Inniss und Denis Palatin, beide nach meinem Dafürhalten Weltklassemusiker, die zudem so was von gut aufeinander eingespielt sind, treibt unerbittlich nach vorne. Deborah spielt ihre Soli auf ihrer Telecaster in sich versunken mit geschlossenen Augen. Und das alles sauber auf den Punkt, hier gibt es keinerlei Ausfälle.



Songs wie «I’m A Woman» oder «Them Changes» gehen einem in Mark und Bein, letzteres will dann auch gar nicht mehr still stehen. Der Sound ist optimal, vor der Bühne wird getanzt, das Publikum ist bestens drauf. Was will man mehr?

Doch es gibt diesen Wunsch nach Mehr, der wird öffentlich durch nicht anhaltende Zugaberufe. Lange lassen sich die Vier auch nicht bitten. Sie kommen diesem Wunsch in reichlich bemessener Form nach.

Die musikalische Darbietung ist natürlich modern, doch die Art der Interpretation erinnert mich an Konzerte aus den frühen Siebzigern. Auch hier wurde den Bandmitgliedern genügend Raum und Zeit geboten, ihre Qualitäten solistisch unter Beweis zu stellen. Damals wurde auch improvisiert, was das Zeug hält. So auch heute und bei dieser Band.

Man feuert sich gegenseitig an zu interessanten Läufen und Wendungen, nimmt sich gegenseitig mit auf Tonreisen und -eskapaden, die jedoch niemals im Nirvana verlaufen, sondern auch immer zielsicher wieder zum eigentlichen Song zurückführen.

Diese Darbietung beschert uns, den Zuhörenden und Zuschauenden, eine atmosphärische Dichte von nicht erahntem Ausmaß. Selbst mir, der diese Band erst zuletzt vor einem halben Jahr gesehen hat, bleibt nur enthusiastisches Staunen ob dieser Steigerung zum Konzert vom April.

Fazit: Zumindest muss ich nicht meckern, was die Publikumsgröße angeht. Es tut gut zu sehen, dass Blues auch immer wieder so viele Menschen in seinen Bann ziehen kann. Dafür danke ich den Veranstaltern und auch den Musikern an diesem Abend. Und was Deborah Coleman und ihre Band anbelangt, spreche ich ein „Unbedingtnichtverpassen“ mit Auszeichnung aus.

Text & Fotos © 2009 Tony Mentzel

Joanne Shaw Taylor und Band am 03.10.2009 im Café de Weegbrug, Roermond (NL)

Die Frau hat es einfach drauf und mir gefällt ihre Präsentation von Mal zu Mal besser. Ihre Stimme ist heute noch etwas rauer und rauchiger, was an ihrer leichten Erkältung liegen mag. Über ihre klasse Gitarrenarbeit brauche ich nichts mehr zu sagen, das steht schon an anderer Stelle beschrieben. Heute spielt sie lediglich ihre Fender Telecaster. Der optimale Sound für ihre ohne Schnörkel gespieltem Titel, beispielsweise: «Bones», «Time Has Come». Sogar einen Hendrix Titel hat sie im aktuellen Gepäck: «Manic Depression». Klar, der Knaller ist wieder einmal «Blackest Day» und klar auch, hier mit einem richtigen Ende und nicht diesem Fade- Out wie auf der CD. Live klingt Joanne sowieso besser als das der Silberling einfangen konnte.

Joanne, mach weiter so, du hast das Zeug zu einer ganz Großen. Begleitet wird sie heute von Andy Taylor am Bass und Nick Gibbs am Schlagzeug. Ein Powertrio in bester britischer Bluestradion mit reichlich frischem (Auf)Wind.

Mark Selby am 23.09.2009, Altes Pfandhaus, Köln

Mark Selby

Mark Selby

Um ca. 20:20 Uhr beginnt Mark Selby solo mit Bob Dylan’s Song «Down in the Flood» das Programm. Und sofort ist sie da, die Magie, die von seiner kernigen und tonsicheren Stimme und seinem grandiosen Gitarrenspiel ausgeht.Mark hat aus den USA seine aktuelle Band mitgebracht Charles „Chopper“ Anderson am Bass und den „Groover aus VancouverDarryl „BB“ Burgess (Drums und Backgroundgesang).

Es ist genau dieselbe Besetzung, mit der Mark Selby bereits am 23.10.2008 sein Rockpalast Konzert eingespielt hat, das gerade eben als CD und DVD unter dem Titel «One Night In Bonn» erschienen ist.

Im Prinzip bilden die auf den beiden Medienträgern enthaltenen Titel auch die Grundlage für den heutigen Konzertabend, der in zwei Sets bestritten wird.

So finden wir Titel wie: «She’s Like Mercury», «Dirt», die wunderbare Ballade «Baby, I Do», «You’re gonna Miss My Love», «More Storms Coming» oder «Guitar In The Rain», was zu meinem Entsetzen auf der Live- CD leider fehlt.

Es gibt auch die eine oder andere weitere Cover Version, so zum Beispiel «You are so beautiful», der Song, den Joe Cocker bekannt gemacht hat. Den Gesangspart hierbei übernimmt Darryl „BB“ Burgess, dessen Timbre stellenweise an das vom unvergleichlichen Joe erinnert, das macht Darryl auch ganz gut, kann aber im Vergleich zu Mr. Cocker’s Möglichkeiten sicher nicht bestehen. Das ist eben das Risiko bei Coversongs, man wird immer am Original gemessen und die Cocker’sche Vorlage ist stimmlich kaum zu schaffen. Der einzige Ausweg hier wäre, etwas komplett Neues daraus zu schöpfen. Zumindest fehlen hier glücklicherweise die schwelgenden Streicher des Originals, der Song bekommt durch diese Trio Interpretation eine neue, intimere Dichte. Einfach Augen zu und wegdriften, am besten zu dem Menschen, dem man genau in diesem Augenblick sagen möchte, wie wunderbar er ist.

 Es ist schon eine tolle Atmosphäre in diesem u-förmigen Amphitheater gleichen Raum, den das Alte Pfandhaus für Konzerte bereithält. Die ausgewogene Akustik erlaubt es, dass auf Tonabnahme von Bass, Gitarre und Schlagzeug verzichtet werden kann. Allein der Gesang wird über die Soundanlage verstärkt.

Das einzige Knock-out Kriterium an diesem Abend ist die geringe Zuschauerzahl von etwa vierzig. Für eine Millionenstadt wie Köln sicher eine nicht zu erwartende Untermenge. Selbst für einen Mittwoch. Es mag sein, dass der Eintrittspreis von 24 Euro an der Abendkasse eine abschreckende Rolle gespielt hat. Aber zu diesen Preis bekommt man an nun auch eine entsprechende Gegenleistung. Schade, dass so wenige Leute hier sind, um einer Band zu lauschen, die alles gibt und mit bester Spiellaune und das gute zwei Stunden lang. Genau das nenne ich Professionalität. Hier werden somit nicht die Anwesenden, sondern die Ferngebliebenen bestraft. Denn Konzertabende von solcher Qualität und dazu noch in solchem Ambiente findet man selten.

Denen, die nicht dabei sein konnten oder wollten möchte ich die aktuelle CD oder auch die entsprechende DVD wärmstens ans Herz legen. Hier bekommt man einen recht guten Eindruck von Mr. Selby’s Musik und von der gesamten Konzertatmosphäre.

Das Konzert endet, wie es begonnen hat: Mark spielt und singt solo. Und zwar seine wunderschöne Fassung des 60-ger Jahre Welthits von Procul Harum: «A Whiter Shade Of Pale». Im Saal ist es mucksmäuschenandachtsvoll still und man hätte sicher die ebenso berühmte wie sprichwörtliche Nadel fallen hören können, selbst beim Auftreffen auf die gepolsterten Sitze. Und am Schluss singen fast alle im Halbrund verhalten mit: «..turned out a whiter shade of pale..»

Musik, die Menschen bewegt, führt zu magischen Momenten wie diesen und die kann man nicht beschreiben, man muss sie erleben, für mich ist heute eben einer mehr dazu gekommen. So bin ich froh, mich mal wieder aufgerafft zu haben, an diesem Mittwoch in Köln.

Life is live.

Fazit: Wenn in der Nähe bloß nicht wieder verpassen. (Das gilt nicht nur für Köln!)

W.I.N.D. am 16.10.2009 im Spirit of 66, Verviers (B)

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W.I.N.D.

Lange schon stehen sie auf meiner Liste der unbedingt bald live zu hörenden Bands: W.I.N.D. aus dem italienischen Udine. Heute Abend ist es soweit: Kurz nach 21:30 Uhr steht das Trio auf der Bühne in „meinem 2. Wohnzimmer“, dem Spirit of 66.

Das Ganze beginnt schon vielverheißend mit einem Slidesolo von Anthony Basso auf seiner Lefthand Les Paul Edelkopie aus der italienischen Manufaktur Jim Reed. Hier schon werden deutliche Sound- und Stilanleihen beim seligen Duane Allman deutlich.

Es ist wirklich so: Der Junge stöpselt ein, ein kurzes Knacken und der erste Rutsch mit dem Bottleneck über die Saiten und es ist da und zwar sofort und unabweisbar: Das Gänsehautfeeling. Na, das kann ja was werden! Und wird es dann auch.

Beim Schreiben ist es eine gern gelesene Art, Spannungsbögen aufzubauen. Darauf kann ich heute getrost verzichten, denn die drei Jungs da auf der Bühne tun dies ebenfalls nicht. Hier geht es gleich in die Vollen. Und sie halten das Niveau bis zum Ende des ersten Sets, das derzeit noch etwa 70 Minuten entfernt liegt, um es dann nach der Pause mit der gleichen Power wieder aufzunehmen.

Der Begriff Powertrio wird hier hundertprozentig ausgeschöpft. Vom Sound, vom Stil eindeutig amerikanisch. Während der Titel weist nichts, aber auch rein gar nichts auf italienische Wurzeln hin, man hat stets den Eindruck, einem texanischen Dreigestirn gegenüber zu stehen. Allein bei den Ansagen zu den Songs ist der leichte und durchaus wohltuende, charmante italienische Akzent im Englischen hörbar, der mich an all die Gespräche mit anderen italienischen Musikern an anderer Stelle denken lässt.

Eine Band wie aus einem Guss. Hier stimmt einfach alles. Jeder hat seinen Platz, jeder hat seine Aufgabe und jeder erfüllt das ihm Übertragene aufs Beste.
Fabio Drusin (Bass, Lead Vocals, Harmonika) ist ebenso exzellenter Bassmann wie Sänger. Er teilt sich den Leadgesang mit Anthony Basso. Seine Stimme ist voluminös, tonsicher und und mit einem rauen Timbre gesegnet. Die Licks, die er auf seinem Dan Armstrong Bass spielt, dessen Body aus Plexi geformt ist, gehen über das standardmäßige Tieftongrundlagenbilden hinaus. Wieder einmal ein Bass, der etwas zu „sagen“ hat, gespielt mit einer offensichtlichen Leichtigkeit in sämtlichen Grifflagen, teils sogar in Solopassagen übergehend.

Der Mann an den Drums tut das Seinige, um dieses musikalische Präzisionsuhrwerk am Laufen zu halten. Ideenreich, präzise, druck- und kraftvoll und immer für ein überraschendes Fill-In gut ist das Spiel von Silver Bassi. Immer auf dem Punkt und somit die ideale Ergänzung zu den beiden anderen Musikern.

Die Setliste ist gefüllt mit großartigen Songs aus der Feder von Fabio Drusin und/oder Anthony Basso. «Goin‘ Lazy». «Lucky Man», «Over The Sun» oder «It’s Too Late To Lie», aber auch Klassiker wie «Hoochie Coochie Man», «Dust My Broom» oder «Whippin‘ Post» fehlen nicht, ja dürfen nicht fehlen. Hier werden die musikalischen Vorlagen und Vorbilder mehr als deutlich: Stilistisch bewegen sich die Drei auf dem Gebiet der Allman Brothers und das tun sie mit einer schlafwandlerischen Sicherheit, die einem das Staunen ins Gesicht und das Wohlbefinden ins Herz zaubert. Eingeflochten in diese Titel sind Zitate und damit „Hut ab“ Beweise von anderen Klassikern wie: «I’ve Been Lovin‘ You Too Long», «Ain’t No Love In The Heart Of The City» oder «Long Time Gone».

Es macht so richtig Spaß und gute Laune, dem mehr als zweistündigen Konzert dieses Powerpakets zuzuhören.

Im zweiten Set gibt es einen Gastauftritt des Sängers und Gitarristen der Blitz Blues Band aus Verviers Bobby Winkin. Man improvisiert einen Slowblues , den Gesang teilen sich Bobby und Fabio.

W.I.N.D. den alleinigen Stempel „Southern Rock“ aufzudrücken, ist verfehlt. Die Wurzeln liegen ganz klar im Blues. Das kommt immer wieder durch, verzweigt sich schon mal in den Bluesrock. Doch all diese Schubladen erübrigen sich, wenn man die Gelegenheit hat, mit einer solchen gewachsenen Band einen tollen Abend zu verbringen.

Solo bringt Anthony dann als Zugabe noch Bob Seger’s «On Mainstreet», den er als eines seiner größten Vorbilder nennt.

So geht ein musikalisch dichter und interessanter, Ohren und Herz öffnender Freitagabend zu Ende.

Eine kleine amüsante Anekdote am Rande: Während der Pause baut Raoul vom Spirit of 66 schon mal gemächlich die Mikrofone ab, zieht die Kabel, verstaut die Staive und die Amps. Alle wundern sich, keiner fragt nach. Jeder erwartet eine Überraschung.

Die eigentliche Überraschung ist die, dass Raoul versehentlich gemeint hat, dass Konzert sei bereits beendet. So bleibt nichts anderes übrig als mit Hilfe von Francis, dem Betreiber des Spirit in Nullkommanix die Mikrofonierung wieder vorzunehmen. Publikum und Band sehen dies sehr gelassen, der Stimmung im Saal tut dies keinerlei Abbruch. Nur Raoul muss sich ein paar nette, belustigte Bemerkungen anhören.

Die Publikumsstärke an diesem Freitagabend liegt etwa bei 50-60 Leuten. Auch mal wieder nicht gerade üppig, die Band und die Location hätten mehr verdient.

Mit Anthony habe ich nach dem Gig noch ein kurzes Gespräch, er verrät mir, dass die neue CD so gut wie im Kasten ist, dass es Spaß macht mit Leuten wie Johnny Neel von den Allman Brothers (auf einigen CDs von W.I.N.D. zu hören) zu spielen. Mittlerweile haben sie auch in den USA eine wachsende Fangemeinde. Sicher werden sie nächstes Jahr auch wieder durch Europa touren und Deutschland wird auch dabei sein.

Fazit: W.I.N.D. ist ein heißer Tipp für alle, die die Musik der Allman Brothers, Gov’t Mule und Konsorten mögen. Eine sympathische, hoch motivierte Band, die das Zeug zu ganz viel Mehr hat. Darum beim nächsten Mal unbedingt nicht verpassen.

Text & Fotos © Tony Mentzel

Neal Black am 18.10.2009 im Topos, Leverkusen

 

Neal Black & Kim Yarbrough

Neal Black & & Kim Yarbrough

Neal Black

steuert auf meinem Tisch direkt an der Bühne im Topos zu. In der Hand ein Glas „Applejuice“ aus dem Hause J. Walker randvoll mit Eiswürfeln. „Hey Tony, wie geht’s dir, schön dass du hier bist. Wie läuft’s mit dem Radio?“ Es ist immer wieder ein Vergnügen, Neal Black zu treffen. Dieses Erlebnis hatte ich nun ja schon mehrfach. „Dem Radio geht’s gut, mir auch, vielleicht können wir ja bald eine neue CD von Neal Black präsentieren?“ – „Oh, ich denke das wird wirklich bald möglich sein, ich war vor kurzem in New York, da haben wir einige Titel eingespielt. Weißt du, wer auch auf so sieben oder acht Songs mitspielt?“ Ich weiß es natürlich nicht. „Popa Chubby!“ „Wow, wie war die Zusammenarbeit?“ – „Das war sehr interessant, du kannst gespannt sein, er ist ein klasse Gitarrist.“ Seitdem bin ich also gespannt, wie sich die neue Scheibe wohl anhören wird. Neal ist bekanntermaßen ja auch ein klasse Gitarrist.

Und genau das wird er in den folgenden mehr als zwei Stunden seines Clubgigs im Topos auch wieder unter Beweis stellen.

Und das vor knapp zwanzig (in Ziffern: 20) Zuhörern. Es ist Sonntagabend in Leverkusen. Der wöchentliche Tatort läuft in der ARD.

Hier allerdings sind drei erstklassige Musiker auf der Bühne: Am Bass Kim Yarbrough aus New York City, der bereits u.a. mit Screamin’ Jay Hawkins, Bernard Allisson, John Mooney oder Bobby Rush zusammen gearbeitet hat und an den Drums Pat Machenaud aus der Champagne, der etatmäßiger Schlagwerker von Fred Chapellier ist.

Neal greift zur Akustikgitarre aus dem Hause Lag und präsentiert einige Ragtime- und Bluestitel. «Black Mountain Rag» oder «Bult For Comfort» seien hier genannt.

Dann wird es Zeit für die berühmte Flying V von Gibson. Sie begleitet Neal auf Titeln wie: «I Don’t Have The Blues When I’m Stoned», «Poor Boy», «Pink Chainsaw Boogie», «As The Years Go Passing By», «Who Do You Love».

Über die Qualität der Darbietung brauche ich nicht allzu viel zu sagen, außer dass sie schon wie in allen anderen von mir gesehenen Auftritten des Texaners wieder einmal unumstößlich und außergewöhnlich gut rüberkommt. Profis eben, die sich durchs nichts beirren lassen: Nicht durch Müdigkeit, nicht durch mangelndes Publikum, nicht durch die relativ kleine Bühne.

Neal hat mir vorhin gesagt: „Ich bin ziemlich k.o., aber das ist normal und ich freue mich darauf morgen endlich wieder nach Hause zu kommen. Das Pendeln zwischen USA und Europa wegen der Aufnahmen zur CD und dazu noch die aktuelle Tour, das alles geht doch sehr an die Substanz, weißt du. Eine kleine Pause wird da gut tun. Naja, 11 Stunden Autofahrt sind es schon noch.“ Neal grinst und gönnt sich einen neuen „Apllejuice“.

Die ach so kleine Publikumsgemeinde klatscht lautstark drei Zugaben herbei, zum Schluss spielt das amerikanisch- französische Trio noch den Dylan Titel «She Belongs To Me» quasi ungeprobt und professionell improvisiert.

Unter dem Strich mal wieder eine erstklassige Perfomance von Neal Black und seiner Band, demnächst wird er unterwegs sein mit Mason Casey. Darauf darf man bereits jetzt gespannt sein.

Fazit: Meine unerschütterliche Empfehlung: Unbedingt bloß nicht verpassen. Just keep the blues alive. Und das nicht nur als Lippenbekenntnis! Tun ist angesagt und das in der Form von Hingehen zu solchen Konzerten.

Erste Urlaubstage

Boote in FécampCancale 17.08.2009

Gelandet. Gott bin ich nicht, aber zumindest wieder in Frankreich, das heißt, nicht ganz, ich bin in der Bretagne. Es lebe der kleine Unterschied. Der Tacho zeigt 847 km Wegs. Alles ist glatt gelaufen. Kleinere Staus an den Péage- Stationen sind verzeihlich, immerhin haben wir in Frankreich noch Hauptferienzeit.

 Dementsprechend voll sind die Campingplätze, in St. Valréry en Caux musste ich dann auch gleich eben wegen „überfüllt“ passen. Sei’s drum ich habe tollen Ersatz gefunden, ein paar Kilometer weiter, auf den Klippen von St. Pierre….

 Die Kameratasche nebst Inhalt gepackt und bis zum Rand der Klippen. Tolle Aussicht auf das Meer. Meer, endlich wieder Meer! Der Geruch archaisch vertraut, erwünscht und herbeigesehnt.

 Warum nicht den steilen Weg hinunter bis zum Strand? Weil der Weg hinauf mindestens genau so steil ist. Ach, was soll’s…

Hier ein Foto, da ein Foto. Drei junge Menschen, die sich in die Fluten stürzen. Warm wird das Wasser nun gerade auch nicht sein. Respekt!

 Der Weg hinauf verführt zur Schnappatmung, der ich dann munter fröne. Meine Waden werden härter, der morgige Muskelkater ist mir gewiss.

 Ermattet sinke ich auf die Matratze im Auto. Hier will ich sein, hier geht’s mir gut. Ich schließe die Augen, ein paar Gesichter huschen vorbei. Eins immer wieder und immer wieder ganz deutlich.

 Werde ich träumen? Wovon? Ein Traum wird doch gerade wahr. Einer. Ja der, mahne mich und der andere? Ich mahne mich weiter und zwar zur Geduld.

 Irgendwann, so kurz nach 22Uhr döse ich über meinen Träumen sanft ein. Irgendwann, so kurz nach vier Uhr dreißig werde ich wach. Durst. Ich suche nach der Wasserflasche. Der Sichelmond scheint mir durchs linke Fenster. Tausende Sterne funkeln. Ein paar kleinere Wolken ziehen vorbei.

 Mir geht’s gut.

 Irgendwann werde ich wieder wach und es ist schon hell. Der gesamte Himmel ist ein wolkiges Grau getaucht. Von aufgehender Sonne keine Spur. Hm.

 Die Uhr zeigt kurz nach sieben. Ich drehe mich noch einmal herum. Normalerweise wäre es Zeit zum Aufstehen. Der Kölner Nachbar ist auch schon munter. Drei-, viermal schließt er sein Auto auf, Türen knallen, er schließt wieder ab. Die Blinker tun das, was sie am besten können: Sie blinken und das jedes Mal.

 Irgendwann ist es acht Uhr. Ich denke an die, die gerade zur Arbeit rollen, krabbele aus dem Auto, strecke und recke mich vorschriftsmäßig und spüre meine Waden. Oha. Nichts mehr bin ich gewohnt. Vielleicht lässt sich ja in den nächsten Tagen daran etwas ändern.

 Ein Blick auf die Karte. Cancale wird das Tagesziel. Vor 13 Jahren entdeckt. Mit Blick auf den zwischen Normannen und Bretonen jeweils für sich reklamierten Mont St. Michel.

Pont d'Avale001_resize

Falaise d'Aval

 Hier sitze ich nun, ei einem Glas Cinsault, Rosé, fast Gris. Nach einigen Irrungen und Wirrungen rund um Caen, aber mit erfolgreichem Besuch eines Carrefour, der mir neben diesem äußerst schmackhaften Cinsault auch noch das dringend benötigte Campinggas, einen Camembert, Moutarde de Dijon, eine Baguette, ein paar Tomätchen, ein 10- Pack Kronenbourg bescherte.

 Zuvor habe ich noch in Étretat Halt gemacht, Fotos vom Falaise d’Aval , der Strandpromenade, den Standpromenierenden, den Beschäftigten des Strandcafés, die emsig Tische und Stühle aufstellen, die Softeismaschine auf Trab bringen.

Pont de Normandie

Pont de Normandie

 Toll auch wieder der Ritt über den Pont de Normandie, dieser atemberaubenden Brückenkonstruktion bei Le Havre, kurz bevor die Seine ihr wohl verdientes Ende im Meer findet. Die fünf Euro Wegezoll ist dies an Achterbahnfahren erinnernde Erlebnis allemal wert.

 Um meinem Muskelkater zu trotzen, bin ich eben einige 1000 Meter an der bretonischen Seilküste entlang balanciert. Habe Fotos gemacht.

 Zurück auf dem Campingplatz, wo in der gegenüber liegenden Nachbarschaft das Patriarchat freudige Urständ feiert: Er: „Zwei Dinge, die ich jetzt unbedingt benötige: Das französische Wörterbuch und ein Glas von dem Rotwein!“

 Und sie bringt ihm brav beides und er doziert im Weiteren über den Unterschied zwischen „sale“ (schmutzig) und „salé“ (gesalzen), zwei Wörter, die sie bei ihrem nächsten Einkauf besser nicht vergessen haben sollte.

Sonnenaufgang

 Cancale. 18.08.2009 Um 7:14 war ich pünktlich zum Sonnenaufgang über der Normandie wach. Der rote Ballon hob sich relativ schnell und zog eine Spieglespur in der Bucht von Mont St. Michel.

 Ich war heute im Ort und habe den einzigen dortigen Internetverbindungspunkt gefunden. Dem Office de Tourisme und dessen netten Angestellten  sei Dank. Das Café heißt „Carpe Diem“, was in französischer Aussprache erst einmal verstanden sein will. Nach einer beherzten Nachfrage habe ich verstanden und nicht nur den Tag ergriffen, sondern auch die Datenleitung. 27 Emails lauerten auf mich, keine eigentlich wichtig. Nun denn.

 Dann bin ich noch zum Port de Briac, der weniger ein Hafen als vielmehr eine kleine schnuckelige Badebucht ist. Wie häufig hier im Nordteil der Bretagne findet man von den Gezeiten abgeschroffte Felsen, dazwischen grauen, rauen Sand und eher weniger die gülden gefärbten Strände, dazu müsste man sich in den Süden bewegen. Das Wasser ist klar, ein paar Motor- und Segelboote haben in der Bucht festgemacht, Kinder, Frauen, Männer auf großen Badetüchern frönen dem Sonnenbad. Andere planschen in seichter Ufernähe.

 Gegen drei bin ich zurück auf dem Campingplatz, fühle mich irgendwie hundemüde, breite die Picknickdecke aus, zwischen Zelt und Auto, lege mich darauf und bin sogleich im Pays des Rêves, im Land der Träume.

 Es ist angenehm warm, zirka 24 Grad Celsius. Eine sanfte Brise weht vom Meer herüber. Der Magen meldet sich mit der Wehklage: Hunger. Ok. Ok. Ich mach ja schon.

 Die Cipollata brutzeln munter in der Pfanne, ich suche den Senf. Irgendwo wird, ja muss er doch sein. Ich finde ihn dort, wo ich ihn nicht vermutet hatte: In der Kiste mit denn Nahrungsmitteln.

 Der Wein des Abends ist ein „Chemin des Olivettes“, er ist eher schwarz denn rot und stammt aus dem Languedoc. Ich habe ihn gestern im Carrefour erstanden, dem alten Trick folgend: Schaue, welchen Wein die ansässige Bevölkerung kauft, vertraue und kaufe desgleichen. Gesagt, getan und Treffer. Treffer in der Mitte des guten, aber bezahlbaren Weingeschmacks.

Immerhin habe ich es geschafft, die Picknickdecke zu zähmen und wieder sach- und fachgerecht aufzurollen, das, was letzthin noch ein Problem schien, ist somit keins mehr.

 Morgen geht es dann nach La Chèze, dem eigentlichen Ziel und Grund der ganzen Reise. Das Festival beginnt dort am frühen Abend.

 Vorher habe ich noch eine kleine Reise zu den Plätzen, den Wohlbekannten, meiner Jugend geplant: St. Malo, Dinant, Dinard, Cap Fréhel, Erquy, St. Brieuc. Alles werde ich wohl nicht schaffen. On verra. Mal sehen.

 21:39. Allmählich dunkelt es ein. Die diversen Kochgerüche verflüchtigen sich mit der immer noch recht milden Sommerbrise und machen dem Meergeruch wieder Platz.

 Ich bin nicht Gott, aber wieder in Frankreich. Auch er würde sich hier wohl kaum besser fühlen. Alles ist gut. Doch Wünsche hat man, habe ich immer. Beim nächsten Mal dann vielleicht.